

Welchen Aufholbedarf gibt es im Bereich der Filmvermittlung und was bedeutet sie auch in Hinblick auf die sich ändernden Sehgewohnheiten bei vielen Jugendlichen, die Filme schon öfter am Handy konsumieren als im Kino?
Alejandro Bachmann: Bisher funktioniert Filmvermittlung sehr oft nur unter dem Aspekt des Inhalts. Das heißt, Filme werden im Unterricht oft als thematische Zuspieler eingesetzt, wenn es um bestimmte gesellschaftliche Themen geht. "Brokeback Mountain" beispielsweise als idealer, nicht allzu spröder Boden, auf dem man über Homosexualität diskutieren kann. Oder anhand eines Ken-Loach-Films über die Arbeiterklasse zu sprechen. Das ist aber nur eine von vielen Möglichkeiten, Filme im Unterricht einzusetzen, und leider reduziert sich die Filmvermittlung heute fast immer darauf: also Filme als Tool zur Erläuterung eines bestimmten Inhalts einzusetzen. Uns geht es aber um Medienkompetenz, um das Besondere der filmischen Denk- und Ausdruckweisen. Auch im Deutschunterricht geht es ja nicht nur darum, welche Geschichte "Faust" erzählt, sondern um die spezifische Sprache, um das ästhetische System, das bei diesem Stück wirksam wird.

Man denkt dabei also auch über Sprache nach. Wenn es um Medien geht, tut man das hingegen kaum. Egal, was man im Kino sieht oder im Fernsehen oder online – diese Formen, in denen Laufbilder verfasst sind, sind genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger für das, was wir wahrnehmen. Und diese Formen, diese Sprache, diese Eigenständigkeit des Films muss bei Filmvermittlung eigentlich im Zentrum stehen.
Das ist eine sehr grundsätzliche Herangehensweise
A.H.: Ja. Wir stellen uns auch Fragen zur Begrifflichkeit insgesamt: Was ist Film? Ist es der Streifen? Nicht unbedingt; natürlich darf man zum Filmstreifen Film sagen, aber für mich geschieht Film erst in dem Moment, in dem der Streifen in ein bestimmtes apparatives, räumliches, zeitliches System eingespannt ist und als Zeitereignis abläuft. Nur dann ist es ein Film. Solche Fragen versuchen wir in der Vermittlungsarbeit auch zu diskutieren.
Worin liegt nun die Herausforderung für eine Cinemathek wie das Filmmuseum in Zeiten von HD-Heimkinoanlagen, in denen digitale Bilder dominieren und den Weg ins Lichtspielhaus für viele obsolet machen?
A.B.: Es geht weniger um die Frage, was besser oder schlechter ist – analog oder digital. Das ist eine müßige Diskussion. Wichtiger ist es, zu erklären, dass es ganz unterschiedliche Medien sind und was die Unterschiede sind. Auch die Kontexte, in denen wir diese Medien wahrnehmen, sind zumeist sehr unterschiedlich: Vielleicht ist das Heimkino zuhause dank Beamer und abgedunkelter Räume kinoähnlich, aber es gibt dennoch eine fundamentale Differenz zum Kinobesuch. Mein Handy kann klingeln, ich kann den Film jederzeit anhalten, vor- oder zurückspulen. Das ist nicht unbedingt besser oder schlechter, aber es ist doch eine ganz andere Filmerfahrung als in einem Kino.
A.H.: Wir als Museum müssen in dieser Hinsicht nicht unbedingt das tun, was alle tun. Museen sind in der glücklichen Lage, dass sie Rückschau halten können auf die Geschichte und sofort erkennen, dass alle Veränderungen in der Geschichte niemals naturgegeben waren, sondern von bestimmten Interessen geprägt – sozialen, ökonomischen, kulturpolitischen Interessen. Deshalb beobachte ich den Wandel hin zum digitalen Kino recht neutral und frage mich, woher kommt das, was bedeutet dies gesellschaftlich, ästhetisch, was bedeutet es für unsere Begrifflichkeit. Die Menschen werden weiterhin "Film" sagen, obwohl Film als Material gar nicht mehr vorkommt. Für den Film ist diese Entwicklung nicht unbedingt ein Nachteil.
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