• vom 23.07.2012, 16:46 Uhr

Kunst

Update: 23.07.2012, 17:12 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Erste österreichische Retrospektive des Dadaisten Francis Picabia in der Kunsthalle Krems

Wahrheiten im Widerspruch


Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Francis Picabias Stierkämpfer in "Tauromachie", circa aus dem Jahr 1912. - Privatsammlung/VBK Wien

Francis Picabias Stierkämpfer in "Tauromachie", circa aus dem Jahr 1912. Privatsammlung/VBK Wien

Francis Picabia (1879 bis 1953) war ein Meister der klassischen Moderne und Mitbegründer von Dada in New York mit Marcel Duchamp - Picabia wirkt jedoch als Querdenker auf heutige Nachfahren des postmodernen "Bad Painting". Er löste sogar eine Revision der Moderne durch Nachfolger wie Sigmar Polke, Gerhard Richter oder Martin Kippenberger aus. Durch ihn - den Provokateur, der festgelegte Stile ablehnte, weil er sie als Stagnation betrachtete, sich statt Zeitgeist lieber Hakenschlägen vor und zurück verschrieb -, fandauchAndyWarholseinenWeg. Zufall und strikte Absagen an das Genie sind inbegriffen, er propagierte stattdessen den Künstler als Lebemann, Versager und Hanswurst, was in seinen Schriften und Nonsens-Gedichten im Kreis Gertrude Steins nachzulesen ist.

Information

Ausstellung
FrancisPicabia.Retrospektive
Kunsthalle Krems
bis 4. November

Werbung

Von Vorwürfen freigesprochen
Die 190 Werke für diese erste Retrospektive in Österreich aufzutreiben, die zum Großteil in Sammlungen von Künstlern und Prominenten sowie immer noch am Kunstmarkt zu finden sind, ist Kunsthallen-Direktor Hans-Peter Wipplinger in relativ kurzer Zeit gelungen - nicht nur dazu ist ihm zu gratulieren. Die Forschung hat Picabia zuletzt von frühen Vorwürfen, ein Antisemit zu sein und nach dem Realismus der Diktaturen in den 40er Jahren geschielt zu haben, freigesprochen. Die Porträts und erotischen Frauenakte dieser Jahre sind aus teils pornografischen Magazinen abgemalt und neigen sich eher subversiv ironisch dem Kitsch zu, der von Susan Sontag und Vilem Flusser ab 1968 in die Kunst der Postmoderne eingemeindet wurde. So gesehen ist Picabia auch der Vorfahre von Jeff Koons. Trotzdem gilt er eher als Spieler zwischen Trivialität und Zufallsfaktor, nicht als Hellseher.

Seine spätimpressionistische Landschaftsmalerei nach Anklängen an die Schule von Barbizon waren erfolgreiche Nachahmungen, aber erst sein Wechsel zu Kubismus und in Surrealismus und Dada brachten den Durchbruch.

Doch Picabia dachte nicht daran, die strengen Regeln eines Andre Breton zu befolgen, er brach noch radikaler mit dem Surrealismus als Marcel Duchamp. Mit ihm und Alfred Stieglitz traf er 1913 in New York zusammen und gründete die Zeitschrift "291", die seine bekannten Maschinenzeichnungen (Mechanomorphien) enthält. 1923 erbte er ein Vermögen, kehrte nach Südfrankreich zurück, arrangierte Feste und warf schon 1924 der Moderne vor, Angst vor ihrem eigenen Ende zu haben. Parallelaktionen wie die süßlichen Damenporträts der "Espagnoles", die wie ihre männlichen Macho-Pendants der Stierkämpfer zahlreich in Krems versammelt sind, und der "Monster" zeigen weitere Brüche. Sie sind teils mit Zündhölzern, Hühneraugenpflaster oder Makkaroni collagiert und zeigen wie die Zusammenarbeit mit Erik Satie und René Clair für den Experimentalfilm "Entr’acte" neue Wege des Künstlers.

