Die Ukraine ist das größte Land Europas. Über 45 Millionen Menschen wohnen in der jungen, osteuropäischen Republik, die erst seit August 1991 von der Sowjetunion unabhängig ist.

Die lange Zeit unter dem sowjetischen Regime, in der Russisch die von oben verordnete Landessprache war, wirkt allerorts nach. "Sie wollen ukrainisch sprechen, aber das sagen sie auf Russisch", bringt Rostyslaw Bortnyk die Lage einer Nation auf den Punkt, die ihren Weg erst finden muss. "Mit der Ukraine verbindet man die orange Revolution, Julija Tymoschenko, Oligarchen und die Fußballeuropameisterschaft. Wir wollen eine andere Ukraine zeigen."
Vielfältige Prägungen
Gemeinsam mit Adolph Stiller kuratierte er nun die Schau "Ukraine - Städte_Regionen_Spuren" im Wiener Ringturm. Sie zeigt ein vielseitiges Land mit einer reichen Architekturtradition, die von vielen Kulturen geprägt wurde. "Die Ukraine ist sehr heterogen. Österreich hat mit den ehemaligen Kronländern Galizien und Bukowina eine fast 200-jährige gemeinsame Geschichte. Die Orientierung zum Westen ist spürbar, aber es gab natürlich auch die russische Herrschaft und viele andere Einflüsse." Russisch-folkloristische, griechische, orthodoxe, orientalisch-maurische, klassisch-moderne oder kommunistische Stilelemente und Bauformen: Die Schau ist ein vielfältiger Bilderbogen aus unterschiedlichen Kulturlandschaften.
Die Ausstellung gibt einen historischen Überblick über die wechselhafte Geschichte der Okkupationen in der Ukraine und begibt sich dann auf Feldforschung in fünf Regionen. In der Hauptstadt Kiew entwickelte sich um die Jahrhundertwende der "Stil modern", eine ukrainische Spielart des Jugendstils. Beispiele dafür sind die Zinshäuser von Moros (1910-12) von den Architekten Zekzer und Torow sowie Zezkers prächtig geschmücktes "Haus mit der weinenden Witwe" (1907).
Lemberg (heute: Lwiw), die einstige Hauptstadt von Galizien, erhielt ab 1870 Selbstverwaltung. "Dort fuhr damals die erste elektrische Straßenbahn der Monarchie", weiß Adolph Stiller. Die Ausstellung taucht hier in die Zeit der Jahrhundertwende ein. Das Stadttheater (1897-1900) von Architekt Zygmunt Gorgolewski glänzt mit seiner opulenten Tempelfassade und Kolossalsäulen in üppigem Historismus, ein beeindruckendes Beispiel moderner Architektur ist das Kaufhaus "Skibniewskyj und Frenkel" von Architekt Roman Felinski.
Unter dem Titel "Fragmente einer Hauptstadt" ist die sowjetische Utopie für die perfekte Metropole Kharkow dokumentiert. Die Architekten Samujil Kravets, Mark Felger und Sergej Serafimow gewannen damals den Wettbewerb für den Entwurf einer avantgardistischen Stadt. Eine Perspektive und der Lageplan aus dem Jahr 1930 lassen ihre Vision für Charkow erahnen. Realisiert wurde davon nur ein Teil des Gosprom-Gebäudes, einem riesigen, multifunktionalen Architekturkomplex aus Stahlbeton, der mit seinen Wolkenbügeln und industrieverglasten Aufzugstürmen sehr futuristisch wirkt. Im Ringturm steht ein Modell davon.
Kultureller Schmelztiegel
In Czernowitz, der Geburtsstadt des Endlosraumvordenkers Friedrich Kiesler, gab es eine Gewerbeschule, viele Synagogen und ein Stadttheater von Fellner & Helmer, die in fast jeder größeren Stadt der Monarchie ein Theater planten. Auch das Opernhaus in Odessa stammt aus ihrer Feder. Der geografische Mittelpunkt Europas ist in Transkarpatien, zumindest, wenn man einem tschechischen Landvermesser glaubt. "Es gibt mindestens 13 Mittelpunkte Europas", relativiert Rostyslaw Bortnyk. Transkarpatien ist ein faszinierender Schmelztiegel: Sieben Sprachen und fünf Religionen teilten sich das kleine Land. Diese Vielfalt und das symbiotische Zusammenleben der Kulturen brachte eine lebendige Architektur hervor: Holzkirchen aus dem 15. Jahrhundert treffen auf bunte Synagogen und russisch-orthodoxe Kirchen. So richtig mondän wird es auf der Halbinsel Krim. In den südlichen Temperaturen gedieh auch die Kur- und Dacha-Architektur ganz trefflich: von wunderbar pittoresken Palästen und Villen mit Arabesken bis hin zum modernen Stahlbeton-Sanatoriumskomplex "Kurpaty", der wie die Kulisse eines James-Bond-Films aussieht.
Die Ukraine im Ringturm ist jedenfalls eine Reise wert.
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