• vom 29.11.2011, 18:39 Uhr

Kunst

Update: 29.11.2011, 18:54 Uhr

Albertina

Das Auge im Urzustand




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • "Surrealismus. Die Gilbert Kaplan Druckgrafik Sammlung" in der Albertina

Salvador Dalí, "Phantastische Strandszene", 1935.

Salvador Dalí, "Phantastische Strandszene", 1935. Salvador Dalí, "Phantastische Strandszene", 1935.

Das Unbewusste nach Sigmund Freud und eine wilde Erotik bestimmen die teils verrätselten Inhalte des Surrealismus. Das spontane Arbeiten ohne Einschalten des kritischen Intellekts ist eine wichtige Methode. Doch Druckgrafik benötigt sorgfältige Vorbereitung und dies schließt das automatische Zeichnen - aus dem Bauch heraus - eigentlich aus. Also ist Druckgrafik im Surrealismus an sich ein Widerspruch, außer man benützt die Frottage, eine Abreibe- und Abklatschtechnik dafür wie Max Ernst. Nur wenige Künstler haben daher im Dunstkreis des Surrealismus eine größere Produktion und meist liegt die in ihrer späten Phase, als auch der Surrealismus sich nach 1930 wieder vom Abstrakten entfernte.

Information

Ausstellung
Surrealismus. The Gilbert Kaplan Print Collection
Gunhild Bauer (Kuratorin)
Albertina, Basteihalle
bis 15. Jänner


Réné Magritte hat nur die letzten acht Jahre seines Lebens mit einem Drucker in Paris gearbeitet und dabei Gemäldesujets auf Platten übertragen - doch in so ein Blatt hat sich der Dirigent, Musikjournalist und Publizist Gilbert Kaplan vor Jahrzehnten verliebt. Damit begann eine vier Jahrzehnte andauernde Sammelleidenschaft, die einen Großteil der Druckgrafik der Surrealisten umfasst. Erstmals stellt er die Blätter in diesem Umfang aus, passend zur Magritte-Ausstellung der Albertina, für die er ebenfalls Leihgeber ist.

Revolution mit Häuptling

Der Gustav-Mahler-Spezialist sieht eine Verbindung seines Lieblingskomponisten zu der Gruppe, die zuerst in Paris, dann nach 1938 in New York und Mexiko tätig war. Es sind Franzosen, Spanier, Belgier, Süd- und Nordamerikaner, die Schweizer Hans Arp und Kurt Seligmann, der Rumäne Victor Brauner, der Pole Hans Bellmer, der Italiener Giorgio de Chirico, die Engländerin Leonora Carrington, die Dame Toyen (Marie Cerminová) aus Prag und Óskar Dominguez von den Kanaren, die irgendwann André Bretons Manifest des Surrealismus folgten. Oft nur für kurze Zeit und als Illustratoren der wichtigen Dichterpersönlichkeiten um die anfangs revolutionäre Kunstform.

Die Schau beginnt mit dem in Deutschland geborenen Max Ernst und Giorgio de Chirico und damit auch der Herleitung der Bewegung aus Dadaismus und der italienischen "Pittura metafisica". "Dada Max" hat seine Lithografien "Es lebe die Mode. Die Kunst soll zu Grunde gehen" schon 1919 entworfen, bevor er Collage und Frottage einsetzte. Marcel Duchamps verzierende Verzerrung der Mona Lisa durch einen Schnurrbart "L.H.O.O.Q." ist hier neben einem Lippenpaar vor Nachthimmel von Man Ray oder Pablo Picassos kurzer surrealistischer Phase zu finden. Man stellte miteinander aus, hielt aber Distanz, das gilt für viele, die sich dem Diktat des "Häuptlings" Breton nicht fügen wollten.

Der eigentliche Surrealismus begann mit dem automatischen Zeichnen André Massons, er ist der Erfinder der "Écriture automatique", die in einer Art Rausch oder Hypnose frei laufenden Striche wandeln sich später in Fließbilder eines Yves Tanguy. Er überträgt die disparaten Formen auch auf Platten. Trotz relativer Abstraktion sind im Amorphen Figuren oder Ähnlichkeiten mit Landschaften zu finden, das gilt auch für Joan Miró, der sich mehr an Kinderzeichnungen orientiert. Das Ursprüngliche, Wilde, auch in den Trieben Auffindbare, fasziniert in der Frühzeit alle: "Das Auge existiert im Urzustand", schreibt das Sprachrohr Breton dazu.

Mit Salvador Dali ändert sich auch die Druckgrafik; von ihm gibt es eine größere Radier-Produktion, nach Tuschefederzeichnungen übertragen. Er bedient sich seiner paranoisch-kritischen Methode, orientiert an der Kunst der Geisteskranken, kehrt aber in eine Art Realismus zurück. Dieser wird verzerrt, Perspektiven verschoben, Formen in die Länge gezogen, Weiches und Hartes konfrontiert. Bekanntes Beispiel sind die grausamen "Lieder des Maldoror" von Lautréamont (Isidor Ducasse). Lustmordthema, Anal- und Masturbationsfantasien begleiten Dalis dunkle Seelenzustände, die das Ende dieses technischen Randgebiets im Surrealismus einläuten, auch wenn nach 1945 Paul Delvaux oder Hans Bellmer noch Spannendes liefern.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-11-29 16:05:10
Letzte Änderung am 2011-11-29 18:54:41



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