Andere Künstler, die das 75. Lebensjahr erreichen, wären zweifellos glücklich mit einer Rückschau auf ihr Lebenswerk - zumal, wenn eine Institution wie die Royal Academy in London ihnen ihre geheiligten Hallen für eine Ausstellung überließe. Aber wie andere Künstler ist David Hockney eben nicht. Den Mann, den sie in seiner Heimat den größten lebenden Maler Großbritanniens nennen, drängt es, den Blick nach vorn zu richten. Weshalb man in Hockneys Ausstellung "A Bigger Picture" an einigen Ausstellungsstücken die Farbe praktisch noch riechen kann. Das meiste stammt aus den letzten Jahren, einiges war noch gar nicht gemalt, als vor vier Jahren die Planung für diese Veranstaltung begann.
Was die Kuratoren am Picadilly damals wussten, war nur, dass Hockney ein paar Jahre zuvor aus Los Angeles ins Land seiner nordenglischen Kindheit, nach Yorkshire, zurückgekehrt war. Und dass er nach Jahrzehnten in Kalifornien, nach seiner Pop-Art, seinen Opernkulissen, seinen berühmten Pools, Hollywood-Villen und Grand-Canyon-Schluchten begonnen hatte, die ganz gewöhnlichen Bäume und Büsche von Bridlington zu malen.
Magische Wälder
Dass er, in seinem Eigensinn, plötzlich beschlossen hatte, Landschaftsmaler zu werden. In freier Natur. Im Schnee und Regen der Jahreszeiten. Mit größter Geduld fürs Detail seiner alten Heimat. Aber eben auch mit einem neuen Ehrgeiz: dem Willen, die Natur vollkommen neu zu sehen.
Was die Royal Academy so ausgebreitet hat an Hockney-Werken aus den letzten Jahren sind Schneisen, Hohlwege und blühende Sträucher. Auch lang gewundene Landstraßen und Baumstämme und Hecken. Die freilich in fast kalifornischen Farben gehalten sind. In diese magischen Wälder und Lichtungen hinein sucht Hockney das unruhig wandernde Auge zu ziehen. Man soll in diesen Landschaften herumspazieren - wie es, sagt Hockney, die alten Chinesen in ihren bemalten Pergamentrollen taten. Das ist jedenfalls der Effekt, den er sich wünscht, für seine Produktionen. Kein geografisch-flaches Erfassen von Natur, sondern eins, das über Pupille und Psyche läuft.
Natürlich, hat er erklärt, hielten viele seiner Landsleute Landschaften schlicht für langweilig. Das aber sei nur der Fall, "weil die Leute nicht wirklich hinschauen". Die meisten Spaziergänger tasteten mit dem Auge nur den Weg vor ihren Füßen nach möglichen Hindernissen ab: Dabei gebe es so viel mehr, was sich, aus anderer Perspektive, erfassen ließe.
Die nasse, winterdunkle Landschaft seiner Kindheit "neu zu inszenieren", wurde ihm, als er des kalifornischen Lebens müde war, zu einer neuen, offenbar unwiderstehlichen Herausforderung: "Es heißt ja manchmal, das Landschafts-Genre sei am Ende. Das ist aber gar nicht möglich. Man kann der Natur nie müde werden." Mit seinem Zeichenblock, dem iPad und zuletzt sogar einer fahrbaren Kameravorrichtung (mit neun gleichzeitig zugeschalteten digitalen Linsen!) hat er versucht, der Yorkshire-Landschaft etwas Neues abzugewinnen.
Das Urteil darüber, ob es ihm gelungen ist, ist gespalten. Die einen halten ihn für den innovativsten Landschaftsmaler der Moderne. Sie sehen ihn in der Tradition Turners, Constables und Van Goghs und finden, dass er erst jetzt seine Größe so richtig unter Beweis gestellt habe. Die anderen fühlen sich "ausgelaugt" von seinem jüngsten Projekt und beklagen einen Mangel an Leben, an visionärer Kraft in seinen Bildern. Nach so viel Landschaft, meinte ein englischer Kritiker, könne er es kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen "und die Gummistiefel auszuziehen".
Nur äußerst zögernd hat sich Hockney zu Beginn dieses Jahres in den erlesenen Kreis der 24 Träger des britischen "Order of Merit" aufnehmen lassen - auf ausdrücklichen Wunsch der Königin. Den Rittertitel, den ihm seine begeisterte Monarchin schon vor Jahren verleihen wollte, hatte er noch abgelehnt. Noch im Vorjahr hat er die Bitte der Queen, sie zu malen, ausgeschlagen. Er habe, erklärte er damals, zu wenig Zeit: "Ich bin voll damit beschäftigt, England zu malen. Ihr Land."
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