
Betrachtet man seine Bilder heute, dann wundert man sich, wie erfolgreich dieser Maler zu Lebzeiten war. Sie stehen in ihrer Radikalität souverän zumindest gegen den herrschenden Stil der Zeit und das Klischee einer alles beherrschenden Inquisition. Wenn man sich vor Augen führt, dass die Lebenszeit des 1541 geborenen Domínikos Theotokópoulos in die Epoche fiel, in der Philipp II. Spanien mit Schwert und Scheiterhaufen zum Hort der Gegenreformation machte, dann grenzt es an ein Wunder, dass dieser Maler mit seiner düsteren Sicht auf die Dinge mit mehr als 70 Jahren - zwar verschuldet, aber anerkannt - 1614 in Toledo starb. Offenbar waren die Wechselwirkungen zwischen dem Religiös-Politischen und den ästhetischen Mitteln in der Malerei weit subtiler, als man es von heute aus betrachtet glaubt.
Dabei ist der Maler der langgestreckten Körper, fahlen Gesichter und furchterregenden Himmel nicht einmal in Spanien geboren, sondern, wie der Name El Greco, also "Der Grieche", sagt, auf Kreta. Da die Insel damals unter venezianischer Herrschaft stand, lag es nahe, dass der als Ikonenmaler Gestartete seine Lehrjahre in Venedig verbrachte, bevor er, via Rom, mit Mitte dreißig in Spanien landete. Da blieb er - ausgestattet mit großem Talent und vielleicht noch größerem Selbstbewusstsein. Seine Bilder gefallen dem König nicht. Doch er streitet häufig, mitunter jahrelang um die Höhe der Honorare, riskiert den Bruch mit seinen dennoch zahlreichen Auftraggebern und setzt sich durch.
Außenseiter als Ahnherr
Eines der Bilder, um die er so stritt, eine Zulage bekam, den Auftraggeber aber verlor, die "Entkleidung Christi" ("El Espolio"), gehört zu den Stars der aktuellen Ausstellung im Museum Kunstpalast in Düsseldorf. Aber auch andere Berühmtheiten wie "Laokoon" oder die "Öffnung des Fünften Siegels" haben den Weg an den Rhein gefunden. Die Begegnung mit den rund 40 Meisterwerken El Grecos ist allein schon ein Ereignis. Der besondere Reiz der Ausstellung liegt aber darin, seine Nachwirkung exemplarisch zu zeigen. Denn die jungen Expressionisten reklamierten den großen exzentrischen Außenseiter plötzlich als ihren Ahnherren. Sie ließen sich nicht nur vom Gestus und von der Expressivität seiner Farben inspirieren, vom Aufbrechen der Perspektive, sondern auch ganz direkt von bestimmten Werken.
An etwa 110 Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen von 32 Künstlern der Avantgarde von Pablo Picasso und Robert Delaunay über August Macke, Franz Marc, Max Beckmann und Oskar Kokoschka bis zu Egon Schiele und Max Oppenheimer (mit Werken aus dem Mumok und dem Wien Museum) wird das in Düsseldorf eindrucksvoll belegt. So, wie Museumschef und Kurator Beat Wismer den singulären Meister mit späten Nachfahren konfrontiert hat, gelingt das nur selten. Weder der Vorgänger noch die Nachfahren werden dadurch relativiert. Man erlebt Kunstgeschichte als spannenden Prozess, wenn etwa El Grecos "Pietà" Heinrich Nauens "Beweinung Christi (1913) oder das berühmte "Laokoon"-Bild Ludwig Meidners "Heimatlosen" gegenübergestellt wird. Und ganz gleich ob bewusst oder unbewusst, auch der Verweis auf die überschlanken Skulpturen Wilhelm Lehmbrucks ist verblüffend.
Hinzu kommt die exzellente Präsentation: Die Werke El Grecos bilden die graugrundierten Haupt-Achsen der Ausstellungsräume. Die Werke der Moderne rahmen sie auf hellgrundierten Wänden sozusagen ein. Beide Teile haben genügend Raum für sich und sind einander doch so nah, dass die Spurensuche zum Vergnügen wird. Die Hauptwerke El Grecos sind zudem so platziert, dass man sie aus der Nähe und Ferne betrachten und sich die sakrale Aura zumindest vorstellen kann. Die Politiker der Stadt Düsseldorf haben für diese mit Sorgfalt und Sachverstand vorbereitete Schau 1,7 Millionen Euro (etwas weniger als die Hälfte der Gesamtkosten) beigesteuert: gut angelegtes Geld.
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