• vom 22.09.2015, 16:11 Uhr

Kunst

Update: 22.09.2015, 16:32 Uhr

Ausstellungskritik

Begegnung der Molligen




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Naturhistorisches Museum: neues Venuskabinett und die "Balloon-Venus" von Jeff Koons.

Klein, dick, aber eine der berühmtesten Frauen der Welt: Die nur elf Zentimeter große "Venus von Willendorf", 1908 in der Wachau entdeckt, ist 4500 Jahre älter als bisher angenommen.

Klein, dick, aber eine der berühmtesten Frauen der Welt: Die nur elf Zentimeter große "Venus von Willendorf", 1908 in der Wachau entdeckt, ist 4500 Jahre älter als bisher angenommen.© apa/Fohringer Klein, dick, aber eine der berühmtesten Frauen der Welt: Die nur elf Zentimeter große "Venus von Willendorf", 1908 in der Wachau entdeckt, ist 4500 Jahre älter als bisher angenommen.© apa/Fohringer

Sie ist eine der berühmtesten Frauen der Welt und ein Kunstwerk von höchstem Rang: die 1908 in Willendorf in der Wachau gefundene Statuette einer beleibten Figur, die den leicht verfälschenden Notnamen "Venus" trägt. Der Begriff hat sich für viele solcher kleinen symbolischen Gestalten aus der Prähistorie eingeprägt, dabei wurde ihr Sexappeal nicht groß hinterfragt. Viele dieser gar nicht mehr jugendlichen Dicken mit Hängebrüsten wurden entlang des Alpen- und Karpatenbogens im Laufe des 20. Jahrhunderts gefunden. Die "Willendorferin" bleibt die "Mona Lisa" unter diesen mit einer unbekannten Religion verbundenen "Göttinnen", deren Fettansammlungen um die Mitte und winzige Arme und Füße sie wie eine personifizierte Mutter Erde erscheinen lassen.

Frühe Priesterin

Information

Neues Venuskabinett
Naturhistorisches Museum
Jeff Koons’ Balloon Venus
ab 30.9. bis 13.3.2016


Die Sammlungen des Naturhistorischen Museums bekamen die prähistorische Kunst wie anfangs auch die Völkerkunde zugeordnet - ein Konstrukt, dem heute zwar widersprochen werden könnte, da die Venus eindeutig ein Kunstwerk ist. Aber eine Kunstgeschichte der Prähistorie existiert nicht, obwohl die Gegenwartskünstler seit 1900 auf diese Zeit intensiv reagieren. Lange vor Jeff Koons Begeisterung für diese erste Epoche der Kunst haben vor allem Künstlerinnen im Zuge des Feminismus jene Konzentration von weiblichen Statuetten in der Steinzeit als Beweis eines Matriarchats vor dem Patriarchat gesehen. Diese Utopie kann wissenschaftlich nicht belegt werden, da es keinerlei schriftliche Belege in der Frühzeit gibt. Klar sichtbar bleibt allerdings, dass erst in der Bronzezeit langsam mehr männliche Figuren neben den mütterlichen auftauchen.

Die wohl bekannteste Künstlerin, die auf die frühen dicken "Venus"-Statuetten reagierte, ist Niki de Saint Phalle, die ihre bunten und teils auch kleinköpfigen Plastiken "Nanas" nannte. Sie bevölkern heute Museen, Gärten und Schweizer Bahnhöfe und sind im Gegensatz zu Koons aufgeblasen wirkenden Ballonfiguren nicht aus Metall, sondern aus Kunstharz, das grellbunte Bemalung zulässt. Koons "Balloon Venus (Orange)" aus einer Serie von 2008-2012 mit Kugellocken, ovalem Bauch und Brüsten, wird bis 13. März 2016 das Naturhistorische Museum besuchen. Eine Woche davor hat nun die verehrte alte Lady ein eigenes Kabinett bekommen, angeschlossen an die prähistorische Abteilung. Da steht sie hinter einer roten Wand, nicht schamhaft verborgen, sondern in besonderer Beleuchtung inszeniert, in einer neuen Sicherheitsvitrine.

Sie ist aber neben Beschriftungstafeln und sinnvollen Animationen nicht ganz allein. Ihre schlanke, einige tausend Jahre ältere Schwester vom Galgenberg in Stratzing, oberhalb von Krems, wohnt mit ihr im Venuskabinett; im Moment allerdings als perfekte Kopie, das Original der nach der Biedermeiertänzerin Fanny Elßler "Fanny" genannten Schamanin ist bei einer Ausstellung in Brüssel. Dort trifft sie auf die "Fragile Goddess" Louise Bourgeois‘ von 2002, einer weiteren Vertreterin des "kulturellen Feminismus" ab 1970. Die aus Schiefer geschnitzte Kollegin der rot bemalten Kalkstein-Venus ist mit 7,2 cm nur halb so groß und verrät durch einen zum Himmel gestreckten Arm und einen, der zur Erde weist, ihre Funktion als frühe Priesterin, die himmlische und irdische Sphäre mit der Unterwelt verband. Die Kopien anderer Steinzeitfunde vor dem Saal erklären Besuchern das schamanistische Weltbild.

Die Venus von Willendorf trägt eine Art Haube am Kopf, vielleicht Lockenfrisur oder Perücke, die ihr Gesicht vollständig verdeckt. Dies und die rote Färbung lassen vermuten, dass die dicken Statuetten dieser Zeit mit den Geheimnissen um Leben und Tod in Zusammenhang standen und nicht mehr allein als Fruchtbarkeitssymbole gelten können. Neuerdings ist sie um 4500 Jahre älter geworden; die Radiokarbonmethode datiert nun auf 29.500 vor unserer Zeitrechnung. Künstlerreaktionen gibt es von Adolf Frohner, Gotthard Fellerer, Anne Schneider, Elisabeth von Samsonow, Herwig Zens, Bernhard Hollemann oder Robert Zahornicky hierzulande sozusagen am laufenden Band.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-09-22 16:14:06
Letzte Änderung am 2015-09-22 16:32:49



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