• vom 08.07.2017, 12:00 Uhr

Kulturpolitik


Zensurvorwurf

Schwarzmalerei




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Von Alexander Dworzak

  • Die Direktorin des Collegium Hungaricum Wien verbannte ein Kunstwerk aus einer Ausstellung, wohl, weil die ungarische Flagge umgestaltet wurde. Ein Galerist spricht von Zensur und einem Präzedenzfall bei den ungarischen Kulturinstituten.

Lilla Lörincz und János Borsos mussten ihr Kunstwerk "See No Evil, Hear No Evil, Speak no Evil" abhängen.

Lilla Lörincz und János Borsos mussten ihr Kunstwerk "See No Evil, Hear No Evil, Speak no Evil" abhängen.© Vitus Weh Lilla Lörincz und János Borsos mussten ihr Kunstwerk "See No Evil, Hear No Evil, Speak no Evil" abhängen.© Vitus Weh

Wien. "Künstler müssen Nationalgefühl haben, müssen dieses Land und diese Sprache mit allen Fehlern und Mängeln akzeptieren. Und sollen nicht ins Ausland fahren und von dort über Ungarn lästern." So sieht es György Fekete, Präsident der mächtigen Ungarischen Akademie der Künste (MMA). Er hatte damit Granden wie Schriftsteller György Konrad im Visier. Nun kann Fekete im Ausland Gehörten nicht den Mund verbieten. Doch inwieweit färbt die autoritäre Wende unter Premier Viktor Orbán auch auf ungarische Kunst- und Kulturinstitutionen im Ausland ab?

"Real Hungary" heißt die aktuelle Ausstellung im Collegium Hungaricum Wien. Die Werke "greifen sowohl den internationalen Trend zur Erweiterten Malerei als auch die sozialkritische Realismus-Tradition Ungarns auf", vermeldet die Esterhazy Privatstiftung. Ausgestellt sind aktuelle Arbeiten von Trägern des "Esterhazy Kunstpreises Ungarn" von 2009 bis 2015. "Der Esterhazy Kunstpreis Ungarn gehört zu den wichtigsten unabhängigen Kunstpreisen Ungarns." So steht es auf der Webseite des Collegium Hungaricum (CH) Wien.

Weiterhin Teil der Ausstellung ist ein Aquarell von Borsos Lörinc mit dem Dr.-Karl-Lueger-Platz in Wien ohne Denkmal.

Weiterhin Teil der Ausstellung ist ein Aquarell von Borsos Lörinc mit dem Dr.-Karl-Lueger-Platz in Wien ohne Denkmal.© B. Lörinc Weiterhin Teil der Ausstellung ist ein Aquarell von Borsos Lörinc mit dem Dr.-Karl-Lueger-Platz in Wien ohne Denkmal.© B. Lörinc

Die Freiheit der Kunst scheint aber ausgerechnet die Wiener CH-Direktorin Mária Molnár vermissen zu lassen: Am Tag der Ausstellungseröffnung verordnete sie kurzerhand, dass das Werk "See No Evil, Hear No Evil, Speak no Evil" des Künstlerduos Borsos Lörinc abgehängt werden muss. Dabei handelt es sich um ein Triptychon von Lilla Lörincz und János Borsos, bei dem einzelne Streifen der ungarischen Flagge schwarz bemalt wurden.


Nachdem die Ausstellung aufgebaut worden war und die Künstler zum Essen gegangen waren, rief Molnár die Co-Kuratorin Erika Schneider an und sagte ihr, dass das Werk abgehängt wird. Borsos Lörinc haben erfolgreich darauf bestanden, das Triptychon eigenhändig abzunehmen und den Akt zu fotografieren.

