• vom 17.09.2015, 16:31 Uhr

Kunst

Update: 18.09.2015, 08:45 Uhr

Ausstellungskritik

Der Ritt auf dem Bösendorfer




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Kunsthalle am Karlsplatz: im Stofftier-Reich des Charlemagne Palestine.

Paradies der Stofftiere: Charlemagne Palestine hat seine flauschigen Freunde mitgebracht.

Paradies der Stofftiere: Charlemagne Palestine hat seine flauschigen Freunde mitgebracht.© Stephan Wyckoff Paradies der Stofftiere: Charlemagne Palestine hat seine flauschigen Freunde mitgebracht.© Stephan Wyckoff

Angesichts dieser akkumulierten Kunstpraxis in Post-Fluxus-Manier könnte selbst Jonathan Meese erblassen: Charlemagne Palestine hat in seiner Jugend als Charles Martin in New York noch Friedrich Kiesler getroffen und begann mit minimalistischen Musikstücken, die in ihren Tonreihen und Wiederholungen das Publikum versuchsweise in Trance versetzten. Seine Familie kam aus einem jüdischen Stetl Osteuropas, und als Teenager war er Glockenspieler von St. Thomas neben dem Museum of Modern Art. Für seine bis zu fünfstündigen Aktionen mit Klavier benützte er ab den 1970ern einen Flügel aus Wien: Die Oktavbreite und Resonanz des "Bösendorfer Imperial" liegt über jener der Firma Steinway. Klassik, Ethno, Minimal-Music mischt Charlemagne Palestine bis heute mit Elektronik zu "Strumming Music". 

Manisches Sammelgut

Information

Ausstellung  
Charlemagne Palestine:
GesammttkkunnsttMeshug-
gahhLaandtttt
Luca Lo Pinto (Kurator)
Kunsthalle Karlsplatz
bis 8. November

Siehe dazu auch die Albumkritik von Charlemagne Palestine & Z’EV, "Rubhitbangklanghear Rubhitbangklangear": Glockenspiel und Paukenschlag


Noch nie war der Glaspavillon der Kunsthalle am Karlsplatz derart gefüllt mit schamanistisch aufgeladenen Stofftieren, Relikten von Performances und manischem Sammelgut, dazu Tüchern, Pölstern und dreiteiligen Teddy-Skulpturen aus Plüsch und Draht. Von der Decke hängen kleine Fallschirme für Stofftiere, dazu Disco-Kugeln und Spiegel. Dazu werden große Bildcollagen, Skizzenblätter für die Documenta 8, Buchobjekte sowie Bildschirme mit den frühen Performances präsentiert - und im Zentrum eben der erwähnte Bösendorfer-Flügel.

Das Instrument ist geöffnet und bespielbar, aber ebenso gespickt mit hunderten Stofftieren und Tüchern, einer Stoffkugel und all den Fetischen, die Palestine auch auf Reisen begleiten. Volle Koffer werden zu Wandskulpturen aufgeklappt, und nicht einmal der Schriftzug Kunsthalle bleibt unangetastet - er ist mit Stofffetzen selbst im Außenraum ummantelt. So wuchert die Akkumulation Palestines mit Maximierungseffekt über sich hinaus wie die goldene Kuppel der Secession.

In den 70ern war der Künstler als Performer bereits in Wien - nach dem Bösendorfer-Kauf seine zweite Verbindung zur Stadt. Galeristin Grita Insam veranstaltete damals mehrere Festivals mit internationalen Größen wie Laurie Anderson, Gina Pane und eben auch Palestine, der den Schamanismus eines Joseph Beuys locker mit der Praxis eines Robert Morris und La Monte Young kombinierte. Wie der Umkreis von John Cage setzte er in seiner seriellen "Body Music" zum hypnotischen Sound den eigenen Körper als Erzeuger von Resonanzen bis zur kontrollierten Ekstase ein, indem er sich bis zur Erschöpfung gegen die Wände warf. Immer noch trägt er ständig seine Handkamera mit sich, die schon damals in von Kreisbewegungen und rhythmischem Gesang begleiteten Aktionen mitlief. Seine frühen Videos am Körper haben auch die Wiener Szene inspiriert.

Jugendstil-Konnex
Die gegenüberliegende Secession und Josef Hoffmann haben Palestine offenbar nicht nur zur Assoziation Gesamtkunstwerk gebracht (im Ausstellungstitel verfremdet zu "GesammttkkunnsttMeshuggahhLaandtttt"), sondern auch zur wilden Anhäufungsreaktion seines kleinen Kunstfeldes mit schützenden kleinen Tiergöttern. Sie wurden durch Mitwirkung in seinen Performances und Präsentationen von der Seelenlosigkeit eines abgelegten Spielzeugs befreit und über das Fundstück hinaus zum Kunstfetisch animiert. Dabei ist nicht nur der Reiz des Jungendstil-Konzepts spürbar, sondern auch die magische Praxis früher Kulturen.

Palestines Wien-Verbindungen sind wohl nur hier verständlich: In New York hat das Publikum keine Bezüge dieser Art - und so hielt man ihn stets für "meschugge". Seine Lebenspartnerin ist übrigens die Achse nach Brüssel, wo der Künstler heute lebt: Sie stammt aus der Stoclet-Familie, die sich dort von Gustav Klimt und Hoffmann eines der erhaltenen Jugendstil-Gesamtkunstwerke bauen ließ. Die performativen Konzerte im Begleitprogramm sind also nicht nur für Fans der nun schon klassischen Minimal Music ein "Must". 


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-09-17 15:44:09
Letzte ─nderung am 2015-09-18 08:45:14



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