• vom 02.10.2017, 17:02 Uhr

Kulturpolitik

Update: 02.10.2017, 19:41 Uhr

Interessengemeinschaft Kultur Wien

Von Leerstand und Leerstellen




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Von Valentine Auer

  • Der freien und autonomen Wiener Kulturszene fehlt es an Geld und Raum - anlässlich des Preises der freien Szene 2017 kritisiert die IG Kultur Wien die hiesige Kulturpolitik.

Die ehemaligen Räumlichkeiten des "Mo.e" in der Thelemangasse im 17. Bezirk. - © Valentine Auer

Die ehemaligen Räumlichkeiten des "Mo.e" in der Thelemangasse im 17. Bezirk. © Valentine Auer

Wien. Das Amerlinghaus, das WUK oder die Türkis Rosa Lila Villa. Es sind Beispiele von Kultureinrichtungen, die immer wieder um ihr Bestehen kämpfen müssen. Der Atelier- und Veranstaltungsort "Mo.ë" ist ein Beispiel dafür, dass dieser Kampf verloren wurde. Vor wenigen Monaten musste das "Mo.ë" die Räume der ehemaligen k.u.k. Orden- und Medaillenfabrik Mandelbaum verlassen. Beispiele, die symptomatisch sind für die Wiener Kulturpolitik. Zu wenig Geld. Zu wenig Raum. Insbesondere für die freie Wiener Kulturszene. Leerstand würde nicht genutzt und damit würden Leerstellen in der Wiener Kulturlandschaft entstehen. So zumindest die Kritik der Interessenvertretung der freien Kulturszene IG Kultur Wien.

Kulturelle Vielfalt "nur"
im Regierungsprogramm

Information

Die IG Kultur Wien setzt sich für freie und autonome Kulturinitiativen, Kulturschaffende und Künstler ein.
Der Preis der freien Szene 2017 ging an den Wiener Zetteldichter Helmut Seethaler, die Projekte "Beschwerdechor" und "One Billion Rising Vienna" erhielten Förderpreise.

Nicht nur bei der IG Kultur Wien, sondern auch im Regierungsprogramm der Stadt Wien wird Vielfalt großgeschrieben. Im rot-grünen Regierungsübereinkommen des Jahres 2015 bekennt sich die Stadt dazu. Das Motto: "Wien hat Kultur: Für alle, mit allen."

Auch bei einem Blick auf die Förderungs-Voraussetzungen der Kulturabteilung der Stadt Wien zeigt sich, dass der Begriff Vielfalt gerne verwendet wird: Demnach sind Projekte förderberechtigt, "die der kulturellen und sozialen Vielfalt einer modernen Großstadt Rechnung tragen" und "die zur Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeit in der Wiener Kulturlandschaft beitragen".

Doch laut Günther Friesinger, Vorstand der IG Kultur Wien und Mitglied der Kunstgruppe "Monochrom", handelt es sich dabei nicht um ein Bekenntnis zur dezentralen Kulturpolitik. Konkrete Aktivitäten, die Menschen unabhängig von deren regionaler oder sozialer Herkunft am kulturellen Leben Wiens teilnehmen lässt, gäbe es kaum.

Ein Blick auf die letzten Jahre der Wiener Kulturpolitik zeigt: Bis dato gab es zwar Expertenrunden zum Thema "Kultur für alle". Allerdings hinter verschlossenen Türen. Außerdem wurde das Förderprogramm "Shift 2" installiert, welches sich gezielt an dezentrale Kulturarbeit wendet. Und durch den Druck vonseiten der IG Kultur Wien, die eine Agentur für Zwischennutzung forderte, gründete die Stadt die Service-Agentur "Kreative Räume Wien". Eine Arbeitsgruppe, die die kreative Nutzung von leerstehenden Räumen forciert.

Experten aus dem Kulturbereich würden jedoch nicht eingebunden, kritisiert die IG Kultur. "Die aktuelle Praxis lässt gesamtstädtische Perspektiven vermissen und scheint eher der Logik punktueller Aufwertung und Spekulationsinteressen zu folgen", erklärt Alisa Beck, Vorstand der IG Kultur Wien und "Mo.ë"-Mitglied. Einzelne Straßen oder Grätzel würden herausgepickt und aufgewertet, was mit steigenden Mieten einhergeht, so ihre Kritik.

Während die wirtschaftlich schwächere Bevölkerung verdrängt werde und sowohl Raum als auch Geld für freie Kulturarbeiter knapper werde, würden die Interessen von Immobilienbesitzer immer mehr Gehör finden.

Forderung nach Umverteilung der Kultur-Fördermittel

"Neben Leerstand entstehen Leerstellen in einer wachsenden Stadt", fasst Beck zusammen. Eine Situation, die mit dem Austrocknen von Förderstrukturen zusammenhänge, ist sich auch die Geschäftsführerin der IG Kultur Wien, Fanja Haybach, sicher.

Ein Blick auf die offiziellen Zahlen der Stadt Wien zeigt, dass das gesamte Budget für den Bereich "Kunst, Kultur und Kultus" vom Jahr 2016 auf 2017 um rund zwei Millionen Euro sank. Ging die Stadt Wien 2016 noch von 279,6 Millionen Euro Ausgaben für diesen Bereich aus, sind es heuer 277,6 Millionen Euro.

Was es brauche, sei eine Umverteilung der Fördermittel. So wünscht sich die IG Kultur Wien, dass zehn Prozent der Kulturförderung der Stadt an die freie Szene gehen soll. Auf Nachfrage der "Wiener Zeitung" heißt es aus dem Büro des Kulturstadtrats Andreas Mailath-Pokorny, dass dies bereits der Fall sei: "Die freie Szene wird jährlich mit 26 Millionen Euro gefördert."

Eine genaue Aufschlüsselung, wie viel die Stadt Wien tatsächlich für Kulturförderung ausgibt, ist jedoch nicht möglich. Denn Kunst- und Kulturvereine können auch in das Integrations- oder Bildungsressort fallen, so Haybach. Dies zeigt auf, dass es in Wien teilweise an banalen Dingen fehlt: Wien sei das einzige Bundesland Österreichs, das nicht über ein Kulturfördergesetz verfügt. "Mir fehlt eine Vision der Stadt Wien, in welche Richtung sich Kultur künftig hinbewegen soll. Derzeit kochen die einzelnen zuständigen Stadträte ihre eigene Suppe", so Friesinger. In puncto Räume kritisiert die "IG Kultur Wien", dass Leerstand in Wien nicht erhoben wird.

Dennoch: Friesinger gibt sich fordernd und hoffend zugleich, wenn er erklärt, dass "die Zeit der Lippenbekenntnisse vorbei ist". Er verweist auf den Preis der freien Szene Wien der IG Kultur, der freie und autonome Kulturschaffende sichtbar machen will.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-02 17:09:05
Letzte ─nderung am 2017-10-02 19:41:47



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