• vom 16.03.2017, 08:17 Uhr

Kultur


Asghar Farhadi

Absolute Verstörung




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Von Matthias Greuling

  • Asghar Farhadis oscarprämiertes Drama "The Salesman" ist subtil und wuchtig zugleich.

Szenen einer Entfremdung: Die Beziehung zwischen Emad und Rana droht an einem Gewaltverbrechen zu scheitern. - © Thimfilm

Szenen einer Entfremdung: Die Beziehung zwischen Emad und Rana droht an einem Gewaltverbrechen zu scheitern. © Thimfilm

Es ist ein Film voller dunkler Vorahnung, voller Metaphern, der einen gleich von Beginn an in eine seltsam unkomfortable Position zwingt: Man sieht den Bewohnern eines Wohnhauses in Teheran dabei zu, wie sie mitten in der Nacht fluchtartig ihr Haus verlassen müssen, weil es einzustürzen droht: Das Fundament ist beschädigt, und da heißt es: Rette sich, wer kann.

Der iranische Regisseur Asghar Farhadi hat schon hier, in diesen ersten Szenen, den Grundstein für seinen Rundumschlag auf die Zustände der Welt, seiner Welt, gelegt: Ein einstürzendes Haus, ein kaputtes Fundament, das lässt sich leicht auf andere Gesellschaftsbereiche übertragen, das ist ein genauerer, subtilerer Zeitspiegel als jede öffentlich geführte Auseinandersetzung mit den Repressalien im Iran oder mit jeder Systemkritik. Farhadi ist ein Meister der Beiläufigkeit, das hat er schon in seinem Ehedrama "Nader und Simin" (2011) gezeigt: Anhand einer sehr persönlichen Geschichte schlüsselte Farhadi damals das Gefüge einer ganzen Nation auf.


Mit "The Salesman" ist es nicht anders, vielleicht ist auch das der Grund, weshalb Farhadi heuer nach "Nader und Simin" schon das zweite Mal mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde. Kritiker meinen allerdings, der Preis sei ein politisches Statement der Academy gegen Donald Trumps Einreise-Dekrete gewesen, und Farhadi erschien deshalb aus Protest auch gar nicht erst zur Preisverleihung. Wie dem auch sei: "The Salesman" hat diesen Preis aus qualitativer Sicht jedenfalls mehr als verdient.

Zwei der aus dem einstürzenden Haus geflüchteten Menschen sind der Lehrer Emad (Shahab Hosseini) und seine Frau Rana (Taraneh Alidoosti), die plötzlich auf der Straße stehen. Aber ein Freund hilft aus und verschafft ihnen ein Quartier. Das Glück währt nicht lange: Als Emad von einem Einkauf zurückkommt, findet er seine Frau blutüberströmt im Badezimmer vor; ein Unbekannter hat sie überfallen, und was bleibt, ist die absolute Verstörung - Rana will aus Scham die Polizei lieber nicht einschalten, also versucht Emad krampfhaft, den Täter auf eigene Faust auszuforschen, und dabei spielt auch die rätselhafte Vormieterin mit dem zweifelhaften Ruf eine Rolle. Zwischen Emad und Rana entspinnt sich derweil ein Geflecht aus Schuldzuweisungen, das ihre Beziehung auf eine kaum zu schulternde Probe stellt.

Von Scham und Moral
"The Salesman" ist Psychothriller und Gesellschaftskritik zugleich, aber auch die sehr konkrete Verhandlung zwischenmenschlicher Gefühle vor dem Hintergrund einer stark religiös geprägten Wertegemeinschaft, in der die Wahrung des Scheins mehr gilt als die Wahrheit. Und in der Scham und Moral zwei einander bedingende Empfindungen sind.

All dem liegt Arthur Millers Klassiker "Tod eines Handlungsreisenden" zugrunde, den Farhadi behutsam ansatzweise ins heutige Teheran überträgt. Auch dort spielten Schuld und Scham die Hauptrollen, auch dort waren Fundamente plötzlich rissig.

Das eigentlich Entrische an diesem Film aber ist die Kraft, mit der Farhadi das Unheil auf leisen Sohlen heranschleichen lässt. Es ist ein stetiges Gefühl des Wandels, von Gut zu Böse, von moralisch zu amoralisch. Was wirklich im Badezimmer passiert ist, wird schnell zweitrangig: Es zählt bald mehr die Wahrung der Fassade denn die Wahrheit. Farhadi schildert das unscheinbar, aber es trifft einen die Erkenntnis mit voller Wucht: Genau in einer solchen Welt leben wir ja schon alle längst.

DRAMA

The Salesman, Iran/F 2016

Regie: Asghar Farhadi.
Mit: Shahab Hosseini, Taraneh Alidoosti, Babak Karimi




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Dokument erstellt am 2017-03-16 08:21:05



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