"Wiener Zeitung": Die diesjährigen Festwochen starten am 11. Mai. Wie sehr sind Sie als Schauspieldirektorin in die Proben einzelner Produktionen eingespannt?
Stefanie Carp: Involviert bin ich beispielsweise dadurch, dass ich Künstlern einen Auftrag gebe beziehungsweise sie einlade. Die Intensität der Zusammenarbeit ist dann unterschiedlich. Als Produktionsdramaturgin bin ich dieses Jahr an den Inszenierungen von Ulrich Seidl und Christoph Marthaler beteiligt.

Das diesjährige Schauspielprogramm umkreist das Thema "Anatomie der Krise". Was wird da genau untersucht?
Die Konfliktlinien der derzeitigen und zukünftigen Verteilungskämpfe und wie sie sich auswirken auf die Gefühle, die Lebensformen, die Sprechweisen von Menschen. Es werden Arbeiten internationaler Künstler gezeigt. - Die Frage ist doch, ob der neoliberale Kapitalismus noch radikaler einen großen Teil der Menschen ausschließt? Oder ob ein Weg, der mehr Gleichheit und größere Teilhabe an den Ressourcen ermöglicht, gefunden wird. Natürlich thematisieren Künstler das nicht konkret. Sie thematisieren die biografischen Brüche, die persönlichen Niederlagen, die Sehnsüchte, den Verrat.
"Ich kann nicht mehr ausschließen, dass das 21. Jahrhundert nicht entgleist", so der Philosoph und Filmemacher Alexander Kluge, über dessen Werk Sie einst promoviert haben, kürzlich in einem "Spiegel"-Interview. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Mit diesen Fragen war bereits die Weimarer Republik befasst. Damals ist die Krise des Kapitalismus mittels totalitärer Systeme und Preisgabe der Demokratie gelöst worden. Krieg und Selektionen sind Auswege aus der Überproduktion. An neuem Rassismus fehlt es ja nicht gerade. Aber es entstehen auch neue Protest-
energien, wie die "Occupy-Wall-Street"-Bewegung beweist.
Ein Autorenkollektiv hat jüngst in der pamphletartigen Schrift "Kulturinfarkt" die Kulturförderungen der öffentlichen Hand heftig attackiert. Wie beurteilen Sie die darin getroffene Überlegung, die Hälfe aller Bühnen in Deutschland zu schließen?
Natürlich sind wir in Europa, was Kunst- und Kulturproduktion betrifft, besonders privilegiert. Aber Kultur war und ist identitätsstiftendes Merkmal dieses Kontinents. Es kann gar nicht genug Kultur geben, um den Wunsch nach einem anderen Zustand der Welt, die Sehnsucht nach anderem überhaupt zu wecken oder das Nachdenken zu initiieren zum Beispiel darüber, wie wir in Zukunft miteinander leben wollen.
Das Schöne an Institutionen wie dem ORF ist die Konstanz, mit der eingefahrene Muster immer und immer wieder abgespielt werden...
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