Natürlich haben ihre Eltern sie 1962 nicht Pipilotti genannt, sondern Elisabeth Charlotte. Der Name, mit dem sie berühmt wurde, gehört zum selbst erschaffenen Gesamtkunstwerk. Er klingt absichtlich nach Pippi Langstrumpf. Also nach einer ganz eigenen bunten Welt voller Kraft und Fantasie. Und nach Grenzüberschreitung. "Augapfelmassage" passt dazu als Ausstellungstitel sozusagen wie die Faust aufs Auge. In Wien hat die Schweizerin von 1982-86 Gebrauchs- und Fotografik studiert und danach als Computergrafikerin für industrielle Videostudios gearbeitet. Heute zählt sie zu den bekanntesten Videokünstlerinnen weltweit.
In der Kunsthalle Mannheim, wo derzeit die bislang größte Schau mit Werken der Schweizer Videokünstlerin stattfindet, weiß man gleich am Eingang, wo der Hammer hängt. Nur ist der ein Unterhosenleuchter. Dreihundert der heiklen Accessoires baumeln dort, fein säuberlich zur Skulptur arrangiert, als "Massachusetts Chandelier" von der Decke. Das ist der ironisch stimmungsvolle Auftakt zu jener kunterbunten Massage der Augäpfel, die insgesamt 35 Videos und Installationen aus den letzten 25 Jahren zusammenführt, den Zuschauer gefangen nimmt und den subversiven und hemmungslos kreativen Grund-Ton vorgibt.
Vom frühen "Im Not The Girl Who Misses Much" aus 1986, auf dem sie mit entblößten Brüsten herumhüpft und den Beatles-Song nachsingt, über Videoskulpturen wie "Eindrücke Verdauen" (1996) bis zu der jüngsten raumfüllenden Arbeit "Administrating Eternity" aus dem Jahre 2011 ist der Bogen, dieser mit der Londoner Hayward Gallery gemeinsam veranstalteten Ausstellung gespannt.
Teile davon könnte man auch mit "Körperwelten" überschreiben, denn die Erkundungslust richtet sich bei ihr immer auch auf den menschlichen Körper. Einschließlich ihres eigenen. Bis hin in die für den öffentlichen Blick tabuisierten Regionen, versteht sich. Und mit einer Forscherlust, die das vorn rein und hinten raus wörtlich nimmt. Dabei schert sie sich mit einer fröhlichen Subversion nicht um Tabus oder Rollenzuweisungen, sondern stellt sie permanent in Frage.
Räuberhöhle
Dann wieder trifft Kunst auf Wirklichkeit. Und da klirrt es bei Pipilotti Rist auch gewaltig. In ihrer Videoinstallation "Ever Is Over All" sieht man, wie eine Frau in einem Sommerkleid fröhlich durch die Straßen schlendert und mit einer riesigen Fackellilie lustvoll und in Zeitlupe die Scheiben von geparkten Autos einschlägt, während sogar eine Polizistin freundlich grüßend vorbeigeht. Für diese Arbeit bekam sie auf der Biennale in Venedig 1997 einen Preis. Sie gehört heute zu ihren beliebtesten Rennern.
Irgendwo im Zentrum dieser als Entdeckungs-Parcours inszenierten Körper- und Raum-, Farb- und Texterfahrung gibt es dann eine Liegewiese der eigenen Art. Wirklich zum Liegen und mit einer bunten, übergroßen Blütenfülle ringsum, deren Farbenrausch und ungewöhnliche Kameraperspektive auch zum Markenzeichen dieser Ausnahmekünstlerin gehören. So wie die unzähligen Möglichkeiten, Videos auf Gegenstände zu projizieren - von Glaskugeln über Blumenvasen bis zu Gardinen oder Kinderbetten. Selbst vor dem Besucher-WC macht sie da nicht halt. Die Ausstellung in Mannheim ist eine Art Räuberhöhle für das Kind in uns. Meist in sanftem Licht. Manchmal auf weichem Boden. Und immer mit einem Bilderrausch, der oft zum Lachen ist und manchmal auch zum Wegsehen. Aber selbst da, wo sie die Grenzen zum Kitsch oder Ekel auslotet, entfaltet sich verstörende Faszination.
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