• vom 08.11.2017, 16:28 Uhr

Kultur

Update: 08.11.2017, 16:58 Uhr

Filmkritik

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Von Matthias Greuling

  • Barbara Albert erzählt in "Licht" von einer blinden Klaviervirtuosin und ihrer Heilung.

Resi (Maria Dragus, rechts) kann als Sehende nicht mehr so virtuos Klavier spielen, das merkt auch ihre Mutter (Katja Kolm). - © Filmladen

Resi (Maria Dragus, rechts) kann als Sehende nicht mehr so virtuos Klavier spielen, das merkt auch ihre Mutter (Katja Kolm). © Filmladen

Selbstbestimmung und Entfaltung stoßen schnell an gesellschaftlich determinierte Grenzen, das ist heute so, und das war auch früher so. Nur die Tabuzonen haben sich verschoben, aber die öffentliche Bestrafung für das Ausscheren aus der Norm sind die gleichen geblieben. Ächtung ist da nur die harmloseste Schelte.

Barbara Albert hat mit ihrem neuen Film "Licht" genau dieses Gefüge von verhinderter Selbstbestimmung untersucht, indem sie ihre Frauenfigur in das Korsett einer Zeit zwängt, die eigentlich als modern, leichtfüßig und kultiviert galt: Das Rokoko des Jahres 1777 war deutlich befreit von der Schwere und der Opulenz des Barock. Das Durchatmen fiel leichter. Hier erzählt Albert die wahre Geschichte der Maria Theresia Paradis (Maria Dragus), die für ihr virtuoses Klavierspiel bekannt war, jedoch nicht nur, weil sie es so unglaublich gut beherrschte, sondern weil sie blind war und mit rastlos flirrenden Augen und entsprechender Mimik auch ein bisschen etwas von einer Zirkusattraktion hatte, die man für Geld ausstellte. Ihre Eltern schickten sich an, ihr Kind in allerlei Konzertsäle und zu feinen Gesellschaften zu bringen, auf dass ihnen das außergewöhnliche Kind gute Erträge erwirtschafte.

Information

Drama
Licht, Ö/D 2017
Regie: Barbara Albert. Mit Maria Dragus, Devid Striesow, Lukas Miko, Katja Kolm

Die Rückkehr der Sehkraft

"Resi", wie man sie nannte, will ihr Augenlicht zurückhaben, weshalb man sie in die Obhut des Arztes Franz Anton Mesmer (Devid Striesow) steckt, der mit Handauflegung arbeitet und als Quacksalber verschrien ist. Bald schon erlangt Resi ihre Sehkraft tatsächlich zurück - die skeptische Wiener Ärzteschaft glaubt an einen glatten Betrug und intrigiert gegen Mesmer. Für Resi ist die neu gewonnene Fähigkeit zunächst ein Segen, aber bald schon schlägt das Gefühl um in eine handfeste Depression: Resi bemerkt nämlich, dass sie mit zunehmender Sehkraft immer weniger virtuos wird am Konzertflügel. Nichts will ihr mehr gelingen, es schleichen sich Fehler ein, und selbst das Spielen mit verbundenen Augen klappt nicht. Erst, als sie die Behandlung bei Mesmer abbricht und wieder erblindet, kehrt die Virtuosität in ihr Klavierspiel zurück.

Barbara Albert legt mit "Licht" ihren bislang stärksten Spielfilm vor. Sie arbeitet sich darin ab am gesellschaftlichen Druck im damaligen Wien, jedoch nicht, ohne dem Publikum die Möglichkeit zu geben, auch Parallelen zur heutigen Gesellschaft zu ziehen. Selbstbestimmung war gerade für Frauen zu dieser Zeit ein Fremdwort. Resi kam durch ihre Sehbeeinträchtigung überhaupt erst in die Lage, als etwas Besonderes wahrgenommen zu werden. Sie erhielt eine Gnadenpension der Kaiserin und galt als exotischer Schauwert. Wäre Resi mit einem intakten Augenlicht geboren worden, hätte sie ihre Karriere am Klavier mit all den Reisen und dem Beifall niemals realisieren können. Man hätte sie verheiratet und sie wäre in der Anonymität dieser Ehe verschwunden. Ohne ihre Behinderung wäre Resi zum Mittelmaß verdammt gewesen, darin besteht der dramatische Aspekt der Geschichte.

Regisseurin Albert arbeitet dieses Dilemma in den wunderbar genauen Bildern von Kamerafrau Christine A. Maier heraus. Die Regisseurin gestattet sich kein moralisches Urteil über die Gesellschaft, in der Resi lebt, aber sie zeigt auf, wie sehr die starken Ungleichheiten dieser Gesellschaft auch heute immer noch existieren.





Schlagwörter

Filmkritik, Licht, Barbara Albert

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-11-08 16:32:07
Letzte ─nderung am 2017-11-08 16:58:31



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