
Der Zirkus in seiner heutigen Form ist nicht so alt wie die Dressur wilder Tiere. Erst im 18. Jahrhundert, parallel zur Französischen Revolution, etablierte sich von England aus ein Programm aus Tierdressur, Akrobatik, Clownerie und Jahrmarktsattraktionen als besonders populäre Kulturform. Das nomadisch angelegte Weltmodell Zirkus ist dann seit Ende des 19. Jahrhunderts fest mit der Stadtkultur verbunden.
Darin vereinen sich seit der Vormoderne exotische Tiere und Menschen aller Länder, weshalb sich besonders Künstler mit diesen Randzonen der Gesellschaft voller subversiver, ja zuweilen sogar politischer Strategien, besonders verbunden fühlen. Egal ob Edgar Degas, Pablo Picasso oder Henri de Toulouse-Lautrec - in der Kunst ist die Motivvielfalt zum Thema groß.
Die Kunsthalle beginnt ihre Schau "Parallelwelt Zirkus" mit dem legendären Film "The Circus" von 1928 mit Charlie Chaplin, der mit dem clownähnlichen Tramp eine besondere, oft als symbolisch oder gar mythisch verstandene Figur geschaffen hat. Zur Einstimmung gibt es damit ein wenig Kapitalismuskritik, denn der Zufallsartist verlässt die Zirkusbühne, weil er sich ausgenützt fühlt. Da taucht aus der Ironie die melancholische Seite auf und die mit dem Zirkus verbundenen Klischees von Freiheit.
Ihm folgen Alexander Calder und Peter Blake, die sich ein Leben lang mit dem Thema befasst haben. Calder kreierte einen Miniaturzirkus mit Drahtobjekten, mit dem er zwischen 1927 und 1940 auftrat - seine Mischung aus Performance und Installation ist im Film "Le cirque de Calder" von Carlos Vilardebo 1961 festgehalten.
Der Popkünstler Blake vereint seine Bilder, in denen Marcel Duchamp als Alter ego mit Zirkusartisten auftritt, mit seiner privaten Sammlung von Gegenständen rund um den Zirkus; Horden von Puppen und Elefanten.
Den grauen Riesen "Nasutamanus" zu dressieren nimmt sich der französische Künstler Daniel Firman als aufwendigste Installation der Schau vor: Sein Elefant hängt verkehrt von der Decke und steckt mit dem Rüssel in der Wand. Anna Jermolaewa zaubert ein schwarzes und ein weißes Kaninchen, "Lola und Loli", mit Fotomagie aus dem Hut. Deborah Sengls Löwinnenzebra bedroht Besucher mit gefletschten Zähnen.
Das Publikum wird zur Clownerie gebeten
Daneben läuft William Wegmans hinreißendes "Dog Duet" von 1975/76, in dem seine Weimaraner Man Ray und Fay Ray mit Blicken und synchron ablaufender Bewegung einem Ball folgen. Für Publikumskomik ist gesorgt - so hebt sich der "Lightpavillon" von Jeppe Hein nach heftigem Strampeln auf einem Hometrainer immerhin zur Inszenierung hoch, durch die Handlungsanweisungen Erwin Wurms für seine neue "One Minute Sculpture" kann das Scheitern zur kleinen Schadenfreude der Zuschauer werden.
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