• vom 28.04.2017, 18:06 Uhr

Kulturpolitik

Update: 29.04.2017, 11:59 Uhr

Weißbuch Bundesmuseen

Wider das Kasterldenken




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Von Christoph Irrgeher

  • Kulturminister Drozda will Steuerung der Bundesmuseen wieder mehr in öffentlicher Hand sehen.

Will ein System der "Checks and Balances": Kulturminister Thomas Drozda. - © apa/Techt

Will ein System der "Checks and Balances": Kulturminister Thomas Drozda. © apa/Techt

Wien. 15 Jahr ist es her, dass die österreichischen Bundesmuseen ausgegliedert wurden. Eine Erfolgsgeschichte, auf der einen Seite: Seit 2002 hätten sich die Besucherzahlen fast verdoppelt, zudem sei die Anzahl der Veranstaltungen um 140 Prozent gewachsen, erklärt Kulturminister Thomas Drozda. Und nicht zuletzt: Der Eigendeckungsgrad der Häuser sei von 32 auf 42 Prozent angestiegen.

Andererseits: Der Gang in die Eigenverantwortung hat auch seine Schattenseiten. Das Agieren am freien Museumsmarkt war Maßnahmen abseits der Besucherzahlen-Steigerung offenbar nicht zuträglich. So reduzierte sich der Aufwand für die Sammlungen der Häuser im gleichen Zeitraum um stattliche 40 Prozent, jener für Restaurationstätigkeiten um deren 20. "Das muss man ernstnehmen", erklärte Drozda vor Journalisten.


"Nicht neu erfinden"
Anlass des Termins: die Präsentation des sogenannten Weißbuchs für die Österreichischen Bundesmuseen. Drozda hat es den Direktoren der Häuser bereits am Freitagmorgen vorgestellt; die Journalisten erhielten den 115 Seiten schweren Band am mittleren Nachmittag. Beauftrag wurde das Buch im vorigen Sommer. Ein Anlass war das Thema Compliance. Entsprechende Vorwürfe führten im Jahr 2016 dazu, dass der Vertrag der damaligen Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco nicht verlängert wurde. Andererseits und vor allem aber sollte das Weißbuch die Organisationsstruktur der Bundesmuseen auf ihre Tauglichkeit abklopfen. Dafür wurde ein siebenköpfiges Expertenteam zusammengestellt, dem unter anderem Ex-Mumok-Leiter Edelbert Köb, Danielle Spera, Chefin des Jüdischen Museums Wien, sowie Joanneum-Direktor Wolfgang Muchitsch angehörten. Sie sollten dem Minister "strategische" Ideen liefern. Der zweite Teil des Buches denkt darüber nach, ob die Häuser eine neue Struktur erhalten sollen, und wurde von der Integrated Consulting Group (ICG) erstellt.

Neu erfunden sollen die Häuser zwar nicht werden: Wie Drozda betont, ginge es nur um einige Adjustierungen. Was ihn aber stört: Dass sich die acht Häuser - darunter das Belvedere, die Albertina, das Mumok, aber auch die Nationalbibliothek - seit der Ausgliederung zu verschiedenen Welten entwickelt hätten. Ein einheitliches Berichtswesen etwa fehle; eine gemeinsame Buchprüfung für alle Einrichtungen hat Drozda Ende des Vorjahrs angekündigt und damit die Firma PwC beauftragt. Einfach sei aber selbst das nicht gewesen: Um den Schritt durchzubringen, mussten die Kuratorien sämtlicher Museen grünes Licht geben. Drozda begrüßt die Museums-Autonomie zwar als Motor des Publikumserfolgs. Was ihm aber fehlt, ist ein Hebel zur Gesamtsteuerung der Häuser, in die der Staat aktuell 110 Millionen Euro jährlich steckt.

Dabei geht es nicht nur um Korruptions-Prophylaxe und Transparenz. Wie lässt es sich vermeiden, dass jeder Direktor sein eigenes Süppchen kocht, dass er in Themengebieten der anderen Häuser wildert und nur insofern mit den Kollegen spricht, als er diese in der Direktorenkonferenz vor vollendete Tatsachen stellt? Wäre da womöglich eine Holding-Struktur sinnvoll, wie sie die Bundestheater seit deren Ausgliederung besitzen?

Das Weißbuch stellt mehrere Varianten vor, drei davon favorisiert die ICG. Zum einen ist das die eben genannte, zum anderen eine Super-Holding gemeinsam mit den Bundestheatern. Der dritte Vorschlag gefällt Drozda am besten und nennt sich "Strategisches Beteiligungsmanagement durch das Bundeskanzleramt". Der Staat soll dabei ohne viel Zusatzstrukturen steuernd eingreifen können, das Zusammenspiel der Museen harmonisiert werden.

"Andere Diskussionskultur"
Die dafür angedachten Neuerungen: Im Kanzleramt soll ein Strategieteam für den Museumsbereich aufgebaut werden, zudem ein wissenschaftlicher Beirat. In Planung ist weiters, wie die "Wiener Zeitung" bereits am Donnerstag meldete, die Direktorenkonferenz aufzuwerten. Sie soll unter dem Namen Bundesmuseenkonferenz als gemeinsames Gremium des Kanzleramts und der Direktoren fungiert. Wunscheffekt: Durch Vorsitz und Moderation des Eigentümers soll ein freier Informationsfluss in Gang gesetzt werden, der dem "Kasterldenken" (Spera) entgegenwirke. Zudem sollen in dem Gremium "Shared Services" erdacht werden, also Dienstleistungen mit Synergieeffekt. Eine Aufwertung ist auch für die Kuratorien vorgesehen: Dem Konzept nach sind sie künftig funktionell wie Aufsichtsräte gestaltet.

Die Pläne sollen mit einer Gesetzesänderung relativ leicht umsetzbar sein; die Novelle könnte noch vor Sommer in Begutachtung gehen. Neben einer "anderen Diskussionskultur" im Museumsbereich will Drozda auch ein "Checks and Balances"-System schaffen.




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Dokument erstellt am 2017-04-28 18:12:05
Letzte ńnderung am 2017-04-29 11:59:31



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