• vom 18.05.2017, 17:09 Uhr

Kunst


Wiener Festwochen

Mit den Augen der Entdeckten




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Judith Belfkih

  • Die Festwochen-Ausstellung "The Conundrum of Imagination" als kritische Geschichtsstunde mit künstlerischen Mitteln.

Episches Filmporträt : John Akomfrah studiert die Ausgangslage der Kolonialzeit im England des 16. Jahrhunderts. - © Smoking Dogs Films; Lisson Gallery

Episches Filmporträt : John Akomfrah studiert die Ausgangslage der Kolonialzeit im England des 16. Jahrhunderts. © Smoking Dogs Films; Lisson Gallery

Ahmet Ögüt lässt Besucher nach Diamanten graben.

Ahmet Ögüt lässt Besucher nach Diamanten graben.© Ahmet Ögüt Ahmet Ögüt lässt Besucher nach Diamanten graben.© Ahmet Ögüt

Die Kolonialzeit mit ihren Entdeckern, Unterwerfern und Ausbeutern gilt manchen Analysten als der zentrale Ausgangs- und Angelpunkt vieler globaler Missstände und Problemzonen - von der Flüchtlingskrise bis hin zu zahlreichen wirtschaftlichen und kriegerischen Auseinandersetzungen. Meist dominiert in der Sicht auf diese Epoche der Blick des Westens - auch in der Kunst. "Dabei stülpen wir unsere Meinungen sowie politischen und emotionalen Muster über die Welt", analysiert Tomas Zierhofer-Kin.

Um mit genau diesem Mechanismus zu brechen, um andere Blickwinkel einzunehmen hat der neue Festwochen-Intendant das Format der Ausstellung reaktiviert und internationale Künstlerinnen und Künstler eingeladen, ihre Positionen zum Thema Kolonialismus im Rahmen des Festivals zu präsentieren. Das Resultat ist eine abwechslungsreiche Folge an Installationen und Videoarbeiten, die trotz der unterschiedlichen Mittel, Stile und Humorverständnisse ein stringenter roter Faden verknüpft.

Information

The Conundrum of Imagination
Bonaventure Soh Bejeng Ndikung und Pauline Doutreluingne (Kuratoren); Leopold Museum und Performeum (Laxenburgerstr. 2a) Wiener Festwochen; bis 18. Juni

Gold, God und Glory - diese drei Motive standen für Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung im Zentrum seiner Auseinandersetzung mit den Entdeckungs- und Eroberungstätigkeiten vom 14. bis ins 19. Jahrhundert. Ihm ging es in seiner Auswahl an Positionen jedoch nicht um Hinweise mit erhobenem Zeigefinger, sondern darum "was es mit uns gemacht hat". Vielleicht habe ja auch Amerika Columbus entdeckt und nicht umgekehrt, scherzte er.

Wie variantenreich und vor allem sinnlich erlebbar der Blick auf die bis heute sichtbaren Folgen der Kolonialisierung sein kann, zeigen die sechzehn Installationen: Da lässt sich ein kunterbunt eingerichtetes Pfahl-Haus von Marco Montiel-Soto erkunden, dessen Vorbild sich am venezolanischen Maracaibo-See findet - mit schwarz bemalten Heiligenfigürchen, Volksmärchen und Hängematte. Gleich daneben kann die viel zu selten erzählte und erschütternde Geschichte des Widerstandes gegen die Landnehmer erforscht werden: Zwischen aus Lehm geformten Ziegeln und Klumpen - sie dienten neben Zaubersprüchen und Steinen oft als einzige Waffen - dokumentiert Dineo Seshee Bopape Momente des Widerstandes in Afrika vom 15. Jahrhundert bis heute. Als heilsbringende Entwicklungshelfer sahen sich bekanntlich vor allem die Entdecker selbst - und tun es zuweilen bis heute.

Neues Festivalzentrum mit altem Industriecharme

Diese Arbeiten sind das sinnliche Zentrum des Ausstellungsteiles im Performeum - dem neuen Festvalzentrum der Festwochen. Die frühere ÖBB-Lagerhalle hinter dem Hauptbahnhof steht Zierhofer-Kin für die nächsten drei Ausgaben der Festwochen zur Verfügung. Die großen Hallen mit kargem Industrie-Charme beherbergen neben der Ausstellung die Performances und Lectures, die alle vertretenen Künstler beisteuern, sind aber auch Location für Partys und Veranstaltungen wie Hamamness oder "House of Realness".

