• vom 18.01.2016, 20:32 Uhr

Kunst

Update: 18.01.2016, 20:32 Uhr

Ausstellung

Ein bisschen Gas muss sein




  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bernhard Baumgartner

  • Das Karikaturmuseum Krems widmet sich dem Kultobjekt Auto.

Zu sehen ist ein Waldweg. Darauf ein Wandererin - so weit, so normal. Doch die Freizeitsportlerin wird flott überholt von einem Hasen, der in einem kleinen blauen VW Cabrio angebraust kommt. Gerhard Glück nennt sein Gemälde "Irene M. neigt dazu, in allem einen tieferen Sinn zu sehen". Es ist wie 50 andere Bilder auch Teil der neuen Ausstellung des Karikaturmuseums Krems, die am Wochenende eröffnet wurde. Nach dem Thema Fernsehen ist es die zweite Schau, die Kurator und Direktor Gottfried Gusenbauer einem Kultobjekt der Österreicher widmet, dem Auto. Und doch, der eigene fahrbare Untersatz hat ein bisschen gelitten: als Statussymbol jedenfalls und auch insgesamt. Das, was viele unter "Wertewandel" subsummieren, hat auch beim Kfz zugeschlagen, sei es nun ein- oder mehrspurig. Und so zeigt sich auch in dieser Schau eine gewisse Götterdämmerung. Etwa wenn Borislav Sajtinach sie als apokalyptische Reiter zeichnet, die sich über die Menschheit hermachen und allerlei Verderbnis mit sich bringen. Wolfgang Ammer wiederum lässt die Fahrzeuge paarweise, immer in gleichen Farben, in Noahs Arche einfahren.

Fetisch mit dem Lenkrad: Rudi Klein und die Prioriäten der Autofahrer.

Fetisch mit dem Lenkrad: Rudi Klein und die Prioriäten der Autofahrer.© Karikaturmuseum Krems Fetisch mit dem Lenkrad: Rudi Klein und die Prioriäten der Autofahrer.© Karikaturmuseum Krems

Comic-Originale

Ja, die Glanzzeiten sind wohl vorüber, auch wenn eine ganz neue Ära des Automobils bereits am Horizont dämmert: das selbstfahrende Auto, das in seiner bis heute 130-jährigen Geschichte (seit Carl Benz) nicht nur den Chauffeur, sondern jetzt auch noch den Selbstfahrer obsolet macht. Die Maschinen übernehmen - man muss nicht gleich die postapokalyptische narrative Welt des Terminators bemühen, um zu sehen, dass die Maschinen auf dem Vormarsch sind. Doch bevor es so weit ist, darf in der doch sehr übersichtlichen Ausstellung noch einmal den Glanzzeiten des Fetisch mit dem Lenkrad gefrönt werden. Herzstück sind hier sicherlich die Comic-Originale aus der frankophonen Sammlung des Architekten Rochus Kahr. Hier darf noch dem gar nicht frommen Design gehuldigt werden - und wenn sich das Vehikel mit einem halbseitenfüllenden "Vroooooooar" aus der Seite verabschiedet, kann man die Begeisterung gut nachvollziehen. Dynamik und Geschwindigkeit, dargestellt im zweidimensionalen Schwarzweiß und doch so plastisch aufs Blatt gebannt, dass man den Sechzehnzylinder nahezu satt vor sich hinblubbern hört. Das ist zu Recht nach Francis Lacassin die "neunte Kunst" des Kanons der bildenden Künste.

Aber auch die österreichischen Größen dieser Kunst dürfen natürlich ihre Sicht des Autos darstellen. Wenn Erich Sokol dem feisten Österreicher bildlich das letzte Hemd auszieht, um ein Fläschchen Benzin zu erwerben, ist man wieder in der Realität angekommen. Auch Rudi Klein, der seine charakteristischen Figuren lieber den Motor verkaufen lässt, um die schwarz-blauen Ralleystreifen behalten zu können, reiht sich hier nahtlos ein. Und wenn Nicolas Mahler den Autofirmenboss in bester "Wall Street"-Manier auf den Klimawandel mit dem Satz "Sofort die Cabrioproduktion verdoppeln!" reagieren lässt, ist man wieder an die apokalyptischen Reiter erinnert. Auch wenn die Ausstellung mit nur einem Raum einen nur kleinen Überblick über das Thema bringt, verbergen sich in den Tiefen der Zeichnungen doch viele Schätze, die durch den Betrachter gehoben werden können. Vielleicht eine gute Gelegenheit, frei nach dem Motto der Schau, das Schätzchen in der Garage wieder einmal bei einer Ausfahrt an den Rand der Wachau zu bewegen. Vroooooooar!

Information

Ausstellung
Kult auf 4 Rädern
Karikaturmuseum Krems
bis 15. Jänner 2017





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-01-18 16:08:05
Letzte ─nderung am 2016-01-18 20:32:37



Topological turn

Anna-Maria Bogner

- © Anna-Maria Bogner "Die zentralen Themen der Kunst von Anna-Maria Bogner sind der Raum, das Erleben des Raumes, ebenso körperliche wie imaginative Raumerfahrungen... weiter




Fotografie

Vorbilder

- © Rainer Friedl Von Jänner 2014 bis Februar 2015 folgte für Thomas J. Nagy ein interessanter Gesprächstermin nach dem anderen. Er sprach mit insgesamt 80... weiter




Fotografie

Christine Prantauer

- © Christine Prantauer ",8627 km Luftlinie‘ zeigt einen Jugendlichen, der vor der gotischen Häuserzeile in Innsbruck-Mariahilf eine Tafel mit einem Bildausschnitt der... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Uncle Bob im Lounge-Modus
  2. Ambitionierte Absichten
  3. Song-Contest-Ohrfeige für Russland
  4. Zoe darf weiter träumen
  5. Vornehmes Spiel
Meistkommentiert
  1. Song-Contest-Ohrfeige für Russland
  2. Zoe darf weiter träumen
  3. Sanft zur Erleuchtung
  4. Nebelverhangene Laszivität
  5. Vornehmes Spiel



"Europa arbeitet in Deutschland" 

Titelbild einer NS-Propagandabroschüre zum Einsatz ausländischer Zwangsarbeiter in Deutschland, 1943.  

Robert de Niro machte dem Filmfestival Cannes am Montag seine Aufwartung, als sein neuer Film, das Boxerdrama "Hands of Stone", präsentiert wurde. Die re:publica öffnet zum zehnten Mal ihre Pforten in Berlin.

Vor dem Apollo Theater in Harlem, New York legen Fans des US-Sängers Prince Blumen und Erinnerungsstücke nieder. Ruth Beckermann hat den Großen Diagonale-Spielfilmpreis für ihre Arbeit "Die Geträumten" über die Liebesbeziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan erhalten. Sie ist damit die erste Künstlerin, die sowohl Spielfilm- wie auch Dokumentarfilmpreis gewann - letzteren 2014 für "Those Who Go, Those Who Stay".

Werbung



Werbung