Mag sein, dass Wolfsburg, diese Stadt zum VW-Autowerk, auch seine verborgenen Reize hat. Zu den offenkundigen gehört das von der "Stiftung Volkswagenwerk" getragene Kunstmuseum, das sich seit 1994, mitten in der Stadt, als spektakulärer Ort fürs Zeitgenössische etabliert hat. Die zentrale Halle, die sich hinter dem transparenten Eingangsbereich öffnet, bietet vor allem großformatiger Kunst den Raum, um sich zu entfalten. Ob nun mit dem Fotografen Andreas Gursky (1998), dem Leipziger Maler Neo Rauch (2006) oder dem Lichtraummagier James Turrell (2009/10) - hier gelangen in den letzten Jahren immer wieder Ausstellungen, die weit über die Region hinaus wirkten.
Die heuer eröffnete große Retrospektive mit Werken von Frank Stella aus den Jahren 1958 bis 2012 hat das Zeug, sich in diese Erfolgsstory einzureihen. Denn sie ist, was sie vorgibt: eine Werkübersicht, die thematische Gruppen präsentiert und einen großen Bogen schlägt, die umfassend informiert und die Farbe und Form, seine Malerei und deren Aufbruch in die dritte Dimension regelrecht feiert. Am Eröffnungstag bewegte sich der sympathische 76-jähre US-Künstler, der die Schau am Ende sogar selbst eingerichtet hat, mit sichtlichem Vergnügen durch die Versammlung von 140 seiner Arbeiten.
Black Paintings
Seine sogenannten Black Paintings machten Stella Ende der 50er Jahre schon in jungen Jahren zum Teil der New Yorker Kunstszene. In Wolfsburg wird die klar strukturierte Malerei aber vom starken Eindruck seiner opulent in den Räum wuchernden, skulpturalen Arbeiten überlagert. Am Anfang der Schau sogar noch chronologisch, ordnen sich die Werkgruppen, die entstanden sind, als er den Minimalismus der Striche und Fläche verlassen hatte und in die barock anmutende Opulenz aufbrach wie von selbst.
So wie sich die innere Dynamik von Stellas Schaffen präsentiert, ist der Übergang zur künstlerisch überformten Architektur, wie sie in seinen Modellen auf der Galerie der 16 Meter hohen Halle zu sehen sind, fast schon zwingend. Ob nun wegen ihrer selbstbewussten Verspieltheit oder weil sie womöglich ihrer Zeit voraus und zu gewagt sind - ihr Scheitern gehört mit dazu. Wie etwa das für den Großen Garten in Dresden geplante Projekt von Kunstpavillons, deren Nähe zu Kuchenformen den Dresdnern dann doch zu weit ging.
In Wolfsburg treten die gezeigten Serien in einen produktiven Dialog. Es ist eine Feier der Fantasie, der Farben, geschwungenen Bögen und Formen, die immer wiederkehren und doch immer einen anderen Bezug haben. So bezieht sich Stella etwa auf polnische Synagogen und Moby Dick wie auf Shakespeare und Scarlatti. Mit solchen, nie nur illustrierenden Bezügen ist Stella der unumschränkte Herr im Reiche einer gestalterischen Fantasie, der, so souverän wie er Vorgefundenes aufgreift, immer wieder auch die gewohnten Bahnen des künstlerischen Ausdrucks verlässt.
Ausstellung
Frank Stella - Die Retrospektive: Werke 1958-2012 Kunstmuseum Wolfsburg, Deutschland
bis 20. 1. 2013
Katalog erschienen bei HatjeCantz, 42 ‚ bzw. 49,80 ‚
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