• vom 01.11.2017, 18:39 Uhr

Kultur

Update: 01.11.2017, 18:54 Uhr

Filmkritik

Die pure Männlichkeit




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Greuling

  • "Western" von Valeska Grisebach untersucht zeitgenössische Männerbilder.

Schimmelreiter Meinhard (Meinhard Neumann) braucht keinen Sattel zum Reiten, als Zügel genügt ihm die Pferdemähne. - © Stadtkino

Schimmelreiter Meinhard (Meinhard Neumann) braucht keinen Sattel zum Reiten, als Zügel genügt ihm die Pferdemähne. © Stadtkino

Es ist, vielleicht gerade in Zeiten wie diesen, an der Zeit, einmal über den Mann und seinen Platz in der Gesellschaft nachzudenken. Wie er sich gebärdet, wohin er zieht und was er will. Nur allzu platt und durchsichtig sind die scheint’s von Trieb und Gier und Machthungrigkeit gesteuerten Mannsbilder, und da ist schon etwas Wahres dran.

Es ist immer auch ein Vergnügen, wenn ebendieses Geschlecht von seinem Gegenüber seziert wird, und zwar ohne eine Wertung, ohne ein Vorurteil. Valeska Grisebach ist eine Regisseurin, die genau so arbeitet - in aller Langsamkeit entwickelt sie ein Bauchgefühl für ihre Figuren, das man nicht mit Langeweile verwechseln darf. Klar, ihre Bilder sind arhythmisch und unterwerfen sich keiner dramaturgischen Konvention, aber so, wie Grisebach die Mannsbilder in ihrem neuen Film abbildet, bleibt für einen richtigen Plot ohnehin kein Platz.

Information

Western
Western, D 2017
Regie: Valeska Grisebach. Mit: Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek, Syuleyman Alilov Letifov

"Western" heißt das Werk, und es ist eigentlich ein "Eastern", denn die Handlung spielt an der bulgarisch-griechischen Grenze. Dorthin hat es eine Truppe deutscher Bauarbeiter verschlagen, die hier deutsche Technik in Form eines Staudamms in den Osten exportieren. Die Männer fühlen sich in der Fremde gewissermaßen überlegen, den Einheimischen gegenüber, die von dem EU-Bauprojekt kaum eine Ahnung haben, das da vor ihrer Nase errichtet wird.

Hisst die Flagge!

Die deutsche Flagge wird gehisst im Camp, das Ganze sieht nach Selbstbewusstsein aus, und irgendwie spiegelt diese Szene auch das Machtgefüge im heutigen Europa wider. Darüber hinaus aber regiert die Tristesse im Männerbund, denn die Arbeiten kommen nicht recht voran, die Motivation sinkt. Am Fluss baden zwei Frauen, es kommt zu einer Belästigung, der neue in der Truppe, Meinhard, kann eine Eskalation der Situation verhindern. Er ist ein Einzelgänger, separiert sich gern von seinen Kollegen, hat dadurch auch den "Lonesome Cowboy"-Blick, mit dem er jedes Pferd zähmen kann; Meinhard braucht keinen Sattel zum Reiten, ihm genügt die Pferdemähne als Zügel. Es ist die pure Männlichkeit.

Valeska Grisebach, die mit "Mein Stern" oder "Sehnsucht" als Vertreterin der eher spröde anmutenden Berliner Schule gilt, überträgt ihr wertfreies, gemächliches Erzählkonzept auf das Western-Genre, das sie - wie schon Maren Ade in "Toni Erdmann" - mit Verve nach Osteuropa importiert. Beide Filme entstanden nicht umsonst bei derselben Produktionsfirma.

Sich diesem "Western" auszusetzen, das bedingt Geduld und eine Ernsthaftigkeit, denn Grisebach fordert ihre Zuschauer mit ihrem weiblichen Blick auf das männliche Geschlecht stark. Sie zeichnet ein Bild von Stärke, aber zugleich sind es auch Anwandlungen von Verweigerung, die Grisebach einfängt. So sehr dieser Meinhard, ihr Held, den Film dominiert, zum Anführer, zum Machtmenschen, taugt er nicht; dafür sucht er zu sehr die Unauffälligkeit und den Schutz seiner Truppe. In all seiner physischen Männlichkeit liegt am Ende eine große Verwundbarkeit.

Meinhard heißt im echten Leben Meinhard Neumann, Grisebach hat ihn auf einem Pferdemarkt in Berlin entdeckt. So castet sie meistens ihre Filme: Menschen aus dem echten Leben stehen vor ihrer Kamera und sprechen echte Texte, so, wie sie aus ihnen herauskommen. "Western" ist nicht ohne Mühsal, aber wer hat behauptet, dass es einfach ist, den Platz des Mannes in der Welt zu verstehen? Valeska Grisebach jedenfalls hat es versucht; Helden gibt es bei ihr keine. Nur Menschen.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-11-01 14:44:05
Letzte nderung am 2017-11-01 18:54:03



Kommentar

Boykottieren, was man nicht sehen will

"Ich habe eine sehr gute Menschenkenntnis, und deswegen mag ich keine Menschen", sagt Roseanne Barr einmal in der nach ihr benannten TV-Serie... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Tausend Tränen tief
  2. Cool und vital
  3. Wasser als Metapher
  4. Mit breitem Pinsel dünn aufgetragen
  5. Neue Wege auf dunklen Straßen
Meistkommentiert
  1. Das Mittelmaß des Wahnsinns
  2. Mit breitem Pinsel dünn aufgetragen
  3. Dialekt jenseits seiner Grenzen
  4. Intensität ohne Netz
  5. Sängerin der Cranberries gestorben

Wissensdurstig, neugierig, seelenvoll und nachdenklich sieht David Bowie auf den Aufnahmen aus. Hier in August Wallas Zimmer.

Die 75. Golden Globes wurden zur Bühne der Frauen mit einer Kampfansage an Sexismus, Missbrauch und Benachteiligungn. "Ich möchte, dass heute alle Mädchen wissen, dass ein neues Zeitalter am Horizont anbricht", sagte die US-Entertainerin Oprah Winfrey in ihrer Dankesrede nach Empfang des Ehrenpreises für ihr Lebenswerk - und rührte viele im Saal zu Tränen. "Zu lang wurden Frauen nicht angehört oder ihnen wurde nicht geglaubt, wenn sie den Mut hatten, gegen die Macht von Männern aufzubegehren." Deren Tage seien nun gezählt. Jetzt müssten alle dafür kämpfen, dass es in Zukunft niemanden mehr gibt, der als Opfer "Me too" sagen muss, mahnte Winfrey. Zur ganzen Rede Ein Gruppenfoto der PreisträgerInnen.

CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey, Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte.


Werbung



Werbung


Werbung