• vom 13.09.2017, 16:16 Uhr

Kultur

Update: 13.09.2017, 16:45 Uhr

Filmkritik

Die ganze Wut dieser Welt




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Von Matthias Greuling

  • Darren Aronofsky inszeniert Jennifer Lawrence und Javier Bardem in seinem Horrorfilm "mother!".

Jennifer Lawrence taumelt in "mother!" an der Seite ihres Mannes (Javier Bardem) in ein psychotisches Delirium. - © Paramount

Jennifer Lawrence taumelt in "mother!" an der Seite ihres Mannes (Javier Bardem) in ein psychotisches Delirium. © Paramount

Darren Aronofsky gibt unumwunden zu, dass sein neuer Film "mother!" nicht bloß ein Psychothriller von besonderem Ausmaß, sondern auch ein Film mit einer Message ist. Das Drehbuch dazu sei binnen gerade einmal fünf Tagen aus ihm "herausgeflossen", sagte Aronofsky bei der Premiere in Venedig. Er hätte damit auf die immer schlimmer werdende Spirale aus Weltkrisen und Paranoia reagiert, um seine Hilflosigkeit diesen gegenüber auszudrücken.

So gelesen kann "mother!" wirklich als permanenter Angstzustand des Regisseurs verstanden werden; Aronofsky ist durch Filme wie "Requiem for a Dream" oder "Black Swan" bekannt dafür, sinnlich-übersinnliche Momente einzuweben, und diese sind als Spiegel der Seele selten freudig, meist hingegen sogar ziemlich schwarz und abgründig.

Information

Horrorthriller
mother!, USA 2017
Regie: Darren Aronofsky
Mit: Jennifer Lawrence, Ed Harris, Javier Bardem, Michelle Pfeiffer

"mother!" erzählt von einer jungen Frau (Jennifer Lawrence bringt sich hier für einen weiteren Oscar in Stellung), die mit einem Dichter (Javier Bardem) zusammenlebt, der an einer Schreibblockade laboriert. Die Frau versucht, diese Blockade zu lösen, indem sie ihn mit Liebe und gutem Essen überhäuft und auch noch das Haus freundlicher gestaltet. Doch all das überschattet ein Albtraum. Vor allem, als ein Fremder (Ed Harris) auftaucht, gefolgt von seiner Ehefrau (Michelle Pfeiffer). Das Paar wird von dem Dichter willkommen geheißen, aber ein Unbehagen bleibt, das sich weiter steigert, als noch mehr ungebetene Gäste auftauchen. Es wird auch Blut fließen, aber das ist für den Dichter nicht so schlimm, weil er die ganze unverhoffte Aufmerksamkeit seltsam zu genießen scheint.

Das Abrutschen seiner Frau in eine hartnäckige Psychose ist vor dem Hintergrund des alten, morschen, viktorianischen Hauses des Paares eigentlich nur ein Resultat einer ebenfalls morschen Beziehung, in die sich beide versteigen. Doch darin kann man auch eine Metapher auf unsere heutige Welt sehen: Die Eindringlinge symbolisieren den Verlust der eigenen Rückzugsmöglichkeit in der digitalen Welt, in der nichts und niemand mehr anonym sein kann. Zugleich steckt darin das Gefühl, von Fremden überrannt zu werden - eine diffuse Angst der westlichen Welt vor den Flüchtlingsströmen.

Ein Horror-Thriller mit banal-lächerlichem Ausgang

So ist "mother!" Horrorthriller und metaphernschwangerer Zeitkommentar in einem, bei dem Aronofsky allerdings mächtig angriffig, roh und ungefiltert inszeniert, so, als habe er seine Wut auf die Welt kanalisieren wollen. Doch an allen Ecken und Enden schwappt ihm diese Wutsuppe bald über den filmischen Tellerrand, die im Finale dann noch um eine banal-lächerliche Wendung bereichert wird.

Aronofsky komponiert all das mit ausdrucksstarken Bildern und ebenso gefinkelter Tongestaltung; "mother!" provoziert ambivalente Gefühle zwischen Zustimmung und absoluter Ablehnung. Es ist seine bisher radikalste Arbeit, ein Film, der laut hinausschreien will, was er vertritt, weil man anders sowieso kein Gehör mehr findet. Zumindest das ist nahe dran an der Realität unserer Welt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-13 16:21:06
Letzte ─nderung am 2017-09-13 16:45:57



Kommentar

Konfliktmahlzeit Nummer eins

Eine Giraffe vielleicht: Wer wüsste nicht gerne, wie man mit so einem langen Hals lebt (außer Celine Dion). Oder ein Panda: Der weiß... weiter





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