• vom 16.03.2017, 15:46 Uhr

Kulturpolitik

Update: 16.03.2017, 18:34 Uhr

Musikvermittlung

Vom Recht auf ein gutes Konzert




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Von Judith Belfkih

  • Constanze Wimmer sucht nach neuen Wegen, um Beziehungen zwischen Musik und Publikum zu stiften.

Constanze Wimmer sieht Musikvermittlung sowohl als Dienstleistung in Sachen kultureller Bildung als auch als eigenständige Kunstform. - © Reinhard Winkler

Constanze Wimmer sieht Musikvermittlung sowohl als Dienstleistung in Sachen kultureller Bildung als auch als eigenständige Kunstform. © Reinhard Winkler

Vom Einführungsvortrag über moderierte Konzerte bis zu radikal neuen Formaten: Musikvermittlung hat sich einen festen Platz im Musikbetrieb erobert. Seit März gibt es an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz die österreichweit erste Professur für Musikvermittlung. Inne hat sie die Musikwissenschafterin und Kulturmanagerin Constanze Wimmer. Im Gespräch erläutert sie, warum heute mehr Bedarf an Vermittlung besteht, was das mit dem Bildungssystem zu tun hat und warum man ideale Vermittlung nicht merkt.

"Wiener Zeitung":Warum kommt Pop ohne Vermittlung aus, Klassik aber offenbar immer weniger?

Information

Constanze Wimmer studierte Musikwissenschaft, Publizistik und Kulturmanagement. An der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz leitet sie den Masterstudiengang "Musikvermittlung - Musik im Kontext", ist als Forscherin und Projektentwicklerin aktiv.

Constanze Wimmer: Pop war immer schon Teil der Jugendkultur und wächst mittlerweile mit dem Publikum mit. Klassik hat diese identitätsstiftende Bedeutung nur für ein relativ kleines Segment. Oft fehlt das direkte Verhältnis zu den Zuhörern, da gibt es einen Gap.

Ist klassische Musik also ohne Vermittlung nicht mehr lebensfähig?

Nein, die Musik braucht keine Vermittlung, aber der Konzertbetrieb braucht neue Aufführungsformate und Beziehungsstifter zwischen Publikum und Bühne. Nur dadurch kann Musik für ein breiteres Publikum gesellschaftlich relevant bleiben. Vermittlung will einen Raum schaffen, damit das, was auf der Bühne stattfindet, auch für Neulinge bedeutungsvoll werden kann. Das geschieht am nachhaltigsten, indem man Beziehungen zwischen Musikern und Hörern stiftet. Das kann auf verschiedene Weise stattfinden. Über Veranstalter, die entsprechende Rahmenbedingungen bauen, oder über einzelne Menschen oder über dramaturgische Ideen.

Seit wann braucht es diese Stifter?

Es hat sie immer gegeben. Klassische Musik war immer elitär und nie so unmittelbar, wie in unserer Vorstellung. Nur waren die Figuren andere - der Dramaturg, der Cafetier, der in seinem Lokal Konzerte veranstaltete, Journalisten. Es hat immer Menschen gegeben, die Beziehungen hergestellt haben. Diese Szene hat sich mehr ausdifferenziert und ab den 90er Jahren einen pädagogischen Einschlag erfahren, seit auch im Bildungsbürgertum klassische Musikausbildung weniger Relevanz hat. Dazu kommt, dass heutige Eliten ganz andere Prioritäten haben. Da zählen Sport und Fitness wesentlich mehr als Kunst. Das alles sind Gründe, warum Veranstalter heute neues Publikum suchen und gleichzeitig findet eine Demokratisierung des Konzertbetriebes statt.

Sind die treibende Kraft hinter Vermittlung also Veranstalter, die mehr Karten verkaufen wollen?

