
Ein 2000 Jahre alter Ölbaum aus Basilikata in Süditalien wurde nach Vorstellung Udo Rondinones 2007 in Neapel in Aluminium gegossen. Er ist Teil einer Serie von sechs Kunstbäumen, derzeit entsteht dort eine neue Gruppe von Abgüssen. Die glänzende Reflexion der Oberfläche erschien dem Künstler störend - so bekam der exakte Naturabguss seine weiße Färbung. Rondinone studierte 1986 bis 1990 in Wien an der Angewandten, war für die Schweiz bereits Beiträger der 52. Biennale von Venedig und lebt heute in New York City. Er ist nicht der Erste, der das Medium des Abgusses nützt, um eine besondere Form von Erinnerung zu erzeugen. Im öffentlichen Raum nützte auch Rachel Whitered mit ihrem Mahnmal am Judenplatz 1990 den Abguss einer Bibliothek.
Einzelwerk des KHM
Arte memoria dient der Aktualisierung vergangenen Wissens in der Gegenwart und macht in diesem Fall aus dem Theseustempel einen idealen Ort des Außenauftritts von Wiens größtem Museum mit Verweis auf die Fülle seiner Sammlungen. Als Teil einer von Jasper Sharp konzipierten Serie zeitgenössischer Kunst für das Kunsthistorische Museum (KHM) ist Rondinone der erste Künstler, der mit einem Einzelwerk im Theseustempel nach dessen Renovierung von 2008 bis 2011 auftritt. Dort gab es das bereits vor fast 200 Jahren.
1819 bis 1823 ist der Tempel als Nachbau des Theseions in Athen durch den klassizistischen Architekten Pietro Nobile erbaut worden. Das inhaltliche Konzept des damals bekanntesten italienischen Bildhauers, Antonio Canova (1757-1822), galt seiner Marmorgruppe "Theseus besiegt den Kentauren". Kaiser Franz I. nützte das seit 1890 im Museumsbau am Ring im Stiegenhaus beheimate Meisterwerk als Propaganda seines Sieges über Napoleon. Es triumphierte 70 Jahre in diesem Kunsttempel über einem Keller mit Werken der Antikensammlung der Habsburger. Die Idee verbindet sich in einer Sinnschicht mit diesem Ursprung, der "White cube" zur Überhöhung eines Werks ist also keine Erfindung der Moderne.
Die Wiederkehr von Ideen über Jahrtausende kann zahllose Assoziationen auslösen, darauf bezieht sich auch der unbestimmte Titel Rondinones, der die Vorliebe junger Künstler zu offenen Inhalten zeigt. Persönliche Assoziationsketten hängen sich an die unbestimmbar vielen Bezügen an, doch diese Ambiguität lässt uns ohne endgültige Antwort stehen. Die Verortung in einer ganzen Reihe von Baumheiligtümern der Frühzeit und damit verbundenen Kulten macht aus dem Theseustempel eine Urhütte vor der Erfindung des steinernen Sakralbaus. Das Holz bringt unseren fragwürdigen Umgang mit der Natur ins Spiel - darauf wie auf Alltagsbräuche kann der mit schwerem Baumholz belegte Boden verweisen. Die ersten Naturtempel galten wohl Wettergöttern, bei den Griechen Zeus, doch auch die Weltachse des frühen schamanistischen Kosmos bildete ein besonderer Baum, der das Himmelsgewölbe trug.
Wurzeln in Alltag und Kult
Der knorrige Ölbaum in märchenhaftem Blütenweiß hat seine Wurzeln im Alltag wie im Kult: vom Ölzweig Noahs nach der Sintflut über die Siegerzweige der Olympischen Spiele bis zurück ins minoische Kreta. Zuletzt bleibt neben Essen der Oliven und Salben mit Öl auch der Ahnen- oder Lebensbaum für das Museum - jeder Ast für eine Ausrichtung der altehrwürdigen Sammlungen?
Die knorrigen und abgebrochenen Äste des Stammbaums eines eigenwilligen Archivs ragen fast wie Mahnungen für die damit verbundenen Menschen in den allein vom Tageslicht beherrschten Raum. Doch eine Direktorin wie Sabine Haag lässt vor allem die Tore des Kunsttempels endlich offen stehen für das Publikum - der Blick vom Volksgarten auf Rondinones Baum zum Träumen ist im sich verändernden Tageslicht gratis zu genießen. Im Herbst folgt ein weiteres Meisterwerk eines belgischen Künstlers.
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