• vom 22.06.2016, 17:25 Uhr

Kulturpolitik

Update: 23.06.2016, 11:34 Uhr

Kulturpolitik

Keine Almosen für die Kunst




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Von Judith Belfkih

  • Der neue Kulturminister Thomas Drozda präsentierte ein erstes Maßnahmen-Paket.

Kulturminister Thomas Drozda wünscht sich für viele Bereiche "frisches Geld".

Kulturminister Thomas Drozda wünscht sich für viele Bereiche "frisches Geld".© apa/Pfarrhofer Kulturminister Thomas Drozda wünscht sich für viele Bereiche "frisches Geld".© apa/Pfarrhofer

Wien. Geht es nach dem neuen Kulturminister Thomas Drozda, so stehen der heimischen Kulturszene rosige Zeiten bevor. Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler sollen mehr Geld bekommen, bei den Museen ortet der Minister finanziellen Bedarf, auch Vermittlung und Projekte zum Thema Integration will er großgeschrieben wissen. Die Presseförderung brauche "frisches Geld", die "freie Szene" sowieso. In den Kulturstandort gilt es zu investieren. Und auch die Valorisierung der Bundestheater, also die Abgeltung der Inflation im Rahmen der Subventionen, an der sich schon so mancher Kulturminister die Zähne ausgebissen hat, soll unter Thomas Drozda endlich Realität werden. So weit, so erfreulich. Woher dieses zusätzliche Geld für Kunst und Kultur jedoch kommen soll, das wird freilich noch Gegenstand der kommenden Budget-Verhandlungen sein müssen.

Was sich der neue Minister konkret für die nächsten Monate vorgenommen hat und wie er den von Kanzler Christian Kern ausgerufenen "New Deal" in seinem Bereich verstanden haben möchte, dazu äußerte sich Drozda am Mittwoch vor Kulturjournalisten. In einem ersten Maßnahmenpaket Drozdas steht die zeitgenössische Kunst im Mittelpunkt. Hier soll es, speziell bei der Personenförderung und der "freien Szene", bis 2018 zu einer 10-prozentigen Budgetsteigerung kommen, das bedeutet fünf Millionen Euro mehr. Ab Juli werden die Stipendien erhöht und neue Arbeitsateliers geschaffen. "Das Geld soll 1:1 bei den Künstlern ankommen", so Drozda. Mit dieser Initiative will der frühere Theater-Geschäftsführer darauf verweisen, dass er sich nicht nur für die großen Kulturtanker einzusetzen gedenkt, wie manche Beobachter bei seiner Bestellung befürchteten.

Information

Thomas Drozda,
1965 geboren, studierte BWL und VWL. Ab 1993 war er wirtschaftspolitischer Berater von Kanzler Franz Vranitzky, ab 1996 - auch unter Viktor Klima - zusätzlich für Kunst und Kultur. 2007 bis 2014 von der SPÖ nominierter ORF-Stiftungsrat. 1998 bis 2008 kaufmännischer Geschäftsführer im Burgtheater, seit 2008 Generaldirektor der Vereinigten Bühnen Wien. Im Mai 2016 wurde er von als Kultur- und Medienminister nominiert.

Darüber hinaus sollen Projekte im Bereich Kunst und Integration gefördert werden, hier sind auch die Bundesinstitutionen gefragt, ihre Idee einzubringen. Ein weiterer Fokus liegt im Bereich Transparenz und Professionalisierung: Einreichungen für BKA-Förderungen sollen künftig auch online möglich sein, für die Bundesmuseen soll es einen gemeinsamen Wirtschaftsprüfer geben.

Seriöse Finanzierung

Für die Bundestheater wurde bereits der Budgetschlüssel für 2016/17 genehmigt: Von den insgesamt 156 Millionen Euro entfallen 48,7 auf das Burgtheater, 63,2 auf die Staatsoper, 39,8 auf die Volksoper und 4,9 auf die Holding selbst. Für eben jene Bundestheater will sich Thomas Drozda künftig auch starkmachen. Er ortet ein klares Ungleichgewicht zwischen real steigenden Löhnen und gleich bleibenden Subventionen. Drozda vertritt den Standpunkt, dass "eine Kunst- und Kulturnation Kunst und Kultur seriös finanzieren muss". Sie alle fünf Jahre mit Almosen abzuspeisen, sei zu wenig. Wie das konkret aussehen soll, dazu wollte sich der Minister noch nicht äußern, er wolle den Budgetverhandlungen nicht vorgreifen. "Mit einem Handstreich" werde es aber sicher nicht gehen.

Bei weiteren, aktuell anstehenden kulturpolitischen Entscheidungen ist derzeit Warten angesagt. Bei der ausstehenden Bestellung einer neuen Doppelspitze für das Belvedere will Drozda zunächst die externe Prüfung abwarten. Gegen die aktuelle Geschäftsführung unter Direktorin Agnes Husslein-Arco sind, wie berichtet, vergangene Woche intern Compliance-Vorwürfe aufgekommen. Diese Prüfung soll, so Drozda, Mitte Juli abgeschlossen sein.

Die Presseförderung will Drozda "im Herbst breit diskutieren", auch "das Inseratenthema" soll neu strukturiert und koordiniert werden. Beim Haus der Geschichte seien alle Vorbereitungsschritte gesetzt, "ich möchte aber erst die Finanzierung definitiv sicherstellen", sagte der Minister. Das werde erst im Herbst im Rahmen der Budgetverhandlungen möglich sein, weswegen alle Ausschreibungen, auch jene der wissenschaftlichen Leitung, erst danach erfolgen sollen. Eine Eröffnung gebe es "sicher nicht mehr 2018. 2019 ist relativ wahrscheinlich."

Burgtheater-Affäre

Dass zuletzt eine mögliche Mitverantwortung für die Burgtheater-Affäre aus jener Zeit, in der er 1998 bis 2008 kaufmännischer Geschäftsführer war, in Diskussion geraten sei, "ist mir unangenehm. Ich empfinde es als sehr ungerecht, ich lebe aber damit, denn ich weiß, wo meine Verantwortung liegt", sagte Drozda. "Ich bin weder steuerrechtlich noch organverantwortlich in die Pflicht genommen worden - das wird seinen Grund haben." Er habe ein Eigenkapital von 15 Millionen Euro übergeben, "die Vernichtung von Eigenkapital kam später". Eine Steuerprüfung 2008 habe lediglich 5000 Euro Nachzahlung ergeben. "Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet."

Mit eben jenem besten Wissen und Gewissen will sich Thomas Drozda nun für einen finanziell gewichtigeren Stand von Kunst und Kultur einsetzen. Ob er seine ambitionierten Vorstellungen auch in den kommenden Budgetverhandlungen durchsetzen wird können, wird sich frühestens im Herbst zeigen. Für die finanziell prekäre Situation, auf die manche Kunstschaffende und Kulturbetriebe zusteuern, ist zu hoffen, dass seine Worte keine bloßen Lippenbekenntnisse bleiben.





Schlagwörter

Kulturpolitik, Thomas Drozda

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-22 17:29:05
Letzte nderung am 2016-06-23 11:34:12



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