Der zweite und umfassendere Teil von "Conundrum of Imagination" ist im Leopold Museum untergebracht. Hier lässt Ahmet Ögüt die Museumsbesucher zu Schatzsuchern werden, die in einem riesigen Haufen Kohle mit Stiefeln, Schutzanzug und Schaufel bewaffnet nach einem Diamanten graben können. Cineastische Umsetzung einer intensiven Recherche ist "The Trouble with Palms" von Filipa César, wobei sich die portugiesische Filmemacherin mit einer deutschen Palmöl- und Rüstungsfabrik näher auseinandergesetzt hat. Ebenfalls filmisch ist das Porträt von John Akomfrah, der das England des 16. Jahrhunderts beleuchtet und damit auf den Spuren der Ausgangszeit des Kolonialismus und der Schaffung einer "Neuen Welt" wandert. Jean-Pierre Bekolo zeichnet daneben seine Aufarbeitung des frühen Kolonialismus in Kamerun aus einer zeitgenössischen afrikanischen Perspektive neu.

Die künstlerischen Um- und Auseinandersetzungen sind insgesamt höchst unterschiedlich: Vom eher locker-ironischen Zugang von Naufus Ramirez-Figueroas in "Babylonian Fantasy", die das Mormonentum in Guatemala mit Verschwörungstheorien und außerirdischen Würmern zusammenführt, dann wieder recht konkret und stark auf Archivmaterial zugreifend, wie Mathieu Kleyebe Abonnencs Filminstallation "The Night Readers", die sich der surinamischen Revolution annimmt.

Als einen "Essay mit vielen Fußnoten" bezeichnete der Kurator selbst die Schau, in Form einer künstlerisch aufbereiteten, kurzweiligen Lehrstunde in Sachen (Kultur-)Geschichte, möchte man ergänzen. Ob sich dem Besucher all die teils spannenden, teils humorvollen, immer jedoch vielschichtig kritischen Subtexte der Arbeiten über das Begleitheft und die spärlichen Saaltexte erschließen, ist zumindest zu hoffen. Sie kommen dafür vielleicht in den Genuss eines sehr vergänglichen, augenzwinkernd mit Kanibalismus spielenden Werks, das bei der Vorbesichtigung noch nicht gereicht wurde: Eis am Stiel in Form von Körperteilen - selbstredend in diversen Hautfarben und Geschmacksrichtungen.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-05-18 16:57:27
Letzte ─nderung am 2017-05-18 17:05:46



Fotografie

Hans Weiss

Geboren 1950 in Hittisau/Vorarlberg; seine fotografische Ausbildung erhielt Hans Weiss am International Center of Photography in New York und an der... weiter




Fotografie

Gerlinde Miesenböck

Geboren 1978 in Freistadt; PhD an der Kunstuniversität Linz; Mag.art. für Visuelle Mediengestaltung/Grafik-Design & Fotografie an der Kunstuniversität... weiter




Fotografie

Robert Rutöd

Geboren 1959 in Wien, Fotograf und Filmemacher; seine Arbeiten wurden weltweit auf zahlreichen Festivals und Ausstellungen gezeigt und erhielten... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Tausend Tränen tief
  2. Cool und vital
  3. Neue Wege auf dunklen Straßen
  4. Wasser als Metapher
  5. Mit breitem Pinsel dünn aufgetragen
Meistkommentiert
  1. Das Mittelmaß des Wahnsinns
  2. Mit breitem Pinsel dünn aufgetragen
  3. Dialekt jenseits seiner Grenzen
  4. Intensität ohne Netz
  5. Sängerin der Cranberries gestorben


Wissensdurstig, neugierig, seelenvoll und nachdenklich sieht David Bowie auf den Aufnahmen aus. Hier in August Wallas Zimmer.

Die 75. Golden Globes wurden zur Bühne der Frauen mit einer Kampfansage an Sexismus, Missbrauch und Benachteiligungn. "Ich möchte, dass heute alle Mädchen wissen, dass ein neues Zeitalter am Horizont anbricht", sagte die US-Entertainerin Oprah Winfrey in ihrer Dankesrede nach Empfang des Ehrenpreises für ihr Lebenswerk - und rührte viele im Saal zu Tränen. "Zu lang wurden Frauen nicht angehört oder ihnen wurde nicht geglaubt, wenn sie den Mut hatten, gegen die Macht von Männern aufzubegehren." Deren Tage seien nun gezählt. Jetzt müssten alle dafür kämpfen, dass es in Zukunft niemanden mehr gibt, der als Opfer "Me too" sagen muss, mahnte Winfrey. Zur ganzen Rede Ein Gruppenfoto der PreisträgerInnen.

CHAMPIGNON, 1850, Sepia, Kohle, Fettstift, Gouache auf Papier, 47,4 x 60,8 cm, Maisons de Victor Hugo, Paris/Guernesey, Edvard Munch beschäftigte sich in zahlreichen Werken mit dem Thema Melancholie, die er bevorzugt als einsame Person am Strand darstellte.

Werbung



Werbung


Werbung