
Die "Nuda Veritas" gehört zu Gustav Klimts Hauptwerken zur Zeit der Secessionsgründung. 1900 kaufte der Dichter Herrmann Bahr das eigenwillige Gemälde einer nackten jungen Frau mit Spiegel, Schleier und Schlange, beschriftet mit einem Spruch aus Friedrich Schillers "Xenien". Das Modell war wohl Marie Zimmermann, die auch in "Schubert am Klavier" auftaucht - trotz allegorischem Thema also eine skandalös realistische Interpretation.
1903 gab Bahr gemeinsam mit Kolo Moser und Hoftheaterdirektor Max Burckhard eine Sammlung aller Pamphlete im Zusammenhang mit den "Fakultätsbildern" und dem Beethovenfries Klimts heraus, hielt mehrere öffentliche Verteidigungsreden für ihn und die Secession und machte sich bis ins Alter für das Werk des Malers stark, auch wenn er selbst von der Avantgarde in Salzburg um 1920 ins konservative Lager gewechselt war.
Kleine Überraschungen
Durch Bahrs Witwe, die Opernsängerin Anna Bahr-Mildenburg, kam sein Nachlass ans Theatermuseum und wird mit dieser Ausstellung erstmals präsentiert. Anna hatte 1911 für ihren Mann eine Zeichnung in zarter Klimtmanier samt Signatur angefertigt, die lange als Original galt. Neben dem Gemälde besaß Bahr die kleine Zeichnung einer "Hexe" in roter Kreide, die Klimt für eine Folge von "Ver Sacrum", der Publikation der Secession, 1899 entwarf. Sie wurde in einer Tür der Bahr-Villa in Ober St. Veit aufbewahrt, die als Leihgabe der heutigen Besitzer in der Schau mit dem Original nach 100 Jahren wieder vereint werden konnte. Eine weitere kleine Überraschung sind die Originalpläne des Architekten Joseph Maria Olbrich, auch für die Wandvertäfelung des Arbeitszimmers, die für die "Nuda Veritas" angefertigt wurde. In einer zurückhaltenden Gestaltung von Gerhard Veigel werden nicht nur die Tagebücher und Kalender Bahrs, einige Briefe von Klimt, Fotografien der Protagonisten von Moriz Nähr Viktor Spitzer und Aura Hertwig, sondern auch die wenigen Originale neben der kopierten Schmähschrift und den veröffentlichten Verteidigungen präsentiert. Dazu kommen Relikte aus dem Haus, so der Briefkasten und ein Blumentisch. Das Modell Marie Zimmermann war nicht nur Klimts Geliebte und Mutter seiner zwei Söhne, sie versuchte sich über Bahr auch nach dem Tod des Malers für Ausstellungen seines Werks einzusetzen. Dazu erklärte sie ihm in Briefen um 1930 ihre Rolle als "Nackte Wahrheit". Bahr versuchte es vergeblich in der Münchner Pinakothek, doch es gab erst 1943 in der Wiener Secession eine Personale mit teils arisierten Gemälden Klimts.
"Geschäftemacher"
Da war auch Bahr nicht mehr am Leben, der von Karl Kraus schon 1903 in "Die Fackel" polemisch als sich anbiedernder "Geschäftemacher" rund um die Skandale Klimts beschimpft und später wegen des Grundstückspreises für seine Villa sogar als bestechlicher Kritiker geklagt wurde. Kraus verlor den Prozess. So ist das mit dem Spiegel, den uns die Wahrheit vorhält: Er kann blind sein vor ereiferndem Zorn und es gibt mehrere Sichtweisen auf diese nackte Dame mit rotem Haar und Weisheitsschlange. Sie soll auch nach dem Klimtjahr zukünftig ständig im Museum aufgestellt werden.
Ausstellung
Gegen Klimt
Kurt Ifkovits, Andreas Kugler (Kuratoren)
Theatermuseum
bis 29. Oktober
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