• vom 10.04.2012, 18:24 Uhr

Kunst

Update: 10.04.2012, 18:38 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Die aktuelle Ausstellung im Ringturm entführt nach Kiew, Lemberg und Chernowitz

Ukrainische Bilderreise


Von Isabella Marboe

Die Ukraine ist das größte Land Europas. Über 45 Millionen Menschen wohnen in der jungen, osteuropäischen Republik, die erst seit August 1991 von der Sowjetunion unabhängig ist.

Wie aus einem James-Bond-Film: Sanatorium "Kurpaty" in Jalta, 1985, von Wasylkowskyj, Stefantschuk, Diwnow.

Wie aus einem James-Bond-Film: Sanatorium "Kurpaty" in Jalta, 1985, von Wasylkowskyj, Stefantschuk, Diwnow. Wie aus einem James-Bond-Film: Sanatorium "Kurpaty" in Jalta, 1985, von Wasylkowskyj, Stefantschuk, Diwnow.

Die lange Zeit unter dem sowjetischen Regime, in der Russisch die von oben verordnete Landessprache war, wirkt allerorts nach. "Sie wollen ukrainisch sprechen, aber das sagen sie auf Russisch", bringt Rostyslaw Bortnyk die Lage einer Nation auf den Punkt, die ihren Weg erst finden muss. "Mit der Ukraine verbindet man die orange Revolution, Julija Tymoschenko, Oligarchen und die Fußballeuropameisterschaft. Wir wollen eine andere Ukraine zeigen."

Werbung

Vielfältige Prägungen
Gemeinsam mit Adolph Stiller kuratierte er nun die Schau "Ukraine - Städte_Regionen_Spuren" im Wiener Ringturm. Sie zeigt ein vielseitiges Land mit einer reichen Architekturtradition, die von vielen Kulturen geprägt wurde. "Die Ukraine ist sehr heterogen. Österreich hat mit den ehemaligen Kronländern Galizien und Bukowina eine fast 200-jährige gemeinsame Geschichte. Die Orientierung zum Westen ist spürbar, aber es gab natürlich auch die russische Herrschaft und viele andere Einflüsse." Russisch-folkloristische, griechische, orthodoxe, orientalisch-maurische, klassisch-moderne oder kommunistische Stilelemente und Bauformen: Die Schau ist ein vielfältiger Bilderbogen aus unterschiedlichen Kulturlandschaften.

Die Ausstellung gibt einen historischen Überblick über die wechselhafte Geschichte der Okkupationen in der Ukraine und begibt sich dann auf Feldforschung in fünf Regionen. In der Hauptstadt Kiew entwickelte sich um die Jahrhundertwende der "Stil modern", eine ukrainische Spielart des Jugendstils. Beispiele dafür sind die Zinshäuser von Moros (1910-12) von den Architekten Zekzer und Torow sowie Zezkers prächtig geschmücktes "Haus mit der weinenden Witwe" (1907).

Information

Ausstellung
Ukraine - Städte_Regionen_Spuren
Ringturm, bis 25. Mai

Lemberg (heute: Lwiw), die einstige Hauptstadt von Galizien, erhielt ab 1870 Selbstverwaltung. "Dort fuhr damals die erste elektrische Straßenbahn der Monarchie", weiß Adolph Stiller. Die Ausstellung taucht hier in die Zeit der Jahrhundertwende ein. Das Stadttheater (1897-1900) von Architekt Zygmunt Gorgolewski glänzt mit seiner opulenten Tempelfassade und Kolossalsäulen in üppigem Historismus, ein beeindruckendes Beispiel moderner Architektur ist das Kaufhaus "Skibniewskyj und Frenkel" von Architekt Roman Felinski.

Unter dem Titel "Fragmente einer Hauptstadt" ist die sowjetische Utopie für die perfekte Metropole Kharkow dokumentiert. Die Architekten Samujil Kravets, Mark Felger und Sergej Serafimow gewannen damals den Wettbewerb für den Entwurf einer avantgardistischen Stadt. Eine Perspektive und der Lageplan aus dem Jahr 1930 lassen ihre Vision für Charkow erahnen. Realisiert wurde davon nur ein Teil des Gosprom-Gebäudes, einem riesigen, multifunktionalen Architekturkomplex aus Stahlbeton, der mit seinen Wolkenbügeln und industrieverglasten Aufzugstürmen sehr futuristisch wirkt. Im Ringturm steht ein Modell davon.

