• vom 10.11.2016, 16:36 Uhr

Kultur

Update: 10.11.2016, 16:41 Uhr

Bauer Unser

Wachsen oder sterben




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Von Matthias Greuling

  • Die Kino-Doku "Bauer Unser" blickt hinter die Kulissen des Wettbewerbs in einer weltweit vernetzten Landwirtschaft.

Bauer Ewald Grünzweil: "Seit 1995 haben in Österreich alleine 55.000 Milchviehbetriebe zugesperrt. Umgerechnet heißt das: Alle dreieinhalb Stunden hat 20 Jahre lang ein Betrieb zugesperrt." - © Filmladen

Bauer Ewald Grünzweil: "Seit 1995 haben in Österreich alleine 55.000 Milchviehbetriebe zugesperrt. Umgerechnet heißt das: Alle dreieinhalb Stunden hat 20 Jahre lang ein Betrieb zugesperrt." © Filmladen

Regisseur Robert Schabus wuchs am Bauernhof auf.

Regisseur Robert Schabus wuchs am Bauernhof auf.© Filmladen Regisseur Robert Schabus wuchs am Bauernhof auf.© Filmladen

Wer eine faire Milch produziert, der will auch fair entlohnt werden. Doch Milch zu einem Preis von 1,80 Euro, den man berechnen müsste, damit alle genug an einem Liter verdienten, würde "kein Händler in Österreich ins Regal stellen", sagt der Experte. "Nicht, solange in Deutschland der Liter 69 Cent kostet".

Dass die traurige Ist-Situation von Österreichs Bauern genau wegen solcher Rechnungen entstanden ist, weiß jeder, der in "Bauer Unser" (ab heute, Freitag, im Kino), dem Dokumentarfilm des Kärntner Regisseurs Robert Schabus, zu Wort kommt. Aber man hat sich arrangiert mit den Widrigkeiten des (EU-)Agrarsystems und produziert Lebensmittel im Akkord. Ob das nun die Mastbetriebe mit tausenden Schweinen oder die Bauern mit zehntausenden Legehühnern sind, die Milchbauern oder die klein gebliebenen Höfe, die sich so weit als möglich vom landwirtschaftlichen Mainstream fernhalten: Sie alle wissen um die Realität in ihrem Beruf. Und sie wissen auch, dass das Aufblähen zu Super-Bauernhöfen meist nach der Übergabe des Hofes von der alten auf die neue Generation passiert, weil man schon auf der Landwirtschaftsschule die Powerpoint-Präsentationen der Futtermittelindustrie eingebläut bekommt. Schneller, größer, weiter: Das ist das Motto. Wer nicht mitmacht, ist zum Sterben verurteilt, wird ihnen gesagt.

Weniger Bauern, mehr Ertrag

Wie das landwirtschaftliche Wettrüsten funktioniert, zeigen die nackten Zahlen: 1970 ernährte ein Bauer in Österreich 12 Menschen. 2016 kommen auf jeden Landwirt 80 Menschen. In Deutschland sind es bereits 145 Menschen. Immer weniger Bauern ernähren auf immer größeren Flächen immer mehr Menschen. "Der Film ‚Bauer Unser‘ ist für mich eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit, weil es nicht nur um landwirtschaftliche Produkte geht, sondern vielmehr um soziale und ökologische Zusammenhänge", sagt Regisseur Schabus, dereinst selbst aufgewachsen auf einem Bauernhof in Oberkärnten. "Eine der schlimmsten Folgen dieser neoliberalen Politik ist das Leid der Bevölkerung im globalen Süden, das natürlich auch die Migrationsbewegungen über das Mittelmehr nach Europa ausgelöst hat. Die Verantwortung dafür liegt ganz offensichtlich bei uns im Norden".Aber auch die Bauern in Europa könnten nicht mehr von ihren Produkten leben und unsere Gesellschaft verliere mit der kleinstrukturierten Landwirtschaft viel mehr als nur die Bauern selber, so Schabus. "Artenvielfalt, Arbeitsplätze am Land, das soziale Netz im ländlichen Raum, Selbstversorgung - das sind alles Dinge, die nicht am freien Markt gehandelt werden können und damit auch keinen Preis haben. Die neoliberale Gesinnung wird uns dagegen ähnlich einem Naturgesetz als etwas Unabdingbares verkauft."

