
Für Kinder gibt es in London Karussells und Kasperltheater. Für die Erwachsenen gibt es nun Damien Hirsts Varietäten-Show. Im dritten Stock der Londoner Tate Modern ist ein Hirst-Event der Sonderklasse eröffnet worden, der sämtliche Highlights des Künstlers versammelt: Punkttafeln und Drehscheiben, Schmeißfliegen und Kalbsköpfe, ein im Aufwind schwebender Tennisball und mehrere in Formaldehyd eingelegte Haie sind hier in 14 Räumen zu besichtigen.
Als besonderen Beitrag zum olympischen Sommer, die Spiele werden von 27. Juli bis 12. August in London ausgetragen, will das weltweit größte Museum für zeitgenössische Kunst diese Retrospektive verstanden wissen.
Lebendige Schmetterlinge und in den Tod taumelnde Fliegen sind dabei selbstverständlich Teil des musealen Rummels. Sodann Pillen-Arrangements und endlose Medikamentenschränke. Die berühmte längsseits zweigeteilte Kuh, mit ihrem ebenfalls zweigeteilten Kalb. Nicht fehlen dürfen weiters Wände voll Edelsteine, Glitzergold, eine marmorne, teilsezierte Schöne sowie die "Black Sun", eine Art gigantische Pizza, die mit tausenden verendeten Insekten belegt ist. Mittendrin ein Foto des Studenten Hirst, mit einem abgetrennten Kopf aus einer Anatomischen Fakultät.
Viktorianische Freak-Show
"In der Tradition der viktorianischen Freak-Shows" sehen britische Kritiker die Hirst-Darbietung an der Themse. Eine zutreffende Beschreibung. Immerhin rufen die morbide Ironie und provokanten Spielereien aus Hirsts künstlerischen Anfängen in Erinnerungen, wie und warum sich der inzwischen 46-Jährige einst so erfolgreich in Szene setzen konnte - und nach wie vor viel Publikum anzieht. Ein cleverer Einfall hier, eine spektakuläre Umsetzung dort. Der "Crematorium" genannte goldfischteichgroße Aschenbecher, mit seiner Schubkarrenladung an stinkenden Kippen und Zigarettenschachteln, entlockt einem noch immer ein Lächeln. Wo allerdings die Ausstellung und Hirst versuchen, den schönen Einfall metaphysisch zu überhöhen, legen sie die Schwächen seiner Arbeit bloß.
Denn ein "zeitgenössisches Memento Mori" ist dieser Aschenbecher ebenso wenig, wie die gestopfte Taube in der Glasvitrine am Ende der Show durch Flügelspreizen zu einer Botin der Hoffnung, zum Inbegriff des Heiligen Geistes oder zum Symbol des Friedens wird. Tatsächlich weist wenig von dem, was Damien Hirst über die Jahre hinweg produziert hat, über sich selbst hinaus. Eher ist es ein Jahrmarkt bunter Effekte, durch den man geführt wird. Ein (vom Kunstmarkt geliebtes) Kuriositäten-Kabinett.
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