• vom 04.06.2017, 08:00 Uhr

Kulturpolitik

Update: 27.06.2017, 15:33 Uhr

Gogol-Zentrum

"Dann geht doch in die Kirche!"




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Von Simone Brunner

  • Die Razzien rund um das "Gogol-Zentrum" erschüttern die Moskauer Theaterszene. Die Künstler fürchten, dass der Freiraum für die Kultur in Russland immer kleiner wird.

Um das "Gogol-Zentrum" ist ein Konflikt entbrannt: Geht es um Veruntreuung oder um Inhalte?

Um das "Gogol-Zentrum" ist ein Konflikt entbrannt: Geht es um Veruntreuung oder um Inhalte?© Brunner Um das "Gogol-Zentrum" ist ein Konflikt entbrannt: Geht es um Veruntreuung oder um Inhalte?© Brunner

Moskau. Der Raum für die Schauspieler schrumpft. Immer enger rücken die Eisengitter, immer drohender schwingt der Polizist den Gummiknüppel. Ein Donnergrollen dröhnt aus den Boxen, bis die Darsteller hinter den Gittern eingekesselt sind, regungslos und stumm.

Die Staatsmacht gegen das Individuum: Die Szene aus dem Stück "Müllermaschine", nach der düstere Untergangsvision des DDR-Dramatikers Heiner Müller, die dieser Tage im "Gogol-Zentrum" in Moskau inszeniert wurde, ist ungewollt aktuell geworden. Vergangene Woche platzten russische Polizisten und Spezialeinheiten in eine Probe des Theaters. Sechs Stunden lang wurden die Schauspieler festgehalten und das Theater durchsucht. Der Theaterdirektor Kirill Serebrennikow wurde in seiner Wohnung aufgesucht und abgeführt. Der Vorwurf: schwerer Diebstahl in der Höhe von 200 Millionen Rubel (umgerechnet 3,2 Millionen Euro).


Provokantes Theater
Beobachter gehen davon aus, dass dadurch insbesondere Serebrennikow in die Schranken gewiesen werden soll. Der 47-Jährige wurde 2013 von der Stadtregierung mit der Leitung des Gogol-Zentrums beauftragt. Seither hat er das Haus und zu einem der progressivsten Spielstätten der Hauptstadt gemacht. Durch seine kritischen, experimentellen und provokanten Stücke gegen den Kreml und die Russisch-Orthodoxe Kirche hat er sich aber vor allem im konservativen Umfeld von Wladimir Putin nicht nur Freunde gemacht.

Der Razzia folgte aber vorerst ein Aufschrei in der Kulturszene. "Ein Künstler, auf den Russland stolz sein sollte, wird erniedrigt und beleidigt", schrieb etwa der Ballett-Tänzer Michail Baryschnikow auf Facebook. So soll sich in der Causa laut russischen Medien auch der bekannte Schauspieler Jewgenij Mironow in einem "hitzigen und sogar lauten Dialog" direkt bei Präsident Wladimir Putin für Serebrennikow eingesetzt haben. Auf Anordnung des Leiters des Untersuchungskomitees soll der Status von Serebrennikow indes zu einem "Zeugen" herabgestuft worden sein, wie anonyme Quellen auf dem Nachrichtendienst Telegram nahelegen wollen.

Dass unverhältnismäßige Polizeiaufgebot, um Serebrennikow lediglich als "Zeugen" abzuführen, sorgt derweil für Befremden in der Moskauer Kulturszene. Das brutale Vorgehen gegen einen derart hochrangigen und gut vernetzten Kulturschaffenden ist in Russland neu. "Bedeutet das jetzt etwa, dass die Silowiki (die Geheimdienste und die Armee, Anm.) in den Kulturkampf einsteigen?", fragt die Theaterkritikerin Aljona Solnzewa. "Es ist völlig klar, dass dadurch der Kampf gegen Andersdenkende ausgeweitet wird - egal, ob du ein Politiker, ein Bürgerrechtler oder sonst was bist", so der Oppositionspolitiker Dmitrij Gudkow auf Radio Swoboda. "Die Politik kommt schon zu jedem nach Hause."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-02 16:44:06
Letzte ─nderung am 2017-06-27 15:33:05



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