Kultureller Schmelztiegel
In Czernowitz, der Geburtsstadt des Endlosraumvordenkers Friedrich Kiesler, gab es eine Gewerbeschule, viele Synagogen und ein Stadttheater von Fellner & Helmer, die in fast jeder größeren Stadt der Monarchie ein Theater planten. Auch das Opernhaus in Odessa stammt aus ihrer Feder. Der geografische Mittelpunkt Europas ist in Transkarpatien, zumindest, wenn man einem tschechischen Landvermesser glaubt. "Es gibt mindestens 13 Mittelpunkte Europas", relativiert Rostyslaw Bortnyk. Transkarpatien ist ein faszinierender Schmelztiegel: Sieben Sprachen und fünf Religionen teilten sich das kleine Land. Diese Vielfalt und das symbiotische Zusammenleben der Kulturen brachte eine lebendige Architektur hervor: Holzkirchen aus dem 15. Jahrhundert treffen auf bunte Synagogen und russisch-orthodoxe Kirchen. So richtig mondän wird es auf der Halbinsel Krim. In den südlichen Temperaturen gedieh auch die Kur- und Dacha-Architektur ganz trefflich: von wunderbar pittoresken Palästen und Villen mit Arabesken bis hin zum modernen Stahlbeton-Sanatoriumskomplex "Kurpaty", der wie die Kulisse eines James-Bond-Films aussieht.

Die Ukraine im Ringturm ist jedenfalls eine Reise wert.




Schlagwörter

Kunstkritik, Ukraine

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-10 18:29:05
Letzte Änderung am 2012-04-10 18:38:13


Beliebte Inhalte



Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter

Keine Stimmen aus Aserbaidschan, und schon wird es politisch beim ESC. - APAweb/EPA/Jessica Gow/SCANPIX
  • Russland empört über "geraubte" ESC-Stimmen aus Aserbaidschan
  • weiter

Schorsch Kamerun untersucht in Wien den öffentlichen Raum als Heimstätte von  Demos und Flashmobs. - © Wiener Zeitung / Christa Hager
  • Der deutsche Musiker und Regisseur über Kunst, Politik und Sponsoring, Klischees in der Rockmusik, Facebook und seine Theaterarbeit.
  • weiter

Die Konkurrentinnen Adalgisa und Norma. - Salzburger Festspiele Am Ende wird der Horst der Freischärler, die Schule, von ihnen selbst abgefackelt. Die Matratzen und Schulmöbel werdend um Norma und Pollione...weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter

Eine Szene aus der umstrittenen "Tannhäuser"-Inszenierung der Rheinoper (Markus Eiche, linkst, als Wolfram und  Elisabet Strid als Elisabeth). - APAweb / AP, Deutsche Oper am Rhein, Hans Jörg Michel
  • Oper wird nur mehr konzertant aufgeführt.
  • weiter

An den Namen Brosd Koal erinnert man sich noch über die FM4-Sendung "Im Sumpf". Nachdem mit Karl Schwamberger der Motor hinter dem Dialekt-Pop-Projekt...weiter

Natalia Kelly will es in Malmö "shinen" lassen. - APAweb / EPA, Janerik Henriksson Malmö/Wien. Natalia Kelly, Österreichs Vertreterin beim Song Contest 2013 in Malmö, ist ein unbeschriebenes Blatt...weiter




Werbung




Galerie

Renate Habinger

"Die Arbeit mit Papier ist ein starkes sinnliches Erlebnis. Beim Illustrieren ist es ähnlich; verschiedene Techniken erfordern verschiedene... weiter




Galerie

Christina Starzer

"Die Künstlerin geht in ihrer zeichnerischen und skulpturalen Arbeit meist von vorgefundenen Materialien und Objekten aus... weiter




Galerie

Silvia Ulrich

"Erst im Licht- oder Elektronenmikroskop zeigt sich diese verborgene kleine Welt in ihrer wahren Größe und Formenfülle... weiter



Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

Es sollte die Suche nach dem Ursprung des Universums werden - oder zumindest etwas Ähnliches. Medienkünstler Peter Weibel lud zum Auftakt in den Klangraum Minoritenkirche, um sich einem "3D-Rausch-Konzert" hinzugeben. Ostern ist zwar schon vorbei, aber der Hase hat nach wie vor Saison. (Probenfoto)

Kein Engel, sondern Justin:  Ein Countdown auf dem Bühnen-Screen kündigte gegen 21.00 Uhr den  Pop- und Social Media-Stars an, rund 14.000 Fans kreischten  im Minutentakt  Das Museumsquartier war am Sonntag Schauplatz der weltweiten Live-Premiere des 13. Albums "Delta Machine" der britischen Synthie-Popper "Depeche Mode".


Werbung