• vom 28.11.2016, 19:41 Uhr

Kunst

Update: 28.11.2016, 19:47 Uhr

Ausstellung

Imagine!




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Von Peter Nonnenmacher

  • Londons V&A Museum lässt die Zeit nach 1966 aufleben - als eine Art positive Kraft in Vision und Denken.

Alles so bunt hier: Illustrierte Beatles-Lyrics von Alan Aldridge, 1968.

Alles so bunt hier: Illustrierte Beatles-Lyrics von Alan Aldridge, 1968.© Iconic Images, Alan Aldridge Alles so bunt hier: Illustrierte Beatles-Lyrics von Alan Aldridge, 1968.© Iconic Images, Alan Aldridge

Imagine! Keine Mails vor dem Frühstück am Morgen. Kein Brexit in der Pipeline und kein Donald Trump am Horizont. Kein Flüchtlingslager in Lesbos. Keine globale Erwärmung. Keine elektronische Überwachung. Dafür ein Farben- und Klang-Spektakel zur Erzeugung größeren Wohlbefindens und frischer Sichtweise überall.

Eine andere, optimistischere Zeit hat man im Londoner Victoria and Albert Museum neu zum Leben erwecken wollen. Noch einmal sollen Besucher sich vorstellen können, was vor fünfzig Jahren war. Als stolperten sie direkt hinein in die Carnaby Street, in Vidal Sasoons Salon, in Londons UFO Club, in den Pariser Mai von 1968. Auf die Wiesen von Woodstock. In die Arme von Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band. "You Say You Want a Revolution?" heißt die Ausstellung, mit der das V&A die zweite Hälfte der 60er Jahre ein (weiteres) Mal erlebbar und begreifbar machen möchte. Für den scheidenden Direktor des Museums, den gebürtigen Stuttgarter Martin Roth, hat die Show eine klare politische Dimension.

Information

"You Say You Want a Revolution? Records and Rebels 1966-70",
Victoria and Albert Museum London,
bis 26. Februar 2017.
Link: Victoria and Albert Museum London

Optimistische Auflehnung

Denn Roth möchte gern den "optimistischen Geist" der damaligen Jugend unter anderem mit der "irrwitzigen und spalterischen Rhetorik" heutiger Populisten konfrontieren, die "ihre Inspiration aus der Paranoia der 30er Jahre beziehen statt aus der offenen Geisteshaltung, die für das utopische Denken der 60er Jahre typisch war". Der V&A-Chef selbst hat, als er kürzlich seinen Abgang bekanntgab, kein Hehl aus seiner Enttäuschung über den britischen Brexit-Beschluss und das Wiederaufleben von Nationalismen überall in Europa gemacht.

Einen knallvollen Blockbuster zur Ära von Swinging London, Protest, Rebellion, Drogenkultur und Suche nach Lebensalternativen hat das V&A mithin zusammen getragen. Von den ortseigenen Anfängen - Twiggy, Cecil Beaton, den Kinks - führt die Show in die Welt der Piratensender und des psychedelischen Untergrunds. Kuriose Publikationen wie "The Long Hair Times" und kleine Kostbarkeiten wie den handschriftlichen Text von "Lucy in the Sky with Diamonds" bekommt man vor Augen. Die Beatles und Sgt. Pepper werden als Höhepunkt des neuen, experimentellen Geistes zelebriert.

Auch andere Stars der damaligen Szene - von Bob Dylan bis Pink Floyd - dürfen aufscheinen. Poster, Plattenhüllen, Filmausschnitte und Modeartikel füllen jeden Raum. Danach weitet sich der Blick. Jugendrebellion und studentisches Aufbegehren mischen sich mit Black-Panther-Parolen, feministischen Plakaten und Gay-Liberation-Reminiszenzen. Noch einmal wird blutig um Vietnam gerungen. Selbst Maos rotes Büchlein steht, in einer Nische, auf einem kleinen Ehrenplatz.

Sogar ein Stück Mond

Von da geht es stracks in die Abteilung Kommerz und Konsum-Revolutionen. Durch ein Spiegelkabinett mit Werbeslogans gelangt man zur Expo 1967 in Montreal, zu revolutionärem Design, Panam-Modellen und frühen Fernsehapparaten, die die Mondlandung zeigen. (Sogar ein Stück Mondgestein hat es in die Schau geschafft.) In einer Filmecke wirbt derweil John Lennon unermüdlich im Bad für Frieden auf Erden.

Frommer Zukunftsglaube und blanker Zynismus halten sich die Waage in dieser Welt neuer, hoffnungsvoller Genüsse und Gelüste. "Oh Lord", singt Janis Joplin, "won’t you buy me a Mercedes Benz?" Weiter geht es bei dieser Re-Inszenierung der 60er zu den Festivals der Zeit, den Zusammenkünften, den alternativen Lebensformen, vor allem im Westen der Vereinigten Staaten.

Das V&A biete zum Thema eine beträchtliche Fülle an Objekten, über 350 Stück, teils aus eigenen Beständen. Einiges ist zum ersten Mal zu sehen, wie etwa George Harrisons pfirsichfarbenes Original-Kostüm vom Sgt. Pepper’s-Album-Cover. Mehr als 200 LPs hat man sich besorgt aus der Sammlung John Peels, des legendären englischen Disc Jockeys.

Übrigens wird der Besucher gleich am Eingang versehen mit Kopfhörern, die so clever sind, dass sie wissen, wo man sich gerade befindet - und die einem jeweils die passende Musik bescheren. Nicht allen gefällt diese pausenlose Beschallung, oder auch die elektronische Kontrolle, oder die Atemlosigkeit des Events, vor allem aufs Ende zu.

Auch dass die Show die Rebellen-Träume von damals direkt mit Computertechnologie und Internet in Verbindung bringt, hat kritische Fragen aufgeworfen. Dabei räumt Martin Roth ein, dass die heutige vernetzte Welt "kaum als etwas Befreiendes bezeichnet werden kann", weil auch das Netz seine "dunkle Seite" habe. Die Werte der 60er, die Vision von damals, beeinträchtige das, diese Entwicklung, aber letztlich nicht.

Ideenreiches Konzept

Ein paar kuriose Widersprüche charakterisieren zweifellos die an Ideen reiche Veranstaltung. Wer am Ende, aufgemuntert von bunten Erinnerungen, zu Lennons wehmütig-hoffnungsvollem "Imagine" die Show verlässt und die Exit-Tür öffnet, landet prompt im V&A-Laden, wo einzelne Erinnerungsstücke an die Zeit der großen Verweigerung für astronomische Summen angeboten werden.

Die Veranstalter selbst scheinen sich der Ironie bewusst gewesen zu sein. Mitten in der Schau, auf dem Weg vom Protest zum Konsum, wird man vor die Wahl gestellt, durch eine Tür mit der Aufschrift "Count me In" oder durch eine mit "Count me Out" zu gehen - also zu entscheiden, ob man "mit dabei" sein will oder nicht. Wie sich schnell herausstellt, gibt es ein "Count me Out" aber nicht wirklich. Wer durch diese Tür geht, wird gleich darauf - Imagine! - ums Eck herum auf den Hauptweg zurückgeführt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-28 15:44:07
Letzte nderung am 2016-11-28 19:47:39



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