
Die Wiese grün, der Himmel blau, das Kind und die Ersatzmutter, zwei schemenhafte Engel in weißen Sonnenhüten und Gewändern, die mit den Wolken zu spielen scheinen. "Mary Warner und Edeltrude auf einer Hügelkuppe", eine Idylle von 1910, Werk eines künstlerisch begabten Bildungsbürgers am Höhepunkt seines Schaffens - und gleichzeitig am Anfang von dessen Ende, wie die folgenden gut zweieinhalb Jahrzehnte weisen werden.
Das Bild befindet sich seit 2005 im Besitz des Metropolitan Museum of Art. Ausgestellt wird es seit kurzem aber buchstäblich um die Ecke. In der Neuen Galerie New York, jenem Haus an der Fifth Avenue, das der Multimilliardär und Kunstaficionado Ronald S. Lauder 2002 eröffnete und in dem den Amerikanern seitdem und vor allem anderen die Werke des österreichischen und deutschen Fin de siècle nahegebracht werden: Gustav Klimt, Oskar Kokoschka, Egon Schiele, unter anderen. Wenn einer nicht so einen großen Namen hat, kann das zum Problem werden in einer Stadt, in der die Museumsgeher angesichts des Überangebots traditionell schwer zu beeindrucken sind.
Um den Hebel dort anzusetzen, hat man sich etwas einfallen lassen bei der Titelgebung der neuen Ausstellung: "Heinrich Kuehn and his American Circle: Alfred Stieglitz and Edward Steichen"; der Name des Deutschen, der den Großteil seines Lebens in Österreich verbrachte, gleichberechtigt mit zwei Ikonen der US-Fotografiegeschichte, das hilft beim Kampf um Aufmerksamkeit.
Fotografie als Randthema
Fotografieausstellungen bilden für Häuser wie die Neue Galerie nicht umsonst eher die Ausnahme von der Regel, zu vermeintlich klein das Zielpublikum, zu schwierig der Verkauf an die Medien, die auch in New York nur dann verlässlich anspringen, wenn ein Cezanne, Matisse oder, wie jüngst im Guggenheim, ein Cattelan daherkommt. Lauder und seine Direktorin Renée Price ließen es trotzdem drauf ankommen, wenn auch mit dem - legitimen - Twist, den Fokus auf die Verbindungen des gebürtigen Dresdners mit Wahlheimat Tirol mit seinen amerikanischen Zeitgenossen zu legen. Diese (von ihr mitentwickelte) Vorgabe zu erfüllen, oblag der so umtriebigen wie dies- wie jenseits des Atlantiks hoch angesehenen Wiener Kuratorin Monika Faber. Die langjährige Fotografie-Chefkuratorin der Albertina, heute in leitender Funktion beim Photoinstitut Bonartes mit Sitz in der Seilerstätte tätig, ist es bereits die zweite Ausstellung an diesem Ort. Ihre erste ("Portraits of an age: Photography in Germany and Austria 1900-1938", 2005) war gleichzeitig die erste Fotografieausstellung in der Neuen Galerie überhaupt.
Der Leidenschaft frönen
Was Heinrich Kühn angeht, ist es Fabers insgesamt vierte Ausstellung, vor zwei Jahren gab es eine bei ihrem vormaligen Arbeitgeber ("Die vollkommene Fotografie"), der folgte eine im Pariser Musee dOrsay, dann in den USA (Houston, Museum of Fine Arts), alle möglich gemacht durch die maßgebliche Mitarbeit von Restaurator Andreas Gruber und Ko-Kuratorin Astrid Mahler. Faber: "Der Schwerpunkt in New York liegt ganz klar auf den Verbindungen von Kühn zu seinen amerikanischen Freunden und Zeitgenossen. Alles andere wäre verkaufstechnisch extrem schwierig." Nicht, dass der Mann allein keine interessante Geschichte hätte, aber das ist halt auch Amerika.
Heinrich Kühn, 1866 hineingeboren in eine privilegierte Dresdner Familie, der Vater ist Großhandelskaufmann. Nach diversen Versuchen an Universitäten in Leipzig, Freiburg/Breisgau und Berlin inskribiert er an der Uni Innsbruck Medizin, nicht zuletzt, weil dem Asthmatiker die Tiroler Bergluft gut tut. Nach dem Tod des Vaters 1893 findet der Erbe Zeit, nunmehr ausschließlich seiner Leidenschaft zu frönen: der Fotografie künstlerisches Gewicht und Anerkennung zu verleihen. Landschaften, Porträts (vor allem der Mitglieder seiner eigenen Familie), Stillleben; die Zeiten sind bewegt, die Entwicklung des jungen Mediums nimmt damals auf beiden Seiten des Atlantiks Fahrt auf. Der "Wiener Kamera Club", in den Kühn aufgenommen wird, bildet in Kontinentaleuropa eine Speerspitze der neuen Bewegung.
Als 1902 die Wiener Sezessionisten das Fotografenkollektiv "Kleeblatt" erstmals in ihre Räume am Karlsplatz einladen (neben Kühn werden Werke von Hugo Henneberg, Hans Watzek und Friedrich Viktor Spitzer gezeigt), scheint die künstlerische Fotografie angekommen. In Europa gilt Heinrich Kühn zu diesem Zeitpunkt längst als fixe Größe in seiner Profession. Sein Sinn für Stimmungen, der für den von ihm und seinesgleichen angestrebten "atmosphärischen Realismus", gepaart mit einer selbstverordneten gestrengen Arbeitsweise und -ethik (alles, was die Entwicklung eines Bilds angeht, muss per Hand gemacht werden; Fotokunst und Kommerz schließen sich gegenseitig aus), mehren seinen Ruhm. Der Detailfanatiker, der nichts dem Zufall überlässt - was sich unter anderem dadurch äußert, dass Kühn seiner Frau, seinem Kindermädchen Mary Warner (die nach dem Tod der Gattin zur Lebensgefährtin mutiert), seinen vier Kindern, wenn sie für ihn posieren, je nach Bildhintergrund und Lichteinfall eigene Garderoben verpasst -, findet im Laufe der Jahre mittels Ausstellungen in ganz Europa eine kleine Fangemeinde mit großem Einfluss.
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