• vom 26.04.2017, 18:03 Uhr

Kunst

Update: 26.04.2017, 18:09 Uhr

Ausstellung

Die Rückkehr der Moral




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Gemäldegalerie der Akademie und NHM: Oliver Marks Fotografien zur toten Natur.

Ambivalente Korrespondenz zum altmeisterlichen Bild: Fotograf Oliver Mark, im Bild: "Natura Morta #48", 2016.

Ambivalente Korrespondenz zum altmeisterlichen Bild: Fotograf Oliver Mark, im Bild: "Natura Morta #48", 2016.© Oliver Mark Ambivalente Korrespondenz zum altmeisterlichen Bild: Fotograf Oliver Mark, im Bild: "Natura Morta #48", 2016.© Oliver Mark

Schon im Vorfeld gab es die Warnung einer Kollegin vor den Fotografien Oliver Marks und sie trifft ins Schwarze betreffend einer Ästhetik des schönen Scheins, der Ekel erzeugt.

Doch den will der 1963 in Gelsenkirchen geborene Künstler, der sich mit Schwarzweiß-Porträts bekannter Persönlichkeiten einen Namen gemacht hat, mit seiner Serie "Natura Morta" auch auslösen. In Wien ist die subtil an den Rand barocker Repräsentation inszenierte Serie von Farbfotografien im Korridor der Gemäldegalerie mit niederländischen Stillleben konfrontiert, im Naturhistorischen Museum in drei Sälen mit Tierpräparaten, die auf das Artensterben hinweisen.

Information

Oliver Mark: Natura Morta
Gemäldegalerie der Akademie und NHM, bis 16. Juli

Vergänglichkeit

Hatte die Moderne als raue Geste die Moral ausgeklammert, kehrt hier die Sprache aufklärerischer Vernunft, verbunden mit Moral, in den Bereich der Kunst zurück. Das war im bürgerlichen Holland im 17. Jahrhundert bereits ein die Kunst bestimmender Faktor, allerdings verbunden mit den meist kalvinistischen Entsagungen religiöser Vorstellungen: Üppige Stillleben mit Jagdtrophäen oder Früchten und Tieren aus Übersee galten nicht nur der Zurschaustellung wirtschaftlicher Macht, sondern auch dem dialektischen Hinweis, dass der Tod in allem irdischen Reichtum mitschwingt.

Im flämischen Teil der Niederlande hatte die Gegenreformation ihre Moralvorschriften in den Gemälden ebenso sichtbar hinterlassen. Die Vergänglichkeit des Lebens ständig zu bedenken, war Künstlern beim Malen der toten Natur ein besonderes Anliegen, denn mit der Haltbarkeit ihrer Bilder lehnten sie sich auch dagegen auf. Mark übernimmt den Widerspruch der "Natura Morta" aus der Barockmalerei und inszeniert speziell darauf abgestimmt - das beginnt mit der Lichtführung und Farbgebung des Hintergrunds und setzt sich in der Wahl seiner Bildgrößen, Ausschnitte und Komposition fort. Zudem sind seine historischen Rahmen auf die jeweiligen Sujets abgestimmt und gehen über das 19. Jahrhundert zurück bis in Barock und Renaissance. Der Fotograf erwirbt sie bei Auktionen bis nach Spanien und spielt auch mit dieser dekorativen Korrespondenz zum altmeisterlichen Bild.

Er lädt die Gefühle anhand von kostbarer Wirkung auf und verdeckt im ersten Blick ganz bewusst die Herkunft seiner großteils exotischen Gegenstände aus der Asservatenkammer des bundesdeutschen Zolls in Bonn. Luxusgüter sind beliebte Faktoren einer Diskussion um den "Raubtierkapitalismus". In der Gemäldegalerie ist aber die erste Assoziation immer noch dem Ästhetischen und vor allem dem Vergleich mit den barocken Gemälden aus dem Rubens-Umkreis, von Abraham van Beyeren, Jan Weenix oder Willem van Aelst verbunden - erst der zweite Blick führt weiter.

Kunstdidaktik neu

Im Naturhistorischen Museum stellt sich der Ekel viel schneller ein. Marks Bühneninszenierung für jeden Leoparden-Schädel, hängende Felle, abgeschlagene Nashörner, Federnschmuck, Schildkrötenpanzer, Elefantenfüße, Schlangenschuhe und Krokotaschen nähert sich mit spotartig intensivem Lichteinfall von links in eine relativ dunkle Kammer dem Großmeister barocker Helldunkelbühnen, Caravaggio an.

Fotografie hat die "Augentäuschung" (Trompe l’oeil) der alten Gemälde abgelöst, ihre Warnung haben wir lange nicht mehr ernst genommen, doch begonnen die gesellschaftlichen Strukturen dahinter freizulegen: Denn nur dem Adel stand die Großwildjagd zu, die Bürger mussten sich mit Singvögeln begnügen. Dazu hat sich langsam ein Nachdenkprozess entwickelt und erst seit den 1980er Jahren ist der Elfenbeinhandel verboten und stehen 35.000 Tier- und Pflanzenarten unter Schutz.

Doch Haifischflossensuppe, Schlangenschnaps und Tigerbalsam leben in magischen Praktiken weiter. Keine Fotografien zum Mögen also, eher zur Diskussion über neue Kunst-Didaktik.





Schlagwörter

Ausstellung

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-26 16:30:12
Letzte nderung am 2017-04-26 18:09:55



Fotografie

Käthe Hager von Strobele

Geboren 1981 in Bozen, Südtirol; 2001-2008 Diplomstudium der Philosophie, Universität Wien; 2001-2008 Studium der Fotografie (Meisterklasse Eva... weiter




Bildende Kunst

Anna Jenner

Geboren 1948 in Frauenkirchen; Studium an der Hochschule für Angewandte Kunst; 1975-76 Stipendium für einen einjährigen Studienaufenthalt in... weiter




Fotografie

William Albert Allard

Geboren 1937 in Minneapolis, Minnesota; Studium an der Minneapolis School of Fine Arts und an der University of Minnesota; ab 1964 arbeitete Allard 50... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Pop als Kunstwerk
  2. Die Einzelwertungen des Jahres 2017
  3. Der Nächste, bitte
  4. Moonwalk in die Ewigkeit
  5. Kleine Stimme, große Kunst
Meistkommentiert
  1. Johnny Hallyday tot
  2. Kleine Stimme, große Kunst
  3. Bruckner als Kraftwalze


CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey,

Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte. Ein riesiges Medieninteresse begleitete den kurzen Auftritt des österreichischen Hollywood-Exports Christoph Waltz bei seinem Besuch der Viennale.

Viennale-Interimschef Franz Schwartz (links) mit dem Stargast der Eröffnung: Schauspieler John Carroll Lynch zeigte sein Regiedebüt "Lucky" als Eröffnungsfilm der Viennale. Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.

Werbung



Werbung


Werbung