• vom 09.01.2016, 10:00 Uhr

Kunst

Update: 09.01.2016, 10:33 Uhr

Ausstellung

Schnurren, kratzen, Geld schaufeln




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Von Klaus Stimeder

  • Es ist so weit: Eine Ausstellung in New York untersucht den Siegeszug der Katzen im Internet.



Katzen, die auf Katzen starren: Das "Infinite Cat Project" treibt das Phänomen auf die Spitze.

Katzen, die auf Katzen starren: Das "Infinite Cat Project" treibt das Phänomen auf die Spitze.© Museum of the Moving Image Katzen, die auf Katzen starren: Das "Infinite Cat Project" treibt das Phänomen auf die Spitze.© Museum of the Moving Image

Es gibt sie noch, die kleinen Überraschungen: Nicht oft, aber auch nicht mehr wirklich selten beweist das Museum of the Moving Image (Momi) seit rund einer Handvoll Jahren, dass es sich auch abseits der breit getretenen New Yorker Museumspfade nicht zwangsläufig schlecht lebt. Keine Selbstverständlichkeit, wenn man allein aufgrund seiner relativ ungünstigen geografischen Lage - Astoria, Queens - praktisch ohne Laufkundschaft auskommen muss; von dem mit einem Sitz in Manhattan verbundenen Mangel an Glitterbonus ganz abgesehen. Den Mangel an Attraktivität der Lokation machen die Momi-Kuratoren indes regelmäßig durch inhaltliche Beschränkung auf Themen fest, die sich mainstreamig anfühlen, aber stets mit einem Twist versehen sind, der das Ganze auch intellektuell halbwegs ansprechend macht.

Information

Die Ausstellung "How Cats Took Over The Internet" im New Yorker Museum of the Moving Image läuft noch bis 21. Februar.

Movingimage

Dezidiert keine Ausnahme bildet dabei die aktuelle Ausstellung des Hauses an der 35th Avenue, deren schöner Titel Programm ist: "How Cats Took Over The Internet". Wer von Ihnen ohne Sünde ist, der werfe die erste Dose Trockenfutter: Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine einzige Leserin und keinen Leser dieser Zeitung, der nicht schon mindestens einmal im Leben ein Katzenvideo angeklickt und in voller Länge genossen hat. Ebendieser Umstand war es, der Momi-Kurator Jason Eppink laut Programmheft dazu brachte, sich nicht mit der bloßen Feststellung und einfachen Antworten auf das Phänomen zufrieden zu geben - Katzen sind einfach total süß -, sondern einer eingehenden sozioökonomischen Diagnose zu unterziehen, samt einer, nun ja, möglichst ernsthaften Nachzeichnung seiner Historie im digitalen Zeitalter. (Ein Unterfangen, dass angesichts der diversen, die Ausstellung manifest und/oder mehr oder weniger subkutan begleitenden Botschaften - "Wir schauen auf die Katze, aber in Wirklichkeit schauen wir auf uns selbst" et cetera - zum Scheitern verurteilt ist, aber das wenigstens auf Augenhöhe. Bisweilen der einer Katze, aber sei’s drum, ist ja das Thema.)

Schuld ist Edison

Quasi offiziell datiert wird der Beginn der Geschichte mit der Produktion des Kurzfilms "The Boxing Cats (Prof. Welton)" von 1894. Als Produzent des 22 Sekunden langen Clips diente niemand Geringerer als Thomas Alva Edison, der "Zauberer von Menlo Park", der damit sein gerade erst erfundenes Kinetoskop promoten wollte. Interessant und immer wieder nett anzuschauen, aber fürs titelgebende Thema nicht wirklich erhellend. Zu viel haben die Momi-Macher dennoch nicht versprochen. Akribischst wird da nachgezeichnet, wie sich nämliches von Anfang bis Mitte der Neunziger, als sich die Nutzung des Internets in den USA langsam aber sicher zum Massenphänomen auswuchs, auf denkbar simple Weise zu etablieren begann: als virtuelles Forum zum Meinungsaustausch über die Art von Haustieren, mit denen man (in der Regel) nicht Gassi geht und folglich in den eigens dem auslaufwütigen Getier gewidmeten Parks oder Zonen andere Menschen trifft, mit denen man sich über Haltungsfreuden und -nöte unterhalten kann.

Nachdem Katzen nach Hunden die zweitgrößte Spezies in Amerikas Haushalten stellen, lag auf der Hand, dass jene, die am Anfang der Popularisierung von "Cats on the Internet" standen, ganz normale Katzenbesitzer waren. Mit ganz normalen Bedürfnissen: In Foren mit klangvollen Namen wie "Meowchat" tauschten sie Tipps zu Themen wie Futter, Lieblingsschlafplätze oder die besten Methoden von Kopf- und Rückenmassage aus. Es dauerte nicht lang, bis manche Besitzer ihre Tiere zu imitieren begannen - was wiederum andere Forenmitglieder derart zornig machte, dass sie ihre eigenen Message Boards gründeten. Weil Menschen aber halt Menschen und als solche nie ganz sauber sind, weil nicht sein können, artete das Ganze schnell aus und diverse Praktiken entwickelten sich, die den Siegeszug rund um den Planeten antraten; um dann entweder ganz schnell wieder zu verschwinden (häufig) oder bis heute ihre eingefleischten Fans haben: Katzen scannen oder unter den Kopierer legen, zum Beispiel ("Cat Scan Contests"); Katzenhälsen geschnittenes Brot umhängen ("Cat Breading"); oder "Cat Stacking", bei dem es darum geht, wie man auf den gemeinen Katzenkörper möglichst kunstvoll möglichst viele möglichst unmögliche Dinge stapelt.

Mit der Breitbandrevolution und den damit einhergehenden höheren Datenübertragungsraten wurde quasi die nächste Steigerungsstufe gezündet. Auch in diesem Zusammenhang macht die Momi-Ausstellung einen guten Job, als sie keinen, aber wirklich keinen Klassiker der modernen Onlinevideokatzenkunst auslässt. Im ersten Stock des Hauses hat man dafür eigens eine Art Mini-Kino eingerichtet, auf dessen Leinwand alle halbe Stunde dieselbe Rolle abgespult wird: Musikvideos, Kunstinstallationen, Humoriges, Schwachsinniges rund um die Katze an sich, selten Interessantes, aber immer unterhaltend. Zusammengestellt wurde die Kompilation von einem anerkannten Experten der Materie: Will Braden, der für das Walker Arts Center in Minneapolis seit 2012 einmal im Jahr das sogenannte "Internet Cat Video Festival" kuratiert und selber Erfinder eines Online-Phänomens namens "Henri Le Chat noir" ist, eines schwarzen Katers, der sich philosophischen, vordem existenzialistischen Fragen widmet. Henri hat heute weltweit rund 175.000 Fans auf Facebook.


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Schlagwörter

Ausstellung, New York, Katzen, Internet

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-01-08 15:50:08
Letzte Änderung am 2016-01-09 10:33:11



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