• vom 26.04.2017, 16:22 Uhr

Kulturpolitik

Update: 26.04.2017, 17:56 Uhr

Interview

Den Kreis erweitern




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Von Verena Franke

  • Walter Heun zieht zum Ende seiner achtjährigen Intendanz am Tanzquartier Wien künstlerisch Bilanz.

Doris Uhlich: Boom Bodie s in der Reihe Feedback am  27. April um22.00 h in TQW / Halle G. - © Theresa Rauter

Doris Uhlich: Boom Bodies in der Reihe Feedback am 27. April um
22.00 h in TQW / Halle G.
© Theresa Rauter

Wien. Für die einen ist es eine Institution, die Forschung zum Thema Tanz und Performance ermöglicht. Die anderen kritisieren das Tanzquartier Wien als eine Stätte, an der zwar sehr viel angeboten und veranstaltet - nur nicht getanzt wird. Intendant Walter Heun zieht zum Ende seiner achtjährigen Amtszeit im Juni im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" Bilanz.

"Wiener Zeitung":Sie sind 2009 mit dem Slogan "Wir erweitern den Kreis" gestartet. Ist Ihnen das gelungen?

Walter Heun:Das war das Motto unserer ersten Abokarte. Ich finde es interessant, dass dieser Satz für das sich verändernde Tanzquartier steht. Es war mit kleinen Buchstaben geschrieben, jedoch mit großer Wirkung. Das Tanzquartier hatte sich mit der Begegnung von künstlerischer Forschung und Theorie ein Alleinstellungsmerkmal in Europa erarbeitet. Dieses Theorieprofil wurde so kommuniziert, dass der Eindruck entstand, es wäre zu elitär. Die Erweiterung des Kreises betrifft nicht nur die Zuseherentwicklung. Natürlich haben wir es geschafft, ein wechselndes Publikum zu gewinnen. Die Publikumsstruktur hat sich auch verändert.

Inwiefern?

Ich habe versucht, das Tanzquartier mehr in der Nähe zur bildenden Kunst als zum Theater zu positionieren. Ich denke, dass das Betrachten des zeitgenössischen Tanzes viel mehr mit dem Betrachten von bildender Kunst zu tun hat. Das ist eigentlich über acht Jahre hinweg hervorragend gelungen. Und das ist für mich auch eine Erweiterung des Kreises.

Wie hat sich der zeitgenössische Tanz seit 2009 verändert?

Ich hatte damals das Gefühl, in eine sehr ideologisierte Szene einzudringen, in der es eine ganz klare Dichotomie zwischen Tanz im Sinne des tänzerischen Verständnisses von Choreografie, und Performance und Konzeptkunst auf der anderen Seite gab. Es hat sich in der Folge eine Art Körperfeindlichkeit entwickelt. Das fand ich immer problematisch. Ich habe versucht, ein bisschen einzuwirken, indem ich in Gesprächen mit den Künstlern gesagt habe: "Entspannt euch doch. Überlegt euch, was euer künstlerisches Vorhaben ist und welches Medium dafür das richtige ist." Es gab diesen Satz damals: "Sobald man sich mehr als einmal dreht, ist es Virtuosität". (lacht) Ich würde jetzt niemanden des Hauses verweisen, nur weil er sich auf der Bühne zu sehr bewegt hat. Und da hat sich die Szene schon, vielleicht auch durch die internationale Vernetzung, sehr verändert. Ich freue mich, dass mehr als 80 internationale Tanzveranstalter zum Festival Feedback gekommen sind. Es ist die Ausgabe mit der größten Resonanz. Auch das ist ebenfalls eine Erweiterung des Kreises. Denn die Kollegen würden nicht wieder und weitere dazu kommen, wären die Arbeiten nicht interessant gewesen.

Sie haben während Ihrer Amtszeit doch einen tiefen Blick in die österreichische Förderkultur bekommen. Wo sehen Sie da die Mankos für die heimischen Tanzkünstler?

Für Walter Heun hat sich das Tanzquartier zu einem Juwel entwickelt.

Für Walter Heun hat sich das Tanzquartier zu einem Juwel entwickelt.© Regine Hendrich Für Walter Heun hat sich das Tanzquartier zu einem Juwel entwickelt.© Regine Hendrich

Ich bin eigentlich mit den Entscheidungen, die die Wiener Kuratoren bezüglich Zwei- und Vier-Jahresförderung getroffen haben, sehr zufrieden. Das Einzige, was ich völlig unverständlich finde, ist, dass sie Superamas nicht gefördert haben. Sie ist einer der fünf Gruppen, die in Wien ein Publikum aufbauen, und die im internationalen Kontext seit Jahren präsent sind.

Und die Höhe der Förderungen?

Es kommt drauf an, womit man sie vergleicht. Die Höchstförderung in Österreich liegt bei 180.000 Euro für Doris Uhlich. Ich habe seit meiner Tätigkeit beim Tanzquartier bei meiner Verlängerung 50.000 Euro mehr an Budget bekommen. Aber das spiegelt nicht den Wertverlust. Wien hat als Kulturstadt oder Österreich als Kulturnation einen Ruf zu verlieren. Es dauert lange, bis er verloren ist, aber wenn er es ist, dann bekommt man ihn nicht wieder zurück. Man lebt hier schon etwas zu sehr von der Vergangenheit. Es ist wichtig, zu verstehen, dass man den Bereich des zeitgenössischen Tanzes, der Performance, so wie es in internationalen Koproduktionen betrieben wird, nicht nur als alternative Szene zum Stadtheaterbetrieb sehen darf.

Welche Entscheidungen würden Sie heute so nicht mehr so treffen?

70 Prozent der Stücke, die hier auf die Bühne kommen, sind Koproduktionen. Das heißt, als Intendant des Tanzquartiers entscheidet man sich für künstlerische Vorhaben. Das hat den Vorteil, dass die internationalen Kollegen sich bei uns anschauen müssen, was herausgekommen ist. Das ist natürlich auch mit Risiko verbunden und es ist ein Vergnügen, die Künstler in diesem Risiko zu begleiten - wenn es gut ist. Wenn nicht, dann muss man aber auch dazu stehen. Es gab Stücke, bei denen ich mir dachte: "Was ist da eigentlich noch über von dem, was wir besprochen haben?" Aber dafür ist so ein Haus geschaffen. Das Tanzquartier Wien wurde in den letzten 15 Jahren als Forschungsstätte betrieben. Es setzt sich seit Beginn mit den Möglichkeiten der Kunstform Tanz und Performance auseinander. Seit ich hier bin vielleicht noch zusätzlich mit gesellschaftspolitischen Diskursen, die sich eher um das Zusammenleben drehen als um Tanzpolitik. Insofern hat die Stadt Wien hier ein Juwel. Ich habe die Ansätze von Sigrid Gareis weitergeführt und weiterentwickelt. Das Erweitern des Kreises hat sehr wohl funktioniert.

Haben Sie einen Tipp für Ihre Nachfolgerin Bettina Kogler?

Das ist eine schwierige Sache. Wenn man meint, das Tanzquartier zu kennen, ist man überrascht, wenn man erst einmal drinnen sitzt. Die Rolle verändert sich in der Szene, weil es mannigfache Interessen gibt. Sie muss ihren eigenen Weg finden.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-26 16:27:08
Letzte Änderung am 2017-04-26 17:56:28



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