"Mich hat die
Kunst enterbt"

Nach den von Botticelli, Michelangelo, römischen und romanischen Fresken aus Pompeji und Spanien beeinflussten "Transparenzen", die ab 1927 entstanden sind, folgte der Schwenk in das, was er selbst polemisch reaktionär nannte und mit dem Statement "Mich hat die Kunst enterbt" versah: Die Porträts und erotischen Frauenakte aus Trivialmagazinen - von der Kritik als "Kloake der Bilderwelt" bezeichnet - gelten sie heute als subtiler Protest gegen Kommerz, aber auch die strengen Vorgaben der Moderne. Der nur scheinbar unpolitische Picabia stilisierte sich als Erfinder und signierte auch mit seinem Alter Ego namens Rastaquär und nahm als letzte Phase mit den abstrakten Punktbildern noch eine Richtung ein, die die junge École de Paris mit Pierre Soulages als typische existenzialistische Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg verstanden hat. Mit Duchamp als Zulieferer veranstaltete er Aktionen und verschleuderte seine Bilder - das erinnert nicht nur an Damien Hirst, es hat auch Charakteristiken eines performativen Auftritts.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-07-23 16:53:07
Letzte Änderung am 2012-07-23 17:12:47


Beliebte Inhalte



Mit dem "Ring" in Wien zum Erfolg: Franz Welser-Möst. - epa
  • Wie viele Arten es doch gibt, Richard Wagners 200. Geburtstag zu begehen.
  • weiter

Verteidigt Wagner und kritisiert die Klassikwelt scharf: Endrik Wottrich. - Newald
  • Tenor Endrik Wottrich über Wagner, Schlingensief und kleine Stimmen.
  • weiter

Georges Moustaki bei einem Auftritt in Frankfurt (1983). - APAweb / EPA/NABIL MOUNZER
  • Edith Piafs Welterfolg "Milord" stammt aus seiner Feder.
  • weiter

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter

Jon Bon Jovi stand glücklich im Regen. - APAweb/Herbert Pfarrhofer
  • Pollen konnten dem Sänger diesmal nichts anhaben.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter

Natalia Kelly will es in Malmö "shinen" lassen. - APAweb / EPA, Janerik Henriksson Malmö/Wien. Natalia Kelly, Österreichs Vertreterin beim Song Contest 2013 in Malmö, ist ein unbeschriebenes Blatt...weiter

 Natalia Kelly sang. - EPA/Janerik Henriksson
  • Österreichs Beitrag von Natalia Kelly konnte Europa mit ihrem Song "Shine" nicht überzeugen.
  • weiter




Werbung




Galerie

Renate Habinger

"Die Arbeit mit Papier ist ein starkes sinnliches Erlebnis. Beim Illustrieren ist es ähnlich; verschiedene Techniken erfordern verschiedene... weiter




Galerie

Christina Starzer

"Die Künstlerin geht in ihrer zeichnerischen und skulpturalen Arbeit meist von vorgefundenen Materialien und Objekten aus... weiter




Galerie

Silvia Ulrich

"Erst im Licht- oder Elektronenmikroskop zeigt sich diese verborgene kleine Welt in ihrer wahren Größe und Formenfülle... weiter



Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

Es sollte die Suche nach dem Ursprung des Universums werden - oder zumindest etwas Ähnliches. Medienkünstler Peter Weibel lud zum Auftakt in den Klangraum Minoritenkirche, um sich einem "3D-Rausch-Konzert" hinzugeben. Ostern ist zwar schon vorbei, aber der Hase hat nach wie vor Saison. (Probenfoto)

Kein Engel, sondern Justin:  Ein Countdown auf dem Bühnen-Screen kündigte gegen 21.00 Uhr den  Pop- und Social Media-Stars an, rund 14.000 Fans kreischten  im Minutentakt  Das Museumsquartier war am Sonntag Schauplatz der weltweiten Live-Premiere des 13. Albums "Delta Machine" der britischen Synthie-Popper "Depeche Mode".


Werbung