• vom 07.08.2012, 17:45 Uhr

Kunst

Update: 07.08.2012, 17:54 Uhr

Kunstkritik

Provokant war einmal




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Von Joachim Lange

  • In Hannover versucht die Schau "Made in Germany Zwei" eine Standortbestimmung

Viele Entdeckungen: zum Beispiel Marcellvs L. und seine "Toga". - © Carlier/Gebauer

Viele Entdeckungen: zum Beispiel Marcellvs L. und seine "Toga". © Carlier/Gebauer

Im Windschatten der "documenta 13" leistet sich auch Hannover so etwas Ähnliches. Mit einem ausgeborgten Label, das Qualität suggeriert. Im Umfang bescheidener, erst zum zweiten Mal und mit dem Fokus auf in Deutschland entstandene Kunst: die "Made in Germany Zwei".

Diesmal haben die drei wichtigsten Ausstellungsorte der niedersächsischen Landeshauptstadt, das Sprengel Museum, der Kunstverein und die Kestnergesellschaft, den Ausstellungsparcours gemeinschaftlich mit den Werken von 45 Künstlern (alle um die Dreißig) aus 13 Nationen bestückt. Die 170 Autobahnkilometer, die Kassel und Hannover voneinander trennen, dürften zudem als Sicherheitsabstand ausreichen, sodass die Hannoveraner Veranstalter, im Unterschied zu Stephan Balkenhol in Kassel, wohl nicht mit einer Intervention der platzgreifenden documenta13-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev wegen der Störung ihrer Kreise rechnen müssen.


Patriotisch klingender Name

Information

Ausstellung
Made in Germany Zwei
www.madeingermanyzwei.de
Bis 19. August 2012

Was sich selbst als Bestandsaufnahme junger Kunst aus Deutschland verstanden wissen will und tatsächlich eine zwar nicht repräsentative, aber doch anregende Momentaufnahme ist, hat zwar einen patriotisch klingenden Namen, überlässt aber die schwarz-rot-goldene Selbstermunterung den Fußballfans draußen auf der Straße. Wie soll es auch anders sein, bei so globalisierten ästhetischen Bedingungen am Kunstproduktionsstandort Germany. Der könnte heuer auch Berlin heißen, denn 33 der ausstellenden Künstler leben dort. Aber einen griffigen Namen braucht das Kind halt. Wobei dieser Auswahl nicht nur jedes unangenehme Deutschtümeln fehlt, sondern gleich noch nahezu jeder Anflug von direkter Einmischungslust und erkennbarem Weltverbesserungseifer. Da kann (oder will) man weder mit der "documenta13" noch mit der schrill politischen, "Berlin Biennale" konkurrieren.

Die im Katalog ausgeloteten, ordnenden Überschriften wie "Medium als Material", "Das Gestern im Heute", "Narrativität", "Vernetzungen", "Übersinnliches" oder "Räume" sind sicher nicht falsch, aber sie schweben doch etwas abgehoben über den Beiträgen, die mehr oder weniger überzeugend auf ihrer Individualität bestehen. Längst im Postprovokativen angekommen, vermittelt der Rundgang, mit unterschiedlicher Intensität, nämlich eher den Eindruck einer souveränen Gelassenheit, die Spaß daran hat, sich vor allem längst erprobter und etablierter Mittel zu bedienen und frohgemut von der Beschäftigung mit sich selbst zu profitieren.

In der Kestenergesellschaft etwa hat Dirk Dietrich Hennig ein beklemmendes Haus nachgebaut, das auf einen Aufenthaltsort des psychisch kranken Fluxus Künstlers Jean Guillaume Ferrée zurückgehen soll. Ebenso raumfüllend und die Wahrnehmung irritierend, ist die Arbeit des amerikanischen Videokünstlers Reynold Reynolds. Unter dem Titel "Die Verlorene" versucht er angeblich (oder tatsächlich) von den Nazis wegzensierte Filmfragmente zur rekonstruieren. Mit Utensilien, Dokumenten und nachgedrehten Szenen wird das zu einem faszinierenden kleinen Filmmuseum.

Das Verrinnen der Zeit
Im Kunstverein wird der Besucher durch eine Treppenhausinstallation von Max Frisinger eingestimmt. Er hat ein luftig filigranes Metall-Konstrukt mit scheinbar leichter Hand ins alte Treppenhaus gehängt. Gleich danach betritt man einen Raum, den die Bildhauerin Alicija Kwade unter dem Titel "Durchbruch durch Schwäche" mit 300 Gewichten von Pendeluhren, die teils schweben, teils auf dem Boden ankommend, so vollgehängt hat, dass man beim Hindurchgehen, mit melancholischer Heiterkeit an das Verrinnen der Zeit erinnert wird.

Und so gibt es viele Entdeckungen zu machen, auch wenn das Ganze ein wenig berlinlastig und selbstreferenziell geraten ist. Weil die Kuratoren aber auf Qualität geachtet haben und die präsentierte Kunst, vor allem im Kunstverein und in der Kestnergesellschaft, eine Symbiose mit den Räumen eingeht, entfaltet "Made in Germany Zwei" dennoch ihren eigenen unaufgeregten Charme und lohnt einen Besuch.




Schlagwörter

Kunstkritik, Kunst, Ausstellung

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-08-07 17:50:13
Letzte Änderung am 2012-08-07 17:54:44



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