• vom 21.04.2017, 16:34 Uhr

Kulturpolitik

Update: 21.04.2017, 19:10 Uhr

Interview

"Radikale Schritte wagen"




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Von Petra Paterno und Christoph Irrgeher

  • Mailath-Pokorny über die Neuausrichtung der Festwochen, das Wien Museum und wofür er keine Zeit hat.

Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. - © Robert Newald

Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. © Robert Newald

"Wiener Zeitung": Demnächst eröffnen die Wiener Festwochen unter dem neuen Intendanten Tomas Zierhofer-Kin. Das Theatergroßereignis nimmt popkulturelle und diskursive Züge an. Warum haben Sie den Kurswechsel angestrebt?

Andreas Mailath-Pokorny: Einspruch: Die Festwochen waren auch in den Jahren zuvor nicht nur ein einziges Schauspielgroßereignis, es gab auch bisher sehr viele Produktionen, mit denen man versuchte, neue Wege einzuschlagen.


Ja, aber das aktuelle Programm wirkt wie eine Abkehr vom Schauspiel und Hinwendung zur Pop-, Diskurs- und Clubkultur. Warum wurde ein bestens funktionierendes Festival derart umgemodelt?

Es gab für mich ein Schlüsselerlebnis: Vor einigen Jahren besuchte ich das Donaufestival in Krems, das Zierhofer-Kin leitete, und sah viel junges Publikum. Das wollte ich in Wien haben. Die Veränderung ist beabsichtigt, wir hoffen, neue Publikumsschichten für die Festwochen zu gewinnen. Wo, wenn nicht bei einem Festival, kann man radikalere Schritte wagen?

Was ist, wenn das bisherige Festwochen-Publikum ausbleibt?

Wir brauchen Partnerschaften der Neugier. Gut möglich, dass es in den ersten Jahren Kritik geben wird, aber es gehört zu den Aufgaben eines Kulturpolitikers, einen langen Atem zu haben, damit neue Ideen Zeit haben, umgesetzt zu werden.

Die Theaterjury empfiehlt, die Bühne am Petersplatz, bislang unter Führung der Werk-X-Intendanten Ali M. Abdullah und Harald Posch, als eigenständige Bühne für freies Sprechtheater umzuwidmen. Wird es dazu kommen?

Fest steht, dass wir eine eigene, unabhängige Spielstättenleitung haben wollen, aber keine Intendanz im klassischen Sinn, weil es darum gehen soll, freien Gruppen die Möglichkeit zu bieten, an einem gut eingeführten Standort ihre Produktionen zu zeigen.

Bleibt die Bühne nun unter Werk- X-Führung oder nicht?

Darüber führen wir noch Gespräche. Ich würde mir wünschen, Werk X und Petersplatz als Verbund zweier eigenständiger Spielstätten beizubehalten, die in der Betriebsführung Synergien nutzen.

Ein Vorwurf aus der freien Theaterszene: Institutionen werden erhalten, auch wenn diese nicht mehr besonders innovativ sind, während freie Gruppen mit vollem Risiko arbeiten. Wollen Sie an diesem Missstand etwas ändern?

Das ist eine Dichotomie, die wohl nicht aufzulösen ist. Die Theaterreform ist angetreten, um Neues zu ermöglichen, und das Bekenntnis der Stadt Wien zur Planungssicherheit freier Theaterarbeit ist unverändert einzigartig. Aber ja, wir unterstützen Theaterbühnen, auch wenn diese keine Jury-Empfehlung haben, wenn andere Gründe dafür sprechen. Eine Theaterstadt wie Wien lebt davon, dass sie auch etablierten ästhetischen Formen einen Platz einräumt, solange diese ihr Publikum finden. Daneben ermöglichen wir Veränderungen in der Theaterlandschaft, indem wir Schwerpunkte setzen. Vor einiger Zeit lenkten wir den Fokus auf interdisziplinäre Projekte, dann eher auf postmigrantisches Theater, jetzt lautet die Empfehlung der Jury, das Sprechtheater zu stärken. Ich folge den Empfehlungen, so gut es geht.

Das Wiener Konzerthaus fühlt sich von der Stadt untersubventioniert; zudem arbeiten die Festwochen nicht mehr mit Konzerthaus und Musikverein zusammen. Was hat die Gemeinde Wien gegen die Klassik?

Sie hat nicht nur nichts dagegen, sie fördert sie in hohem Maße. In Summe geben wir für diesen Bereich wohl die meisten Fördermittel aus.

Nicht für Musicals?

Nein, die Musicalsparte der Vereinigten Bühnen Wien erhält knapp 19 Millionen Euro. Addiert man allein die Gelder für Symphoniker und Theater an der Wien, kommt man auf einen viel höheren Betrag. Was das Konzerthaus betrifft: Intendant Matthias Naske hat sein Programm ausgebaut, was jeder begrüßt. Das will aber auch finanziert werden. Insgesamt denke ich, dass das Haus von der Stadt gut dotiert ist, und ich bin mit Naske in gutem Einvernehmen.

Und der Festwochen-Rückzug? Bisher hat das Festival abwechselnd Konzerthaus und Musikverein damit beauftragt, in seinem Namen Konzerte zu veranstalten. Damit ist jetzt Schluss - die Häuser müssen auf einiges Geld verzichten.

Es ist aber kein Geheimnis, dass die Zusammenarbeit zuletzt nicht mehr besonders gut geklappt hat. Ein Grund dafür war, dass die Konzerthäuser längerfristig planen als die Festwochen und sich darum nicht auf das Festivalprogramm einstellen konnten.

Aber muss man darum gleich das ganze Projekt stanzen?

Wenn die Festwochen Geld hergeben, auf dessen Verwendung sie keinen Einfluss nehmen können, verstehe ich, dass der neue Intendant zu dem Schluss kommt: Das bringt uns nichts.

Derzeit werden neue Intendanten für die Musical- und Opernsparte der Vereinigten Bühnen Wien (VBW) gesucht. In der Ausschreibung steht, dass man sich auch für beide Stellen gemeinsam bewerben kann. Glauben Sie an einen solchen "Wunderwuzzi"?

Gegenfrage: Warum soll etwas für den Theaterkonzern der Stadt Wien absurd sein, was an vielen Landestheatern selbstverständlich ist? Dort ist ein Intendant für die ganze Bandbreite des Musiktheaters zuständig.

Ein Landestheater hat aber meist nur ein großes Haus. Die VBW dagegen bespielen Abend für Abend bis zu vier verschiedene.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-21 16:39:05
Letzte nderung am 2017-04-21 19:10:09



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