Sie wollen zumindest ein unterschiedlicheres Publikum ansprechen. Mehr Menschen ins Konzert zu bringen, ist Aufgabe des Marketings. Aber Musikvermittlung ist keine neue Form des Marketings, sondern hat die Aufgabe, Konzerte inhaltlich so zu gestalten, dass dieses neu zusammengesetzte Publikum auch etwas davon hat.

Übernimmt Musikvermittlung damit nicht Aufgaben, die früher in Schulen angesiedelt waren?

Die Aufgabe von Schule hat sich geändert. Es gibt heute viele Sehnsuchtsorte für das gute und schöne Leben. Es ist eine Folge der Liberalisierung, dass sich Kulturinstitutionen selbst überlegen müssen, wie sie mit jungem Publikum umgehen. Früher hat man junge Menschen als Potenzial gesehen, als das Publikum von morgen. Heute betrachtet man Kinder als vollwertiges Publikum, das schon heute das Recht auf ein gutes Konzert hat. Egal ob sie als Erwachsene wiederkommen oder nicht.

Braucht sogenannte Neue Musik besonders viel Vermittlung?

Es gibt sicher eine Neue-Musik-Szene, die eine gewisse Hermetik ausstrahlt. Aber es gibt auch weniger strenge Richtungen, die sich öffnen möchten. Viele Impulse für Musikvermittlung kommen genau aus dieser Szene - Musiker, die Stücke für experimentelle Hörsituationen schreiben, oder Improvisationsworkshops zum Mitmachen.

Ist die klassische Konzertsituation ein aussterbendes Szenario?

Auf keinen Fall. Doch sie hat sich ausdifferenziert. Musikvermittlung hat den Konzertbetrieb verändert. Neue Ensembles gründen sich oft schon mit der Idee, andere Konzerte zu machen, sich anders mit dem Publikum auseinanderzusetzen. Ein Haus, das heute Relevanz haben möchte, muss vielschichtiger programmieren, muss unterschiedlichere Bedürfnisse von Seiten des Publikums erfüllen.

Wo steht Österreich bei der Vermittlung im europäischen Vergleich?

Ein bisserl hinter Deutschland, wie immer. (lacht) Das hat mit der Größe des Landes zu tun und damit, dass unsere Nachbarn die Dringlichkeit schneller zu spüren bekommen haben. Doch das Publikum kommt mittlerweile auch in Linz und Wien nicht mehr von alleine, es gibt also Handlungsbedarf.

Wer ist der bessere Vermittler - der Künstler oder der Musikvermittler?

Immer der Künstler. Dem wird vieles verziehen, was er vielleicht nicht so gut kann, in der Moderation, der Dramaturgie, weil er dafür direkt aus dem Kunstwerk heraus agiert. Dahin entwickelt sich Musikvermittlung immer mehr: die Musiker selbst zu befähigen, diese Aufgabe zu übernehmen.

Dann wäre im Idealfall Musikvermittlung nicht mehr nötig?

Sie sollte sich auf jeden Fall unsichtbar machen. Zugunsten von Formaten, bei denen niemand auf die Idee kommt zu sagen, das ist jetzt Musikvermittlung. Dass sie einfach die Tür öffnet zur musikalischen Erfahrung. Es gibt ja schrecklich belehrende Formen von Musikvermittlung. Und es gibt zauberhafte Projekte, da hat sich viel getan.

Wohin geht die Entwicklung?

Die Palette reicht von Yoga vor Kammermusik und Konzerten, in denen ein Stück zweimal gespielt wird und dazwischen ein Gespräch mit den Musikern neue Pfade für das zweite Mal Hören aufmacht. Bis zu Formaten, die aus Musik, Geschichten und Licht kleine eigenständige Kunststücke formen. Da stellt sich dann die Frage, ob Musikvermittlung eine Dienstleistung in Sachen kultureller Bildung ist oder bereits eine eigenständige Kunstform.





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Dokument erstellt am 2017-03-16 15:51:11
Letzte ńnderung am 2017-03-16 18:34:16



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