
Seine großen Serien von Farbfotografien passen nur in die große Propter Homines Halle der Albertina: Joel Sternfeld war ab 1969 neben William Eggelston der Erfinder der New Color Photography und folgte einer langen Tradition in der Thematik - der American Social Landscape. Von Anfang an engagierte er sich auch für gesellschaftliche Belange und Ökologie, lehrte an Universitäten in New Jersey, New Haven und seit 1985 in New York City. Die Retrospektive von elf seiner großen Serien, beginnend mit "Nags Head" und "American Prospects" über "Stranger Passing" bis "Sweet Earth", ist eine Kooperation mit dem Museum Folkwang in Essen.
Farbexperimente
Die Albertina hat einige Werke aus der Serie "American Prospects" erworben und präsentiert zusätzlich die Fotobücher, über die Sternfeld seine Bilder bekannt gemacht hat. Erstaunlicherweise gibt der Künstler neben den Farbexperimenten des Bauhauses inhaltliche Bezüge zu absurden Szenen in den Gemälden der Malerfamilie Bruegel an, da es dabei auch um den Menschen in der Landschaft geht sowie um die Eigenheiten und alternative Lebensformen. Besonders bekannt sind einige der Prospects seiner dreijährigen Reise im VW-Bus quer durch die USA - Ende der 70er Jahre bis in die 80er -, die skurrile Situationen festhalten. Die kleinen Naturkatastrophen wie abrutschende Straßen verweisen aber immer auch auf den fatalen Eingriff des Menschen in seine Umwelt, auf politische Zustände und soziale Veränderungen nach dem Aufschwung in den 60ern.
Im Gegensatz zu den frühen "Nags Head"- oder "Rush Hour"-Serien, die 1976 mit einer Kleinbildkamera in North Carolina, am Strand der Stadt Nags Head entstanden sind, kommt später eine Großformatkamera zum Einsatz, die den Arbeitsvorgang verlangsamt und das genaue Komponieren eines Motivs erfordert. Spontane Experimente mit Farbfilmen zu verschiedenen Tageszeiten und in der Schnelligkeit des Schnappschusses in der "Rush Hour", die typisch sind für die Street Photography, können in dieser Technik nicht mehr gemacht werden. Es kommt aber in den statischer aufgebauten und formal strengeren Kompositionen zu einem souveränen Einsatz von stark leuchtenden Farben, die eben auch mit der klassischen Malerei zu tun haben.
Der Humor, den er durch den typischen American Way of Life einfing, setzt sich fort: Bei aller Tragik wirkt ein Autounfall mit einem Elefanten in diesem Allerwelts-Setting komisch. Die Flüchtigkeit der frühen Serien war durcheinmanuelles Blitzlicht noch mehr ins Momenthafte gesteigert, bei den späteren Landschaften ist die Alltäglichkeit fast zeitlos.
Skandal in Farbe
Heute erscheint Farbfotografie alltäglich, doch als Sternfeld sie in New York um 1970 ausstellen wollte, versuchte man ihn zur Schwarzweiß-Aufnahme zu überreden, die als "natürlich" galt, Farbexperiment beschwor fast einen Skandal. Erst ab 1976 änderte die erste Ausstellung von Farbaufnahmen William Egglestons im Museum of Modern Art in New York die Situation und so wuchs auch der Ruhm von Sternfeld und Stephen Shore; die Fotografen konnten - im Gegensatz zu vielen ihrer Vorgänger wie Ansel Adams - ihre Brotberufe aufgeben und sich der Kunstfotografie widmen. Jenseits von sublimen oder pittoresken Landschaften befindet sich Sternfeld nun seit seinen dokumentarischen Aufnahmen von Orten, an denen Verbrechen stattfanden, und mit dem "Oxbow Archiv" und der Projektion "When It Changed" zum Klimawandel voll besorgter Gesichter von Konferenzteilnehmern. Diese Arbeiten zeigen ihn als Aktivisten hinter der Kamera, der auch am G8-Gipfel in Genua 2001 fotografierte und 2006 in "Sweet Earth" Orte alternativer Gemeinschaften als Gegenkulturen präsentierte.
Ausstellung
Joel Sternfeld.
Farbfotografien seit 1970
Walter Moser (Kurator)
Albertina
bis 30. September
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