• vom 17.04.2015, 15:15 Uhr

Kunst

Update: 17.04.2015, 18:18 Uhr

Fotografie

Lurch vor der Linse




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Von Christina Böck

  • Klaus Pichler hat für sein Projekt "Dust" viel Zeit auf allen vieren verbracht. Er hat Staub fotografiert.

Dreck, der eine Geschichte erzählt: Staubhäufchen aus einer Tierhandlung.

Dreck, der eine Geschichte erzählt: Staubhäufchen aus einer Tierhandlung.© Klaus Pichler Dreck, der eine Geschichte erzählt: Staubhäufchen aus einer Tierhandlung.© Klaus Pichler

Für viele ist er ihr einziges, zumindest mit freiem Auge sichtbares Haustier: der Lurch. Es dürfte also kein Zufall sein, dass in sehr vielen Sprachen die Zusammenballung von Hausstaub auch einen tierischen Namen hat. Im Englischen zum Beispiel heißt der Lurch deutlich lieblicher "dust bunny", also Staubhäschen, in Deutschland sagt man Wollmaus, in Ungarn sagt man gar Chinchilla. Klaus Pichler weiß so etwas. Er hat sich immerhin ein Jahr mit Staub befasst. Alles begann damit, dass der Wiener Fotograf beim Übersiedeln eine Entdeckung gemacht hat: "Im Schlafzimmer war der Lurch blau, im Wohnzimmer war er rot." Der Grund war schnell gefunden: Es lag an den Teppichen, die den Staub färbten. Aber Pichlers Interesse war jetzt erst sozusagen aufgewirbelt: "Meine Fotoserien entstehen aus solchen trivialen Einfällen, ich stell mich dann gern absichtlich blöd." Und so wurde aus der Beschäftigung mit dem Lurch eine "Pseudowissenschaft". Dafür hat Pichler Staubhäufchen an allen möglichen Orten eingesammelt, vom Kino über die Arztordination und Privatwohnungen bis zur Tierhandlung, um sie danach präzise naturwissenschaftlich zu fotografieren. Die meisten, die er fragte, ob er in ihrer Lokalität Dreck aufklauben dürfe, waren doch etwas perplex ob des Ansinnens. "Bei manchen hab ich mir gedacht, wenn ich nackt reinlaufen würde, könnten die auch nicht schockierter reagieren."

Jede der Staubverwirbelungen, die jetzt in dem Buch "Dust" zusammengefasst sind, erzählt eine Geschichte. Lurch aus dem Rapid-Geschäft ist grün, Lurch aus dem Austria-Geschäft ist violett, Lurch aus der Schneiderei ist bunt. Pichlers liebste Geschichte erzählt aber seine Beute aus einem großen Bürohaus. Da hat er den Lurch in einem Raum aufgesammelt, in dem viele Präsentationen stattfinden: "In dem Staub waren so viele abgekaute Fingernägel drin! Da sieht man dann, das ist ein Raum, in dem ein sehr hoher Stresspegel herrscht." Symbolisch auch das Dreckhäufchen, das er in einer Polizeiwachstube archiviert hat: "Da waren ein Gummiringerl und eine Heftklammer drin. Besser kann man Polizeiarbeit nicht beschreiben."


Ein Dreck-Start-up

Statement gegen Überreinlichkeit: Klaus Pichler.

Statement gegen Überreinlichkeit: Klaus Pichler.© Florian Rainer Statement gegen Überreinlichkeit: Klaus Pichler.© Florian Rainer

Eher enttäuscht war er übrigens vom Schmutz in der Buchhandlung und in Fotogeschäften: "Da herrscht elektrostatischer Staub vor, und der macht dann alles ziemlich grau." Nachholbedarf hat Wien übrigens beim U-Bahnstationsstaub. Da gibt es zwar am Karlsplatz eine Stelle, in der abends beeindruckend große Lurchbälle "wie Tumbleweeds im Western herumwehen", erzählt Pichler. Aber in Paris beispielsweise sei diese Staubkultur viel mehr ausgereizt - auf mehreren Ebenen. Da gäbe es nämlich so viel Staub, dass ein Künstler ganze Wolfsrudel als Skulpturen daraus gebaut hat.

Pichlers Fotoserie ist auch ein Plädoyer für mehr Freude am Schmutz und ein Statement gegen die Überhygienisierung unserer Zeit: "Ich bin gespannt, wo diese Entwicklung hinführt. Ob es dann einmal eine Bewegung geben wird, die den Kindern eine Handvoll Erde verabreicht, zum Antikörpersystem-Updaten. Das würde ja in diesen ,Zurück zur Natur‘-Trend, der jetzt so groß ist, hineinpassen. Vielleicht gibt es ja bald ein Dreck-Start-up."

Verkleidete Menschen in alltäglichen Situationen: "Just the two of us".

Verkleidete Menschen in alltäglichen Situationen: "Just the two of us".© Klaus Pichler Verkleidete Menschen in alltäglichen Situationen: "Just the two of us".© Klaus Pichler

In der Galerie Anzenberger in Wien ist noch bis Anfang Mai eine andere Fotoserie von Klaus Pichler ausgestellt. Für "Just the two of us" hat er verkleidete Menschen in ihrer Wohnung, in alltäglichen Situationen fotografiert. Seine Recherche hat er bei Faschingsgilden begonnen, hat aber schnell festgestellt, dass es noch viel mehr, neue Verkleidungstraditionen gibt - von Furrys, Menschen, die Tierkostüme lieben, über den japanischen Verkleidungstrend Cosplay bis zum Live-Action-Rollenspiel. "Im Vergleich dazu waren die Faschingsgilden langweilig, weil ihnen das Identitätskonstrukt, das Alter Ego fehlt." Und so hat er etwa eine Perchte in ihrer Küche, ein Einhorn in der Badewanne, einen Ritter auf der Wohnlandschaft neben dem Philodendron, einen Stormtrooper beim Fernsehen und eine güldene venezianische Karnevalsdame bei der "Krone"-Lektüre fotografiert. Ein schillernd-groteskes Panoptikum einer intimen Parallelwelt.

Nur ein Kostümierter konnte übrigens nicht in seiner eigenen Wohnung fotografiert werden - es musste in ein Hotel ausgewichen werden. "Dieses Drachenkostüm hat Flügel und einen Motor, und wenn er den aufdreht, dann hat er eine Flügelspannweite von zehn Metern." Umso imposanter wirkt der Drache nun am hoteleigenen Piano.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-04-17 15:20:07
Letzte ─nderung am 2015-04-17 18:18:27



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