• vom 12.05.2017, 17:03 Uhr

Kunst

Update: 12.05.2017, 17:57 Uhr

Festwochen

Gut gelaunte Kunst-Raumfahrt




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christoph Irrgeher

  • Am Freitag eröffneten die Wiener Festwochen - zugleich zogen Werke von Jonathan Meese im KHM ein. Der Skandalkünstler wird für das Festival auch eine neue Parsifal-Oper inszenieren.

Freundliche Kontaktaufnahme: Jonathan Meese - hier neben der KHM-Generaldirektorin Sabine Haag - präsentiert seine Arbeiten in der Gemäldegalerie. - © apa/Hochmuth

Freundliche Kontaktaufnahme: Jonathan Meese - hier neben der KHM-Generaldirektorin Sabine Haag - präsentiert seine Arbeiten in der Gemäldegalerie. © apa/Hochmuth

"Chef der Kunst": Die Büste schaut finster, aber weint vor Glück.

"Chef der Kunst": Die Büste schaut finster, aber weint vor Glück.© Jan Bauer/Galerie Krinzinger "Chef der Kunst": Die Büste schaut finster, aber weint vor Glück.© Jan Bauer/Galerie Krinzinger

Wien. "Wenn die Leute zuhören sollen, reicht es nicht, ihnen einfach auf die Schulter zu tippen. Man muss sie mit dem Vorschlaghammer treffen." Die Worte stammen aus dem Psychothriller "Sieben", dort äußerst sie der düstere John Doe. Man könnte sie aber auch auf das Schaffen von Jonathan Meese münzen. Der Mann deutsch-britischer Herkunft provoziert zwar nur durch seine Kunst. Das aber gewaltig. Der Hitler-Gruß gehörte in der Vergangenheit ebenso zu seinen Performances wie das Anschreien des Publikums, dem sich Meese als Heilsgestalt des "totalen Theaters" oder der "Kunstdiktatur" zu erkennen gab. Ein Bürgerschreck - aber auch eine Lockung für Kunststätten mit Wagnisbedarf.

Wie die Bayreuther Festspiele. Sie betrauten Meese 2012 mit einer "Parsifal"-Regie für das Jahr 2016 - was Sinn ergab, da auch Wagners "Bühnenweihfestspiel" der Kunst Allerhöchstes zutraut, nämlich die Erlösung der Menschheit. Einige Zeit und Skandale später erlöste sich Bayreuth aber von Meese. Dessen Regie-Konzept sei zu teuer, so die Begründung. Der Künstler wetterte gegen "Kulturarschkriecher".


Skandalschnee von gestern - hätte ihn Tomas Zierhofer-Kin, der neue Leiter der Wiener Festwochen, nicht konserviert und weiterentwickeln lassen. Er hat für seinen ersten Festival-Jahrgang beim Komponisten Bernhard Lang eine zeitgenössische Parsifal-Vertonung bestellt und die Regie in Meeses Hände gelegt: Premiere des Resultates ist am 4. Juni im Theater an der Wien. Meese ist derzeit aber auch im Kunsthistorischen Museum aktiv: Das Haus ist (in Zusammenarbeit mit der Galerie Krinzinger) eine Kooperation mit den Festwochen eingegangen und zeigt ab sofort Bilder und Objekte des Künstlers in der Gemäldegalerie.

Kunst soll Demokratie ablösen
Überraschend, wie sich der Mann mit dem wallenden Haar und der Adidas-Jacke am Freitag im KHM präsentierte. Als Bürgerschreck? Nein, Sonnenschein. Den rechten Arm hob der fröhliche 47-Jährige nur, um zu winken oder seinen Daumen zu heben. Und statt die Gegner seiner Weltsicht anzuknurren - für Meese gehören sämtliche Ideologien entsorgt, nur die Kunst beschere Segen -, stellte er leutselig seine Werkauswahl für das Museum vor.

