
Seit der Antike wird das "Prinzip Einfachheit" als das Wesen der Natur bezeichnet, die alles auf bestimmte, geordnete, kürzeste und am besten mögliche Weise gestaltet. Diesem Prinzip folgen viele kulturelle Leistungen vom Zen-Buddhismus über die Zisterzienser bis zu den Shakern; Simplizität fordert in diesen Fällen unerbittliche Arbeit am Einfachen ein; Abschweifungen oder persönliche Eitelkeit werden nicht geduldet.
Der britische Architekt John Pawson, geboren 1949 in Halifax, steht in dieser Tradition: Er ist ein großer Meister der Gestaltung eines Minimums, das eine maximale Fülle an Klarheit und Reinheit liefert. Seine Bauten sind grandios schlicht; Pawson wird zurzeit als Superminimalist gefeiert und entwirft so ziemlich alles, was gut und teuer ist: Häuser, Galerien, Brücken, Jachten, sogar Kerzenhalter und Kochtöpfe.
In der Münchner Pinakothek der Moderne ist dem 62-Jährigen jetzt eine Ausstellung gewidmet. Im ersten Raum zeigen großformatige Fotos das wohl beeindruckendste Werk des Architekten: 1999 erhielt Pawson seinen ersten Sakralbau-Auftrag von der Zisterzienserabtei Sept-Fonds in Burgund. Die Mönche hatten einen Calvin-Klein-Store von Pawson gesehen und fanden den Stil des Architekten passend für Umbauten an ihrem Kloster "Unserer Lieben Frau" von Nový Dvur in der ländlichen Region Böhmens.
Fast Buddhist geworden
Pawson verbrachte Anfang der 70er Jahre einige Zeit in einem buddhistischen Kloster und zog damals sogar in Erwägung, Mönch zu werden, was ihm dann aber doch ein allzu hohes Maß an Askese bedeutete. Mit den Lehren der Zisterzienser war er bestens vertraut. In Nový Dvur erhielt er einige der alten Klostergebäude und fügte eine freistehende Kapelle in den Klosterkomplex ein, der nun wie ein Gesamtkunstwerk wirkt. Die Kirche ist jetzt das kompromisslose zeitgenössische Bauwerk der Anlage. Das hoch aufragende, nach Osten ausgerichtete Halbrund ihrer Apsis erhebt sich über einen flachen Sockel. Drei kleine bodennah angebrachte Öffnungen betonen die Stärke der Mauern. Die geschwungene Form bricht mit der strikten Auslegung des von Bernhard von Clairvaux im 12. Jahrhundert für die Zisterzienserorden entwickelten Architekturkanons. Doch seit langem gibt es andere Beispiele für einen Bruch mit der Tradition wie die romanische Kirche der Abtei von Le Thoronet in Frankreich. Im Inneren der Kapelle von Nový Dvur modelliert das Licht die Formen. Es intensiviert die Atmosphäre und verändert die Art und Weise, in der Oberflächen und Übergänge wahrgenommen werden.
Das Spiel mit Licht und Fläche setzt Pawson auch in einem eigens für die Ausstellung konzipierten Raum fort, der die Form eines höhlenartig abgeschlossenen Ovals mit einem Lichtschlitz an der Decke hat.
Gewaltiges Fotoarchiv
Wichtiges Gestaltungsmittel bei den Entwürfen ist eine Digitalkamera, mit der Pawson alles festhält, was ihn interessiert. Sein Archiv birgt eine Viertelmillion Bilder: ein Tagebuch und Inspirationsquell. Die Ausstellung in München zeigt im vorletzten Raum, stets paarweise angeordnet, Pawsons künstlerische Fotoaufnahmen. Orte, Gebäude, Landschaften, Objekte: Pawson fotografiert zum Beispiel eine türkisfarbene Tür und setzt parallel dazu das Foto eines Landhauses mit einer Tür, die mit der türkisfarbenen korrespondiert. In diesen Tableaus gelingt es ihm immer wieder, die Schönheit der Form durch Parallelen sichtbar zu machen.
Bei Pawson geht es nicht nur um Licht und Schatten, sondern auch darum, kleinste Nuancen der Textur und der Töne zu erkennen. In München hat man nun die Gelegenheit dazu.
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