• vom 05.08.2014, 15:42 Uhr

Kunst

Update: 05.08.2014, 16:08 Uhr

Ausstellungskritik

King Kong haut Hitler




  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christof Habres

  • Der Versuch einer Wiederentdeckung des Künstlers Georg Chaimowicz.

Georg Chaimowicz’ letzte Schaffensperiode im Kunstraum am Schauplatz. - © Artfoundation 2014

Georg Chaimowicz’ letzte Schaffensperiode im Kunstraum am Schauplatz. © Artfoundation 2014

Auf dem Papier liest sich die Biografie von Georg Chaimowicz wie eine der zahlreichen schrecklichen Lebensläufe von zur Flucht gezwungenen Juden. Aber Chaimowicz, der am 3. Juni 1929 in Wien geboren und mit seiner Familie 1938 aus der Stadt vertrieben wurde, begann schon in jungen Jahren im Exil in Bogota, die Schrecknisse der Verfolgung, der Vertreibung und Ermordung seiner Verwandten und deren Freunde durch die Nationalsozialisten künstlerisch aufzuarbeiten.

Information

Ausstellung
Georg Gelernter
Arbeiten von Georg Chaimowicz
Kunstraum am Schauplatz
(1020, Praterstraße 42)
Bis 15. August


Mit zehn Jahren machte er sich daran, die Erniedrigungen, Diskriminierungen und Beleidigungen, die ihm widerfuhren, zeichnerisch zu dokumentieren. Einerseits spiegelt sich in frühen Arbeiten kindliche Hoffnung wider, wie in der Arbeit mit dem Titel "King Kong erdrückt den kleinen Hitler", andererseits ist in Arbeiten der folgenden Jahre schon ein Zug zu Zynismus und Zorn zu erkennen.

Im Jahr 1949 kehrt er mit seiner Familie nach Wien zurück und beginnt an der Akademie der Bildenden Künste bei Sergius Pauser und Herbert Boeckl zu studieren. Schon am Anfang seines Studiums muss er feststellen, dass sich in Österreich nicht viel verändert hat: "Aus dem verwöhnten Judenpinkel wird sowieso nix", wurde ihm bei der Aufnahme von einem Professor despektierlich nachgesagt. Bis zu seinem Tod im Juni 2003 hat Chaimowicz mehr als 26.000 Arbeiten geschaffen.

Aufarbeitung der Shoah
Die Aufarbeitung der Shoah und des Nationalsozialismus waren prägende Themen seiner Werke, aber auch die Auseinandersetzung mit seiner Person spiegelt sich wider. Gerade in den reduzierten, abstrakten Zeichnungen und collagehaften Arbeiten aus den letzten Lebensjahren kann seine Verzweiflung an der Umwelt und der Gesellschaft herausgelesen werden. Und die Verzweiflung war eines seiner hervorstechenden Charaktermerkmale. Verzweiflung an Menschen und Gesellschaft, weil es ihnen seinem Verständnis nach nicht gelang oder gelingen wollte, sich von Faschismus und Antisemitismus zu distanzieren. Seine nächtlichen, oft harten Streits mit Politikern, Künstlern und Galeristen, die manchmal in gegenseitigen Anzeigen und Gerichtsverfahren mündeten, sind in bis heute in Erinnerung geblieben. Es war diese Offenheit und sein absolut undiplomatisches Vorgehen, die dafür verantwortlich waren, dass er und sein Werk erst in den letzten Jahren vor seinem Tod offizielle Auszeichnungen erhielten.

"Er war plötzlich weg", meinte Rudolf Scholten in seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung "Georg Gelernter" (der Titel bezieht sich auf den Namen Chaimowicz’ in Robert Schindels Roman "Der Kalte") im Kunstraum am Schauplatz. Mehr als elf Jahre nach Chaimowicz’ Tod ist es dem Kurator Benjamin Ari Kaufmann gelungen, eine umfassende Werkschau des Künstlers zusammenzustellen. Kaufmann konzentriert sich auf Arbeiten der letzten Schaffensperiode. Intensive Zeichnungen, ausdrucksstarke abstrakte Malereien und kleine Skulpturen bringen dem Besucher das Verzweifeln des Künstlers an sich und seinem Umfeld nahe. Eine Ausstellung, die hoffentlich dazu beiträgt, diesen widersprüchlichen wie beeindruckenden Künstler wiederzuentdecken.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-08-05 15:47:05
Letzte ─nderung am 2014-08-05 16:08:13



Fotografie

Katja Snozzi

Die Bilder stammen aus dem Buch von Katja Snozzi "Jahrhundertmenschen", ein Bildband mit 100 Schwarzweißfotografien von Hundertjährigen und älteren Menschen, erschienen im Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich. - © Katja Snozzi "Die von Katja Snozzi zum Ausdruck gebrachte Achtung vor den Menschen jeden Alters, gleich welcher Herkunft, zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens... weiter




Portraitfotos

Carla Degenhardt

- © Carla Degenhardt Carla Degenhardt untersucht die Fundstücke eines Fotolabors, dessen Materialien das Phantasma von Kultur und ihren Merkmalen abbilden... weiter




Fotografie

Anja Hitzenberger

- © Anja Hitzenberger "Anja Hitzenberger führt dem Betrachter ihrer Fotoarbeiten ein zunächst eindringlich wirkendes und einfach zu lesendes Szenario vor: typische... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Berührungsneugier
  2. Ein Wienerlied auf die Politik
  3. Finales Album von Chuck Berry erscheint am 16. Juni
  4. "Eigentlich kannst du nur versagen!"
  5. Zimmer-Blues mit Happy Ending
Meistkommentiert
  1. Gefühlte Lebensfreude aus der Kraftkammer
  2. Mit Monteverdi in den Mainstream
  3. Ein Wienerlied auf die Politik
  4. Die Mutterschaft - ein Tabu


Mary Wollstonecraft (1759 - 1797) gilt als die erste Feministin Englands. Das bekannteste Werk der Schriftstellerin, Übersetzerin und Philosophin, "A vindication of the rights of woman" ("Verteidigung der Rechte der Frau") tritt für eine Gleichberechtigung von Mann und Frau ein.

Barry Jenkins Film "Moonlight" gewann den Oscar für den besten Film. Zuvor wurde irrtümlich "La La Land" gekürt. Hugh Jackman winkt am Roten Teppich.

Jean-Honoré Fragonard, Das Mädchen mit dem Murmeltier, 1780er Jahre. Ein Ausnahmeprojekt mit Ausnahmeproblemen: Die Elbphilharmonie, eine "gläserne Welle", die auf drei Seiten von Wasser umgeben ist. 

Werbung



Werbung