"Wiener Zeitung": Diese Anlage war einmal eine alte Brotfabrik – wäre das auch ein Kandidat für ihre "strange, quiet places" gewesen?

Wim Wenders: Ja, eine Brotfabrik kann auch viel erzählen. Den Geruch hätte ich gerne erlebt, hier hats bestimmt gut gerochen.
Stimmt es, dass am Beginn ihrer Motivsuche oft kuriose Ortsnamen stehen?
Ich lese gerne Landkarten, weil ich finde, dass man auf Landkarten sehen kann, wo es interessant ist. Nämlich da, wo nicht jeder hinfährt. Man kann ja gut sehen, wo sind die befahrenen Straßen und wo sind Orte, die sind so abgeschnitten, dass man nur hinkommt, wenn man wirklich will. Und da will ich dann hin. Und es stimmt, dass mich Namen besonders reizen, ich hab viele Orte besucht, weil ich dachte, der Name ist zu schön, um wahr zu sein. Der Ort heißt Himmelreich, da muss ich hin, die Sägezahnberge, Sawtooth Mountains, da muss ich hin, eine Stadt, die heißt Truth or Consequences, die muss man gesehen haben. Da stellt sich dann heraus, dass es einmal eine Fernsehshow gab, die so geheißen hat, und die Stadtväter haben in den 50er Jahren gedacht, sie benennen die Stadt nach ner Fernsehshow. Ich kaufe auch Schallplatten wegen der Titel und Bücher. Man hat verhältnismäßig viel Erfolg mit der Methode, weil hinter einem guten Titel steckt selten ein schlechtes Buch.
Was wäre denn so ein Buch mit einem besonders guten Titel?
"City of Glass" zum Beispiel. Das war das erste Buch vom damals nicht bekannten Paul Auster und ich dachte, das ist ein schöner Titel. Dann habe ich ihm geschrieben und daraus ist eine Freundschaft entstanden, die nicht entstanden wäre, wenn ich nicht so ein Titelfanatiker wäre. Eine Band, die ich kennengelernt habe, die heißt The Soundtrack of Our Lives, das kann eigentlich nur eine gute Band sein, die können nicht ganz daneben liegen. Und wenn ich selbst ein Drehbuch schreibe: Solange es keinen guten Titel hat, hat es auch keine Kraft, aus der heraus es sich schreiben lässt.
Ihre Bilder verbinden Melancholie und Kuriosität – wie etwa das Foto vom in der Wiese versunkenen Auto ...
Das ist ein Trabant. Der ist ja unkaputtbar, den kann man nicht zerstören, den kann man ruhig begraben, der wird sich garantiert nicht zersetzen.

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