• vom 19.01.2016, 16:47 Uhr

Kulturpolitik

Update: 21.01.2016, 10:41 Uhr

Breslau

Im Federnregen




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Von Justyna Osinska

  • Eröffnung im Schatten der Politik: Breslau feierte den Beginn des Jahres als Europäische Kulturhauptstadt.

Und es regnete Federn: Breslau begann das Jahr als Europäische Kulturhauptstadt mit einem großen Fest auf dem Hauptplatz.

Und es regnete Federn: Breslau begann das Jahr als Europäische Kulturhauptstadt mit einem großen Fest auf dem Hauptplatz.© Mazjarz/Rajter Und es regnete Federn: Breslau begann das Jahr als Europäische Kulturhauptstadt mit einem großen Fest auf dem Hauptplatz.© Mazjarz/Rajter

"Lange halte ich das nicht mehr aus. Meine Füße sind schon so kalt", sagt eine polnische Fotografin, "ich wollte mir noch Socken anziehen, jetzt habe ich doch nur Strumpfhosen an." Tausende Menschen stehen am Rynek, dem Marktplatz in Breslau (Wrocław). Sie warten, stehen, zittern vor Kälte. Ein älteres Ehepaar streckt die Hände von sich. Abwechselnd ballen sie ihre Hände zu einer Faust zusammen und öffnen sie wieder. "Mir ist kalt", sagt eine junge Frau zu ihrem Freund, der hinter ihr steht. Sofort legt er seine Arme um sie. Die beiden stehen und blicken gespannt in Richtung Bühne. Noch steht sie leer. Überall auf dem Marktplatz stehen Lautsprecher. Es ertönt das Schlagen einer Uhr, aber nichts passiert.

Wiederholt ertönt eine Stimme aus den Boxen, die darum bittet, den Durchgang für den Umzug freizuhalten. Die Geister kommen. Genauer gesagt, die vier Geister der Stadt, die zusammen die Geschichte Breslau erzählen sollen.


Im Laufe des vergangenen Wochenendes wurde die Europäische Kulturhauptstadt 2016 eröffnet. Neben San Sebastián im spanischen Baskenland geht der Titel dieses Jahr an Breslau in Polen. Gemeinsam konnten sich diese beiden Städte gegen 14 spanische und elf polnische Mitbewerber durchsetzen. Die polnischen Kandidaten neben Breslau waren Warschau (Warszawa), Danzig (Gdansk), Stettin (Szczecin), Kattowitz (Katowice), Lodsch (Lodz), Thorn (Torun), Posen (Poznan), Lublin, Bialystok und Bromberg (Bydgoszcz). In der Endauswahl setzte sich die an der Oder gelegene Hauptstadt der Woiwodschaft Niederschlesien gegen Danzig, Kattowitz, Lublin und Warschau durch.

Die Stadt ist in Bewegung
"Ich bin sehr stolz auf Breslau," sagt Stadtführerin und Übersetzerin Monika über die Stadt, in der sie aufgewachsen ist, "vor allem deswegen, weil Breslau einstimmig gewählt worden ist. Die Stadt hat in den vergangenen Jahren immer wieder an Wettbewerben teilgenommen und war 2012 Austragungsort der Fußball-EM, jetzt Europäische Kulturhauptstadt und nächstes Jahr im August finden hier die World Games 2017 statt." Die Stadt ist in Bewegung, entwickelt sich und möchte sich in Europa und der ganzen Welt zeigen, einfach präsent sein.

"Breslau hat eine Geschichte zu erzählen," sagt Stadtpräsident Rafał Dutkiewicz bei der feierlichen Eröffnungsgala der Kulturhauptstadt Europas im Nationalen Musikforum, das erst im September 2015 eröffnet wurde. "Wir sind eine offene, europäische Stadt." Dann zitiert er aus dem Hirtenbrief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder aus dem Jahr 1965 die Worte des Breslauer Bischofs Bolesaw Kominek: "Europa ist die Zukunft. Nationalismus ist von gestern." Die Menschen im Saal applaudieren und jubeln.

Ganz anders reagiert ein Teil des Publikums bei der Rede von Piotr Glinski, dem neuen Kulturminister der konservativen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS): "Polens Demokratie ist stabil", sagt dieser. Prompt ertönen Pfiffe aus den Sitzreihen, jemand ruft "Propaganda". Glinski betont, wie wichtig christliche Werte seien und dass ohne sie kein wohlhabendes und tolerantes Europa existieren könne. "Freie Medien!", ruft ein Zuschauer aus dem Publikum. Am Ende der Rede: verhaltener Applaus.

Auf dem Marktplatz warten immer noch alle auf das "Erwachen". Unter diesem Titel finden die Feierlichkeiten anlässlich der offiziellen Eröffnung der Europäischen Kulturhauptstadt in diesem Jahr in Breslau statt. "Wann fängt es endlich an?", hört man aus dem Publikum. Manche lachen und springen von einem Bein aufs andere. Sie scheinen gute Laune zu haben: "Ich bin schon gespannt, wie die Show wird. Wie diese Geister wohl aussehen werden."

Endlich ertönt Musik aus den Lautsprechern und die Stimme des Moderators, der aus einem offenen Fenster im zweiten Stock das Zusammentreffen der vier Geister und damit die Geschichte der Stadt beschreibt. Nach und nach rollen die Stahlkonstruktionen auf die Bühne: Der Geist des Hochwassers, der an die Überschwemmung 1997 erinnert. Der Geist des Wiederaufbaus, der davon erzählt, dass die Menschen nach 1945 die Stadt aus den Trümmern wiederrichtet haben. Der Geist der Innovation, der den Zusammenhang zwischen Natur und Technologie verdeutlicht. Der Geist vieler Konfessionen zeigt, wie vielseitig Breslau und wie facettenreich die hier lebenden Menschen sind.

"Die von der Regierung freuen sich jetzt, dass nicht alles reibungslos geklappt hat", sagt der 38-jährige Robert. Er spricht damit das Finale der Eröffnungszeremonie an, die wegen technischer Pannen mit einer mehr als einstündigen Verspätung begann. Außerdem gab es noch ein anderes Problem: Vor der erhöhten Bühne, auf dem ebenen Boden, stellen Artisten, Schauspieler und Akrobaten die Geschichte der Stadt dar. Wenn man jedoch nicht das Glück hat, entweder ganz vorne zu stehen oder von einem erhöhten Punkt aus das Geschehen zu beobachten, ist von dem Spektakel nicht viel zu sehen. "Ich habe fast gar nichts gesehen", sagt eine junge Frau Mitte 40, "wir sind so lange gestanden und haben gewartet, also ich bin schon enttäuscht."

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Dokument erstellt am 2016-01-19 16:53:04
Letzte ─nderung am 2016-01-21 10:41:05



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