Soja-Sau aus Brasilien

Die Globalisierung der Nahrungsmittelindustrie treibt dann mitunter auch durchaus fragwürdige Blüten: "Zuerst transportieren wir das billige Soja aus Südamerika nach Europa, um damit billige Milch zu erzeugen", sagt Helmut Grasser, Produzent von "Bauer Unser". "Die Milch wird wiederum getrocknet und nach Mexiko transportiert, um sie mit Wasser und Palmöl wieder anzureichern und als Milch zu verkaufen. Ein völlig perverses System. Außer ein paar Gewinnern in der Nahrungsmittelindustrie hat niemand etwas davon, es gibt nur Verlierer. Die gewaltige Überproduktion lässt die Preise immer weiter sinken. Die Abhängigkeit vom Export wird immer größer. Die Folge: Es wird noch mehr produziert."

Der Teufelskreis sorgt auch dafür, dass praktisch jeder Schinken aus Österreich kein österreichischer Schinken ist, sondern ein brasilianischer, wie es einmal im Film heißt. Kein Wunder, wenn die Schweine ausschließlich mit Soja aus Brasilien ernährt wurden.

"Bauer Unser" zeigt all das recht nüchtern auf. Zugleich erhält man Einblick in die industrielle Verarbeitung unserer Nahrungsmittel. Der Film zeigt Produktionsstraßen und Verpackungsmaschinen, Schlacht-Lkw, High-Tech-Hühnerställe und Melk-
Roboter, konterkariert diese Eindrücke mit den Aussagen von "artgerechter Tierhaltung" und bringt damit so manchen Konsumenten vermutlich zum Kopfschütteln. Zum Beispiel über die Hühner im engen Plastik-Kisterl, die nach Deutschland gebracht werden, wo man Suppenhühner aus ihnen macht.

Es gibt bereits etliche Dokumentarfilme, die sich mit der Nahrungsmittelindustrie auseinandergesetzt und zuweilen auch mit Bildern von Tierhaltung und -tötung schockiert haben, die bei einigen Konsumenten zu einem Umdenkprozess in Richtung Bio geführt haben. Schabus zeigt nun ebenfalls die Betriebsabläufe, von der automatisierten Fütterung bis zum Zersägen der Schweinehälften, bringt dazwischen aber auch Best-Practice-Beispiele von kleineren Höfen, die vorsichtigen Optimismus in den Film bringen.

Scheunentor TTIP

Das Thema ist auch nach zahllosen Bearbeitungen noch spannend und sagt viel über Gesellschaften aus, die ihre Nahrung industriell herstellen. Diesen Aspekt fängt Schabus hervorragend ein. "Niemand ist glücklich in diesem System der Ausbeutung in alle Richtungen. Die wenigen Profiteure sind international agierende Konzerne, die Industrie, die großen Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger nimmt."

Womit das Thema TTIP auf dem Tisch liegt. Das gibt es als Gespenst auch in diesem Film: "Wir nehmen dieses ganze TTIP als etwas wahr - Europa gegen Amerika - und wer beeinflusst da wen", sagt Benedikt Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft im Film. "Die Wahrheit ist: Es ist ein Scheunentor, durch das die Industrie sich beide Regierungen gefügig machen kann. Das halte ich für falsch, für gefährlich und von der Konstruktion her für antidemokratisch." Das Thema Nahrungsmittel ist also noch lange nicht gegessen. Es scheint, als fingen die Probleme gerade erst an.





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Dokument erstellt am 2016-11-10 16:41:08
Letzte ─nderung am 2016-11-10 16:41:36



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