• vom 19.05.2016, 15:48 Uhr

Kunst

Update: 19.05.2016, 16:39 Uhr

Künstlerinnenporträt

Schönheit des Verfalls




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Julia Rumplmayr

  • Die Fotografin Sigrid Rauchdobler nimmt mit einem Projekt zum Linzer Postverteilerzentrum an der Biennale in Venedig teil.

Sigrid Rauchdobler erkundet Räume, die warten - etwa auf die Unterbringung von Geflohenen. - © Rauchdobler

Sigrid Rauchdobler erkundet Räume, die warten - etwa auf die Unterbringung von Geflohenen. © Rauchdobler

Linz. "Räume im Wandel haben etwas Spezielles, sie strahlen eine ganz eigene Atmosphäre aus", sagt Sigrid Rauchdobler. Verlassene Räume, die auf ihre neue Nutzung warten, faszinieren die Linzer Architekturfotografin.

"Zwischenräume" nennt sie sie in ihrem Portfolio: Es sind Plätze mit Vergangenheit - Industriehallen, in denen noch vor kurzem lautes, hektisches Treiben herrschte. Bürogebäude, in denen vor einiger Zeit noch Tippen und Telefongespräche zu hören waren. Wie die Hallen der ehemaligen Quelle, die Büros der früheren Pensionsversicherungsanstalt, oder das alte Postverteilerzentrum in Linz, die Sigrid Rauchdobler fotografierte, nachdem Menschen, Möbel und Maschinen die Räume verlassen hatten. Diese Räume strahlen eine "Schönheit des Verfalls" aus, wie Rauchdobler es nennt.

Information

15. Architekturbiennale Venedig
28. Mai bis 27. November 2016
"Time Space Existence" u.a. mit Sigrid Rauchdobler im Palazzo Mora
Österreich Pavillon "Orte für Menschen"/ "Places for People"

www.ortefuermenschen.at

Poesie leerstehender Gebäude

Die Fotografin dokumentierte den Bau des Linzer Musiktheaters, begleitet Großbaustellen und Architekturprojekte. Dass sie heuer zur 15. Architekturbiennale in Venedig eingeladen wurde, führt sie aber auf ihre Liebe zu den "Zwischenräumen" zurück. Unter dem diesjährigen Thema "Time Space Existence" lädt die Global Art Affairs Foundation Architekten und Fotografen ein, die in drei Palazzi in Venedig parallel zu den Länderpavillons ihre Projekte zeigen.

Sigrid Rauchdobler zeigt ihr Projekt zum leerstehenden Linzer Postverteilerzentrum im Palazzo Mora und ist damit als einzige österreichische Architekturfotografin in Venedig vertreten. Es sind zwei Großformate und mehrere Kleinformate, die Rauchdobler ausgewählt hat: Die Großformate zeigen eine mächtige Halle mit Rolltor, in die noch vor kurzem Autos und Züge einfahren konnten. Daneben ein Raum mit verrußten Wänden und einer Schönheit aus dem Jungbauernkalender, die verlassen an einer Eisentüre hängt.

Die Kleinformate, die daneben angeordnet werden, zeigen andere Aspekte des 1994 eröffneten Verteilerzentrums: die spiralförmigen Rutschen etwa, auf denen Poststücke bergab segelten. Auf dem 35.000 Quadratmeter großen Areal wurden noch vor wenigen Jahren täglich 1,7 Millionen Briefe und 110.000 Pakete sortiert. Nach der Eröffnung eines moderneren Zentrums 2014 hatte das alte Gebäude ausgedient. Seitdem wurde es nur kurzfristig genutzt. Seit 2015 dient es auch als Unterbringung für Flüchtlinge. Anfang des Jahres wurde es verkauft und wartet nun auf seine neue Bestimmung.

Während die Unterbringung von Flüchtlingen in Sigrid Rauchdoblers Projekt nur am Rande vorkommt, ist sie das zentrale Thema des diesjährigen Österreich-Pavillons. Unter dem Titel "Orte für Menschen" widmet man sich der Öffnung von leerstehenden Gebäuden für Asylsuchende. Man bespielt damit nicht nur den Pavillon in Venedig, sondern realisierte an drei dezentralen Orten in Wien Projekte, die in Venedig dokumentiert werden. Sigrid Rauchdobler hat die Zeit, als in den Hallen des Postverteilerzentrums Feldbetten für Flüchtlinge aufgebaut waren, in ihre Dokumentation des Postverteilerzentrums aufgenommen, ihr Fokus liegt aber auf der Architektur und dem Gebäude.

Räume mit Patina

"Für mich strahlen diese Räume vor allem aus, dass sie warten", erzählt sie. "Sie sind nicht kaputt, aber auch nicht neu. Sie sind leergeräumt und verharren in einem Stillstand, der etwas ganz Eigenartiges hat. Man sieht die Vergangenheit auf Schritt und Tritt, die Räume haben eine Patina." Baustellen und Industrie faszinieren Sigrid Rauchdobler schon seit ihrer Kindheit. "Schon von meinem Kletterturm am Spallerhof habe ich die Rauchwolken der Voest gesehen. Das ist für mich bis heute ein Märchenland", erzählt die Architekturfotografin. "Wenn ich an der Industrie vorbeifahre, geht mir das Herz auf."





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-05-19 15:53:04
Letzte nderung am 2016-05-19 16:39:17



Fotografie

Käthe Hager von Strobele

Geboren 1981 in Bozen, Südtirol; 2001-2008 Diplomstudium der Philosophie, Universität Wien; 2001-2008 Studium der Fotografie (Meisterklasse Eva... weiter




Bildende Kunst

Anna Jenner

Geboren 1948 in Frauenkirchen; Studium an der Hochschule für Angewandte Kunst; 1975-76 Stipendium für einen einjährigen Studienaufenthalt in... weiter




Fotografie

William Albert Allard

Geboren 1937 in Minneapolis, Minnesota; Studium an der Minneapolis School of Fine Arts und an der University of Minnesota; ab 1964 arbeitete Allard 50... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Pop als Kunstwerk
  2. Die Einzelwertungen des Jahres 2017
  3. Der Nächste, bitte
  4. Moonwalk in die Ewigkeit
  5. Kleine Stimme, große Kunst
Meistkommentiert
  1. Johnny Hallyday tot
  2. Kleine Stimme, große Kunst
  3. Bruckner als Kraftwalze


CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey,

Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.

Werbung



Werbung


Werbung