• vom 02.06.2017, 17:02 Uhr

Kulturpolitik


Interview

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Von Verena Franke

  • Intendantin Brigitte Fürle über 20 Jahre Festspielhaus St. Pölten und ihr Sensorium für das Publikum.

Als Dienstleisterin für ihr Publikum sieht sich Brigitte Fürle.

Als Dienstleisterin für ihr Publikum sieht sich Brigitte Fürle.© Christoph Liebentritt Als Dienstleisterin für ihr Publikum sieht sich Brigitte Fürle.© Christoph Liebentritt

St. Pölten.Brigitte Fürle hat während ihrer Karriere bereits mehrmals ein sogenanntes Näschen bewiesen. Künstlerisch und kaufmännisch. Auch ihre Intendanz im Festspielhaus St. Pölten seit 2013 hat Erfolge gebracht: Der Anteil der Eigenveranstaltungen ist kontinuierlich gestiegen und ebenso die Auslastung, was regelmäßig zu erfolgreichen Saisonabschlüssen und neuen Einnahmerekorden in der 20-jährigen Geschichte des Hauses führt.

"Wiener Zeitung":Welche Stellung hat heute das Festspielhaus im Vergleich zu Wiener Häusern und im Vergleich zu anderen Institutionen österreichweit?


Brigitte Fürle: Das Festspielhaus hat in seiner beginnenden Adoleszenz einen fixen Platz in dieser Häuserlandschaft. Aber das hat so lange gedauert, weil es ein Solitär unter den Festspielhäusern ist. Der Saisonbetrieb ist die Summierung zwischen Tanz und Musik, zwischen Tradition und Avantgarde. Da sind wir wirklich für den deutschsprachigen Raum einzigartig. Gleichzeitig bieten wir auch sehr viel Kulturvermittlung an. Wir machen das nicht nur, um Publikum zu akquirieren, sondern es ist Teil unseres Programms. Das hat Zeit gebraucht, bis es auf Flughöhe angekommen ist. Und jetzt bekomme ich Feedback von vielen Personen, die sich das Programmheft fix auf ihre Pinnwand geheftet haben. Um dies zu ermöglichen, haben wir sehr viele Services wie Shuttlebusse aufgebaut. Wir sind stolz auf das Festspielhaus, lobt uns die lokale Seite. Das war nicht immer so, es war lange Zeit ein kühles Nebeneinander eines aus dem Boden gestampften Kulturbezirks.

Das Festspielhaus hat rund 1000 Plätze, die es zu befüllen gilt.

Ja, wir machen das mit einem breiten Spannungsbogen und einer großen Vielspartigkeit, die für das Haus nun auch ein Markenzeichen geworden ist. Vom zeitgenössischen Ballett über klassische Musik bis Zirkus. Das ist schon eine unglaubliche Bandbreite, die sich sonst nirgends so abzeichnet. Ich denke, das Festspielhaus ist ein Vorreiter, und wir brauchen mehr Häuser, die noch etwas Eigenes für sich als Spielbetrieb definieren - neben dem Repertoirebetrieb und den Festspielen. Man muss ja nur nach Frankreich schauen, wo Choreografen ihre Maison de la dance haben. Dort gibt es "Kultur für alle", auch in kleineren Orten und Städten gibt es große Häuser, die diese Vielspartigkeit betreiben und ein Kulturveranstalter für ihre Region sind. Nichts anderes ist das Festspielhaus. Und jeder Zuseher, der zu uns kommt, kommt, weil er etwas sehen und nicht, weil er gesehen werden möchte. Das unterscheidet unser Publikum von dem herkömmlicher Festivals.

Lange Zeit ist das Festspielhaus im Windschatten von Wien hin und her geschlingert.

Dieser Schlingerkurs war sicherlich der Situation geschuldet: Es war etwas ganz Neues, das hat seine Zeit gebraucht. Und ich kann jetzt für mich behaupten, dass wir eine sehr gute Spur verfolgen. Auch die Künstler fühlen sich wohl, und es hat sich international herumgesprochen, dass es ein Ort ist, an dem man gut arbeiten kann und wo auch gute Zuschauer warten. Ich bin der Sensor für das Publikum.

Sie haben bei Ihrem Amtsantritt 2013 angekündigt, dass Sie Eigenveranstaltungen fördern möchten. Ist Ihnen das gelungen?

Ich habe gesagt, dass ich die Zusammenarbeit mit dem Orchester und Tanzproduktionen sehr in den Vordergrund stellen möchte. Und das ist uns exzellent gelungen. Wir haben jedes Jahr zwei bis drei Vorzeigeprojekte, die eine europäische Zusammenarbeit sind. Wir haben in der kommenden Saison etwa Jacques Offenbachs "Die schöne Helena". Das sind Gastspiele, die einzigartig sind. Denn Repertoirebetriebe können meist nicht Gastspiele aufnehmen und schon gar nicht auf Tour schicken. Denn da steckt ein finanzieller Aufwand dahinter. Damit habe ich natürlich auch noch die große Spielwiese des Musiktheaters - solange wir es uns leisten können, denn Musiktheater ist weit kostenintensiver als Tanzproduktionen.

Das Festspielhaus konnte in der Saison 2015/16 die höchsten Kartenerlöse verzeichnen. Gibt es Zahlen für die jetzige Saison?

Ich glaube, wir werden dieses Rekordergebnis toppen.

Woran liegt das? Was ist das Erfolgsrezept?

Ich habe die Berliner Festspiele auch so hinterlassen: mit unglaublichen Erlösen und Auslastungszahlen. Das war auch beim Young Directors Projekt bei den Salzburger Festspielen so. Ich mache zwei Dinge: Ich erhöhe den Spannungsbogen und bin bereit, sowohl populäre Formen als auch avantgardistische zu programmieren. Ich habe nicht nur eine avantgardistische Sichtweise, denn ich bin ein Dienstleister. Darin sind wir gut. Wir sprechen mit dem Publikum vorher und nachher, ich bin immer erreichbar, ich beantworte jede Art von Beschwerde. Wir geben den Zusehern wirklich das Gefühl, dass sie unsere Gäste sind. Der Verweilmoment nach einer Vorstellung muss gegeben sein. Ich bin selber keine Künstlerin, sondern ich arbeite für ein Publikum. Das macht mir Spaß. Ich gehe genauso gerne in zeitgenössischen Zirkus wie in Ballett oder ein klassisches Konzert. Und nach einiger Zeit hat das Publikum erfahren, dass im Festspielhaus Qualität geboten wird. Und auch, wenn der Zuseher nicht alles kennt, so vertraut er uns. Das war immer mein Erfolgsrezept.

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Dokument erstellt am 2017-06-02 17:06:06



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