• vom 19.06.2012, 15:10 Uhr

Kunst

Update: 19.06.2012, 15:11 Uhr
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Hartmut Esslinger hat mit seinem Unternehmen "frog design" etwa die Produkte von Apple revolutioniert

Design ist keine Demokratie


Von Manisha Jothady

  • Der Stardesigner im Gespräch über scheußliche Krücken und Spaß am Wandel.

Produkte, die Menschen beleidigen? Dieses nicht: ein Sprachgenerator für Kinder mit Lernbehinderungen von "frog design". - dynavox

Produkte, die Menschen beleidigen? Dieses nicht: ein Sprachgenerator für Kinder mit Lernbehinderungen von "frog design". dynavox

Für die Ausstellung "Made4You. Design für den Wandel" konnte das MAK als Gastkurator Stardesigner Hartmut Esslinger gewinnen. Als Gründer der Design- und Strategieagentur "frog design" arbeitete er in den letzten 40 Jahren mit Firmen wie Sony, Apple, SAP, Siemens und Lufthansa zusammen. Von 2006 bis 2011 war er Professor für Industriedesign an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Zurzeit unterrichtet er Strategisches Design am Shanghai Institute of Visual Art der Fudan University in Shanghai.

*****

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Wiener Zeitung: Inwiefern hat sich das Arbeitsfeld des Industriedesigners in den letzten Jahrzehnten gewandelt?

Hartmut Esslinger: Das Wort Industriedesign gefällt mir nicht. Es ist so retardiert. Wer früher Metallartikel produzierte, war Industrial Designer, wer Schriftsetzer war, wurde Grafikdesigner und ein Schreiner Interior Designer. Design bedeutet ja vielmehr das Konzept von Dingen. Egal, ob es sich um ein Produkt, eine Software oder einen Prozess handelt. Design ist allumfassend, muss wirtschaftlich, ökologisch und ethisch sein. Design soll unsere Umwelt menschlich machen. Nehmen Sie ein Kinderkrankenhaus zum Beispiel: An Orten wie diesen geht es darum, eine künstliche Umwelt zu gestalten, die human ist. Dieser Anspruch war für mich schon immer da. Das Ästhetische ist nur Mittel zum Zweck.

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Erfordert Design immer auch ausgeprägtes gesamtheitliches Denken?

Ja, und man muss verstehen, dass man das nicht immer alleine bewältigen kann. Designer sind da manchmal sehr egoistisch. Bei "frog design" haben wir etwa 1400 Mitarbeiter in 13 globalen Studios, und die Frage stellte sich immer, wie man so viele Menschen für eine Mission zusammenbringen kann. Da geht es dann um eine größere Dimension als um Egoismus und Eigensinn. Aber genau das ist auch das Erfolgsprinzip einer guten Idee.

Die zehn Thesen von Dieter Rams kennen Sie ja: Gutes Design ist innovativ, ästhetisch, macht ein Produkt brauchbar und verständlich. Gutes Design ist unaufdringlich, ehrlich, langlebig, umweltfreundlich und konsequent bis ins letzte Detail. Und gutes Design ist so wenig Design wie möglich. Was würden Sie dem hinzufügen?

Dieter ist ein guter Freund von mir und sehr deutsch. Seine Thesen sind historisch gesehen logisch. Aber für heute reicht das nicht mehr. Es geht aktuell vielmehr um Menschen und darum, sie so zu akzeptieren, wie sie sind. Design muss für die Menschen da sein und die Leute wollen Freude an den Dingen haben. "Gutes Design ist so wenig Design wie möglich?" Nein. Design muss die Emotionen ansprechen und es muss individueller werden. Wir haben in der Schule lesen und schreiben gelernt, warum also nicht auch lernen, mit Design umzugehen? Dann kann ich in ein Geschäft gehen, mir ein technisches Produkt aussuchen und anhand einer Art Musterbaukasten das Gehäuse so machen, wie ich es will. Selbst das Design von Autos könnte modular werden. Die Technik muss zuverlässig und ökologisch, das Design austauschbar sein. Das ist die Zukunft.

Menschen wollen Wandel. Sie wollen ihn jedoch selbst bestimmen und gestalten. Was kann Design dabei leisten?

Der Wille zum Wandel ist sicher Mentalitätssache. Die Deutschen wollen mehrheitlich vermutlich keinen Wandel, sonst würden sie keine Politiker wählen, die nichts wollen. Design ist keine Frage der Demokratie, sondern eine elitäre Sache. Ich kann nicht erwarten, dass ich ein Flugzeug besteige und jeder hat seinen eigenen Steuerknüppel. Aber das, was ich den Leuten anbiete, muss demokratisch sein. Und der Wandel muss in erster Linie Spaß machen. Das ist auch ein zentraler Aspekt der Ausstellung. Auch Produkte für Behinderte müssen Spaß machen. Warum sehen Krücken so scheußlich aus? Nur weil die Krankenkasse sie bezahlt? Die gehandicapten Menschen werden dadurch doch zusätzlich diskriminiert. Das ist ungerecht. Man muss das ganze System angehen.

Vor einigen Jahrzehnten befriedigte ein neues Produkt einen Mangel, den wir heute in vielen Bereichen nicht mehr verspüren. Fast alles scheint schon in zigfacher Ausprägung vorhanden ...

Das sehe ich nicht so. Schauen Sie sich doch Ihr Aufnahmegerät an. Was soll das? Rein ästhetisch simuliert es ein Mobiltelefon. Die Bedienungs-Anordnung ist völlig sinnlos. Viel zu viele technische Produkte beleidigen die Menschen, die oft jahrelang mit ihnen umgehen müssen. Selbst die Armaturen von Autos, an die wir uns mittlerweile so gewöhnt haben, könnten noch viel benutzerfreundlicher sein. In der Ausstellung gibt es auch dafür ein Beispiel. Der Fortschritt ist eine Schnecke.

Das Thema Nachhaltigkeit bestimmt die Designdebatten der vergangenen Jahre und steht auch im Zentrum von Made4You. Ist die Diskussion wirklich neu?

Nein, das gab es auch schon in den 60ern. Grundsätzlich muss man sagen: Designer sind in der Mehrzahl immer noch ökologische Sünder. Massenproduktion heißt Wegwerfen. Recycling? Meist eine große Lüge! Noch immer wird diesbezüglich mehr auf die Kosten als auf Nachhaltigkeit geachtet. Warum lagert man so viele Produktionsprozesse in andere Länder aus, um sich dann über die Logistik zu beschweren? Der Hauptgrund der Auslagerung von Produktion etwa nach Fernost ist eine falsche Politik. Wir brauchen eine Steuer-Revolution. Aktuell stecken wir in der Eurokrise, weil zu viele Menschen Geld ausgeben, das sie nicht haben. Die nächste Krise wird die der Industrie sein, weil es keine Jobs mehr gibt. Ein weiteres Problem ist, dass viele in Europa und Amerika eine falsche Lebenseinstellung haben. Es kann nicht immer nur um die materiellen Dinge gehen. Ein kleines Beispiel: In unserem Garten befand sich eines Tages ein Bienenschwarm. Statt ihn zu vernichten, haben wir einen Bienenstock gekauft und erfreuen uns nun unseres eigenen Honigs.

Hartmut Esslinger zu Gast im MAK.

Hartmut Esslinger zu Gast im MAK.© Robert Newald Hartmut Esslinger zu Gast im MAK.© Robert Newald




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-06-19 14:41:11
Letzte Änderung am 2012-06-19 15:11:54


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