
Er gilt als literarischer Papst der Beat-Generation: William S. Burroughs (1914-1997) schrieb radikale Romane und hatte seit der Publikation von "Junkie" 1953 das Image eines drogensüchtigen Exzentrikers. Der Waffennarr erschoss versehentlich seine zweite Frau während eines Wilhelm-Tell-Spiels.
1953 traf er Allen Ginsberg in New York und lebte danach mit ihm und Brion Gysin in Paris. Mit Ginsberg und Jack Kerouac stellte er den Roman "Naked Lunch" in neodadaistischer Methode zusammen, der 1959 erschien und in den USA ein Ermittlungsverfahren wegen Obszönität auslöste. Schon 1951 begann er an "Queer" zu arbeiten; das Werk erschien erst 1985. Er teilte ein Studio mit den Beatles in London und ging 1974 zurück nach Amerika, wo er zu einer Berühmtheit aufstieg.
Weniger bekannt als der Dichter Burroughs ist jedoch sein ständiger Grenzgang zur bildenden Kunst und zur Musik. Kurator Colin Fallows, Professor für Sound und Visual Arts in Liverpool und Künstler, hat sich auf die Spuren der experimentellen Cut-ups, der selbst getippten Zeitungen, der Beiträge für "The International Times", der Foto- und Toncollagen und der erstaunlichen Filme, die 1963-1972 im Team mit Antony Balch entstanden, begeben. Sie zeigen sich wie auch manche seiner Fotoserien von Abbruchshäusern als Vorbilder der Wiener experimentellen Filmszene nach 1960.
Gegenkultur und
Intellektueller
Auf Anregung von Thomas Mießgang begann vor vier Jahren die Planung an der Ausstellung "Cut-ups, Cut-ins, Cut-outs: Die Kunst des William S. Burroughs". Die Schau startet mit Fotoporträts des Visionärs, Revolutionärs im Sinne einer Gegenkultur und homosexuellen Intellektuellen, die in seinem Umfeld aufgenommen wurden. Dazu mit seinen Büchern in einer Vitrine, an deren Anfang ein Werk über seinen gleichnamigen Großvater, den Erfinder der Addiermaschine, von 1912 liegt.
Überall sind seine interessanten Tonbandexperimente zu hören, die in der Underground-Szene Amerikas wie in London Furore machten. Doch nicht nur da: Die Beatles nahmen Burroughs als Star auf ihr berühmtes Platten-Cover "Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band", er beeinflusste Stars wie Frank Zappa, Laurie Anderson, Lou Reed und Patti Smith rief ihm nach: "Hes up there with the Pope." Punkmusiker ernannten ihn zu ihrem Gottvater.
Die Dada-Methode des Cut-up hatte sein Partner Gysin 1959 zufällig beim Ausschneiden von Karton auf Zeitungen entdeckt, wichtige Serien unterzeichneten sie zu zweit. Mit Gysin im Zusammenhang steht auch die abstrakte Malerei Burroughs, die an Mark Tobey und Jackson Pollock erinnert. Die späten Shotgun-Paintings" zeigen einen nicht ganz zufälligen Bezug zu den "Tirs" von Niki de Saint Phalle. Allerdings bleibt Burroughs in der Malerei ähnlich Arnold Schönberg dilettantisch. So manche Tür wirkt wie ein Vorläufer einer Übermalung von Arnulf Rainer.
Der Freidenker lehnt
die Perfektion ab
Neben Gewehr und Fotoapparat benützte er Schablonen und malte blind. Das Eigenständigste bleiben die Cut-ups als Sprach- und Bildexperimente zwischen 1960 und 1970. Burroughs Bezüge zu Wunschmaschinen wie dem Orgonakkumulator eines Wilhelm Reich zeigen, dass er als Freidenker eine Festlegung oder Perfektion als hierarchisch ablehnte. 1970 sprach er bereits hellsichtig von der elektronischen Revolution, ähnlich Marshall McLuhan. Sein multimediales Verfahren und seine Toncollagen weisen wie die literarische Offenheit und Fotoexperimente weit in die Postmoderne hinein.
"Dark Life" nennt er ein spätes Fotostillleben und schließlich galt für ihn: "Life is a cut-up". Im Katalog sind die letzten Interviews mit Burroughs abgedruckt, es schreibt der bekannte Autor und Kulturhistoriker Jon Savage, und neben Fallows die Wiener Mitkuratorin Synne Genzmer sowie Literaten und Musiker.
Ausstellung
Cut-ups, Cut-ins,
Cut-outs
Die Kunst des William S. Burroughs
Kunsthalle Wien bis 21. Oktober
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