Wien.

"Oft fragt man mich nach meiner Vergangenheit", sagt die Sängerin, die mit 19 in die USA ging, an der Bayerischen Staatsoper heimisch wurde und nun freischaffend auf den Konzert- und Opernbühnen der Welt werkt. Viel lieber als über diesen Werdegang würde sie aber "über das sprechen, was ich jetzt gerade mache" - womit sie dann auch sofort beginnt und zu diesem Behufe ihre neue CD "Liaisons" (Onyx) zückt, "die wirklich spannend ist, bereits Preise gewonnen und fantastische Kritiken bekommen hat".
Projekt mit Wiener Wurzeln
Dass Reiss da loslegt, als wären PR-Agenturen in der Klassik so überflüssig wie Kühlschränke auf dem Nordpol, hängt auch mit bereits investierter Energie zusammen: Die Israelin wollte nicht nur eine Arien-CD vorlegen, sondern ein Projekt mit rotem Faden. Also hat sie sich in die Wiener Musiklandschaft rund um 1780 vertieft, nach Querverbindungen gespäht und Stücke von Mozart, Haydn, Salieri und Cimarosa aufgenommen - Komponisten, die bisweilen dieselben Libretti bemühten. "Auch Cimarosa und Salieri sind wunderbar", sagt Reiss, "aber wenn man alle vier hört, schätzt man die Tiefe der Mozart-Figuren noch mehr." Tatsächlich hat Reiss ihr Repertoire geschickt gewählt: Wo Tonsetzer vor allem wendige Leichtigkeit verlangen, ist ihr vitaler Sopran (hier begleitet vom Originalklang-Ensemble Larte del mondo) in seinem Element.
"Warum verstecken?"
Und Reiss sucht stets neues Repertoire. Wie viel sie arbeitet? "Immer." Oder besser gesagt nie, "weil das meine Leidenschaft ist". Aber hat der Job nicht auch Nachteile? "Ich mag keine Flüge, keine Hotels. Am Schlimmsten ist das Packen. Und man muss aufpassen, nicht krank zu werden." Unter Perfektionsdruck leide sie aber nicht. "Musik hat nichts mit Perfektion zu tun. Man muss aus dem Moment heraus schaffen. Je lockerer man ist, desto organischer wird der Gesang. Was ist Gesang? Es ist Atem. Wenn ich versuche, ihn zu kontrollieren, wird es unangenehm." Selbstverständlich steckt hinter einem Erfolg nicht nur momentane Entspannung. "Natürlich probe ich viel."
Auch mit dem Umstand, dass Klassiksängerinnen heute oft in sexy Outfits vermarktet werden, hat Reiss kein Problem: "Ich sehe solche Kleidung nicht als sexy, sondern als weiblich an. In der Vergangenheit waren die Opernsängerinnen fett. Aber wenn eine wie Elina Garanča aussieht, warum soll sie dann alles verstecken? Und ich finde, Schönheit gehört dazu, weil es in den Opernlibretti um schöne Frauen geht. Deswegen halte ich es für einen Wahnsinn, wenn man gegen schöne Sängerinnen protestiert." Aber ist es nicht ein Wahnsinn, wenn die Klassik über das Hauptkriterium Optik verkauft wird? Reiss: "Die Musik muss natürlich zuerst kommen. Aber heutzutage gibt es so viele gute Sänger, die auch gut aussehen, dass Dirigent und Regisseur zufrieden sein können."
"Wir haben dich gesehen"
An der heutigen Klassikwelt stört sie dafür manchmal ein Mangel an Höflichkeit. "Leute, die ich gar nicht kenne, schreiben mir via Facebook: Wir haben dich gestern in der Oper gesehen. Die sind sofort per Du. Ich glaube, so einen Brief hätte Dietrich Fischer-Dieskau nie gekriegt. Die Welt hat sich durch das Internet geändert."
Stimmt zwar: Sie müsste nicht bei Facebook sein. Aber weil sie so häufig den Standort wechselt (im Mai wird es erneut die Wiener Staatsoper sein, bei der "Titus"-Premiere), wäre das Medium so praktisch. Und außerdem: ziemlich stimmschonend.
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