"Sie können nicht mit der Flagge spielen und die Fahne entehren", begründete Molnár gegenüber Borsos Lörinc ihre Entscheidung am Abend der Ausstellungseröffnung, die am Dienstag vergangener Woche stattfand. So lautet die Darstellung des Künstlerpaares im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Diese Version wird erhärtet durch ein Statement Molnárs im ungarischen Online-Magazin "Artportal": Die ungarische Flagge sei ein Nationalsymbol. Daher sei es "nicht besonders geschmacksvoll, sie in dem Ungarischen Kulturinstitut zu politischen Zwecken zu benutzen".

Schwenk in der Argumentation
Gegenüber der "Wiener Zeitung" wählt die Direktorin des Collegium Hungaricum eine andere Argumentationslinie. Sieben Fragen erhielt Molnár am Mittwoch per E-Mail. Kurz darauf richtete die CH-Sekretärin aus, Molnár sei auf Urlaub; sie wisse nicht, wann die Direktorin zurückkehre. Am Donnerstag ging ein Statement von Mária Molnár ein, versehen mit der Auflage, dieses dürfe "nur in seiner Vollständigkeit, ohne Änderungen veröffentlicht werden". Diese Restriktion ist höchst ungewöhnlich, vor allem angesichts der für einen Fließtext völlig ungeeigneten Zitatlänge. Da der Artikel ohne Reaktion des Collegium Hungaricum unvollständig wäre, hat sich die "Wiener Zeitung" für den Abdruck entschieden:

"Das Triptychon passte nicht in die Konzeption der Ausstellung. Mit den KuratorInnen Vitus Weh und Erika Schneider einigten wir uns auf eine Konzeption, in die nach meiner Beurteilung so ein Werk, das zu dem Zeitpunkt sogar noch nicht fertig war, nicht passt. Das Werk wurde am Tag vor der Ausstellungseröffnung fertiggestellt. Die KuratorInnen informierten mich auch nicht darüber, wovon das Werk handelt. Das Werk kam ein paar Stunden vor der Ausstellungeröffnung bei uns an und wurde davor weder von den KuratorInnen noch von der Institutsdirektorin gesehen. Neben den konzeptuellen traten auch versicherungsbedingte Probleme auf. Die Tatsache wurde in einem Interview auch vom Künstlerpaar anerkannt. Da ich keine solche Institution kenne, die eine fertige Ausstellungskonzeption kurzfristig vor der Ausstellungseröffnung geändert hatte, bat ich die KünstlerInnen darum, das Werk abzuhängen. Es ist zu bedauern, dass nicht über das tatsächliche Ziel der Ausstellung gesprochen wird. Die Ausstellung befasst sich nicht mit der Darstellung des echten Ungarns, sondern mit der Tradition und heutigen Ausübung des Realismus in der ungarischen Malerei und bildenden Kunst. Weder als Kunsthistorikerin noch als Institutsdirektorin ist mir so ein Fall jemals begegnet. In der Zwischenzeit wurden die offenen Fragen mit der Esterhazy Privatstiftung geklärt. Die Ausstellung ist bis 10. Oktober zu besichtigen."

Flaggenmotive längst bekannt
"Die Konzeption der Ausstellung lag bei den Kuratoren", stellt Vitus Weh klar. Er ist Kunstberater der Esterhazy Privatstiftung, hat die Ausstellung kuratiert, assistiert von Erika Schneider. Allerdings: "Beim Wort Konzeption handelt es sich um einen Graubereich." Denn die Konzeption müsse vom Collegium Hungaricum bestätigt werden, was auch passiert sei. Borsos Lörinc hätten gegenüber Weh angekündigt, dass sie Flaggenbilder zeigen möchten. Das erschien ihm unproblematisch. Jedoch sei das Werk noch nicht fertig gewesen, was die Erstellung der Versicherungsliste erschwerte, schildert Weh der "Wiener Zeitung" die Usancen. "Es ist aber gewöhnlich kein Hauptproblem", stellt der Kurator fest. Noch dazu habe es ein zweites Werk gegeben, das erst kurzfristig fertiggestellt wurde. "Da es abstrakter war, wurde es nicht beanstandet", sagt Vitus Weh.

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Dokument erstellt am 2017-07-07 18:03:11



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