Als da wären: Drei schlierige Großformate, die sich zwischen die Kinderporträts des Diego Velázquez gedrängt haben. Für das Auge ein schroffer Bruch, für Meese aber ein Nebeneinander mit Bezügen: Jedes Werk von ihm zeigt eine geometrische Form, die sich auch auf dem Nachbarbild findet. Ein Kreis etwa. Ein Quadrat. Ein Dreieck, "ein bisschen Toblerone". Nur logisch: Meese macht Kunst nicht an Virtuosität fest. In mehrere Vitrinen hat er handgeschriebene Notizzettel gesteckt. Garniert mit Alltagsgegenständen, kommt ihnen die Funktion von Manifesten zu. "Kunst = Barbarella", "Kunst = Barbapapa", ist darauf etwa zu lesen. Seine Werke, meint Meese in einem seiner wolkigen Statements, seien hier gelandet wie ein "Raumschiff". Als Kommandobrücke kann man dann wohl eine Büste betrachten. "Der Chef der Kunst (die vier süßesten Erzelemente de Large)" heißt sie und zeigt einen grimmigen Janus, der weint. Das seien aber "Tränen des Glücks, dass man Künstler sein darf." Dieses Glück ließe sich für Meese, den gut gelaunten, aber eben doch radikalen Querdenker, noch steigern: "Ich sehe die Staatsform Kunst schon vor mir, sie soll die Demokratie ablösen."

Ob das kommt, ist zwar fraglich. Die ersten Festwochen des Tomas Zierhofer-Kin, am Freitag mit einem Festakt auf dem Rathausplatz eröffnet, bescheren der Stadt jedenfallsbis zum 18. Juni einen Zuwachs unbekannter Kunstobjekte. Bis dahin bleibt auch Meeses "Raumschiff" im KHM.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-12 17:09:07
Letzte ─nderung am 2017-05-12 17:57:50



Fotografie

Sonja Bachmayer

Geboren 1960 in Ybbs an der Donau; Studium der Ethnologie an der Universität Wien; 2000-2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin am... weiter




Bildende Kunst

Johannes Deutsch

Geboren 1960 in Linz; studierte Grafik und Medienkunst (1975- 1980) an der Höheren Lehranstalt für Kunst und Design in Linz und am... weiter




Bildende Kunst

Tatjana Hardikov

Geboren 1977 in Zagreb/Kroatien; 2002-2004 Akademie der bildenden Künste Wien Prof. Franz Graf; 2004-2005 Erasmus-Stipendium Accademia di belle Arti... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Neue szenische Wege
  2. Makaber
  3. Hosentürlreiber mit Jukebox-Hintergrund
  4. Unausgeschöpfte Tragik
  5. Schwerelos
Meistkommentiert
  1. Je schwerer, desto leichter fällt es Barbara Hannigan
  2. Interkontinental


Durch den Abend begleitete der Moderator Stephen Colbert. "Was auch immer Sie für den Präsidenten empfinden, Sie können nicht leugnen, dass jede Sendung auf eine Weise von Donald Trump beeinflusst wurde", sagte er zur Eröffnung der Emmy-Verleihung und machte damit deutlich, dass der Rest des Abends ziemlich politisch zugehen werde. "Warum habt ihr Trump keinen Emmy gegeben?", fragte er das Publikum. "Wenn er einen gewonnen hätte, wäre er vielleicht nie in das Rennen um die Präsidentschaft gegangen." Trump war in der Vergangenheit mehrfach für seine TV-Show "Celebrity Apprentice" nominiert worden, hatte aber nie gewonnen und sich darüber häufig öffentlich beschwert.

Während einer Protestveranstaltung gegen Polizeigewalt vor dem Police Department von Baton Rouge, Louisiana, USA, am 9. Juli 2016, stellt sich die Aktivistin Ieshia Evans den vorrückenden Polizisten entgegen und streckt ihre Hände aus, bereit, sich verhaften zu lassen. Georgeund Amal Clooney gehörte die Aufmerksamkeit am Wochenende. Die gemeinsamenZwillinge blieben jedoch daheim bei der Nanny.

Matt Damon mit seiner Frau Luciana Barroso. "Downsizing", in dem Damon die Hauptrolle spielt, hat die 74. Festspiele von Venedig eröffnet. Der US-amerikanische Rapper Kendrick Lamar wurde sechsfach ausgezeichnet. Der wichtigste Preis: Sein Hit  "Humble" wurde zum Video des Jahres gewählt.

Werbung



Werbung


Werbung