• vom 26.05.2017, 16:43 Uhr

Kunst


Ausstellungskritik

Die Rückkehr der Moral




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Der schöne Schein und der Ekel: Die Gemäldegalerie der Akademie und das Naturhistorische zeigen Oliver Marks Fotografien zur toten Natur.

Bühnenartig inszeniert Oliver Mark seine Fotografien.

Bühnenartig inszeniert Oliver Mark seine Fotografien.© O. Mark Bühnenartig inszeniert Oliver Mark seine Fotografien.© O. Mark

Schon im Vorfeld gab es die Warnung einer Kollegin vor den Fotografien Oliver Marks und sie trifft ins Schwarze betreffend einer Ästhetik des schönen Scheins, der Ekel erzeugt. Doch den will der 1963 in Gelsenkirchen geborene Künstler, der sich mit Schwarzweiß-Porträts bekannter Persönlichkeiten einen Namen gemacht hat, mit seiner Serie "Natura Morta" auch auslösen.

In Wien ist die subtil an den Rand barocker Repräsentation inszenierte Serie von Farbfotografien im Korridor der Gemäldegalerie mit niederländischen Stillleben konfrontiert, im Naturhistorischen Museum in drei Sälen mit Tierpräparaten, die auf das Artensterben hinweisen. Hatte die Moderne als raue Geste die Moral ausgeklammert, kehrt hier die Sprache aufklärerischer Vernunft, verbunden mit Moral, in den Bereich der Kunst zurück.


Das war im bürgerlichen Holland im 17. Jahrhundert bereits ein die Kunst bestimmender Faktor, allerdings verbunden mit den meist kalvinistischen Entsagungen religiöser Vorstellungen: Üppige Stillleben mit Jagdtrophäen oder Früchten und Tieren aus Übersee galten nicht nur der Zurschaustellung wirtschaftlicher Macht, sondern auch dem dialektischen Hinweis, dass der Tod in allem irdischen Reichtum mitschwingt. Im flämischen Teil der Niederlande hatte die Gegenreformation ihre Moralvorschriften in den Gemälden ebenso sichtbar hinterlassen.

Vergänglichkeit des Lebens
Die Vergänglichkeit des Lebens ständig zu bedenken, war Künstlern beim Malen der toten Natur ein besonderes Anliegen, denn mit der Haltbarkeit ihrer Bilder lehnten sie sich dagegen auf. Mark übernimmt den Widerspruch der "Natura Morta" aus der Barockmalerei und inszeniert speziell darauf abgestimmt - das beginnt mit der Lichtführung und Farbgebung des Hintergrunds und setzt sich in der Wahl seiner Bildgrößen, Ausschnitte und Komposition fort.

Zudem sind seine historischen Rahmen auf die jeweiligen Sujets abgestimmt und gehen über das 19. Jahrhundert zurück bis in Barock und Renaissance. Der Fotograf erwirbt sie bei Auktionen, bei Händlern bis nach Spanien und spielt auch mit dieser dekorativen Korrespondenz zum altmeisterlichen Bild. Er lädt die Gefühle anhand von kostbarer Wirkung auf und verdeckt im ersten Blick ganz bewusst die Herkunft seiner großteils exotischen Gegenstände aus der Asservatenkammer des bundesdeutschen Zolls in Bonn. Luxusgüter sind beliebte Faktoren einer Diskussion um den "Raubtierkapitalismus".

Schneller Ekel
In der Gemäldegalerie ist aber die erste Assoziation immer noch dem Ästhetischen und vor allem dem Vergleich mit den barocken Gemälden aus dem Rubens-Umkreis, von Abraham van Beyeren, Jan Weenix oder Willem van Aelst verbunden - erst der zweite Blick führt weiter. Im Naturhistorischen Museum stellt sich der Ekel viel schneller ein.

Marks Bühneninszenierung für jeden Leoparden-Schädel, hängende Felle, abgeschlagene Nashörner, Federnschmuck, Schildkrötenpanzer, Elefantenfüße, Schlangenschuhe und Krokotaschen nähert sich mit spotartig intensivem Lichteinfall von links in eine relativ dunkle Kammer dem Großmeister barocker Helldunkelbühnen, Caravaggio (Michelangelo Merisi), an. Fotografie hat die "Augentäuschung" (Trompe l’oeil) der alten Gemälde abgelöst, ihre Warnung haben wir lange nicht mehr ernst genommen, doch begonnen die gesellschaftlichen Strukturen dahinter freizulegen: Denn nur dem Adel stand die Großwildjagd zu, die Bürger mussten sich mit Singvögeln begnügen. Keine Fotografien zum Mögen also, eher zur Diskussion über neue Kunst-Didaktik.

Ausstellung

Oliver Mark. Natura Morta

Gemäldegalerie der Akademie und Naturhistorisches Museum

Bis 16. Juli




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-26 16:48:09



Fotografie

Alfred Weidinger

Geboren am 3. Juni 1961 in Schwanenstadt (Oberösterreich); 1985 bis 1998 Studium der Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie von 1985 bis 1998 an... weiter




Bildende Kunst

Lilly Hagg

Geboren 1971 in Wien; Besuch der Höheren Bundeslehranstalt für Mode und Bekleidungstechnik in Wien; Abschluss mit Meisterprüfung; danach... weiter




Fotografie

Kaja Stech

Geboren 1988 in Danzig (Polen), ist im Bereich der künstlerischen Fotografie tätig. Sie hat viele Reisen nach Italien, Frankreich, Spanien, Slowenien... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Stürmen und Sinnieren
  2. Der Hausmeister von Graceland
  3. Song als Mini-Kunstwerk
  4. Sonaten, Fantasien und ihre Wechselwirkungen
  5. Neuausrichtung
Meistkommentiert
  1. Der Hausmeister von Graceland


"Zusammenspiel" von Irene Charlotte Jahn.

Am Montagabend feierte Michael Haneke mit "Happy End" zum siebenten Mal Weltpremiere im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes. Monica Bellucci war die Gastgeberin beim Auftakt des Festivals: Eine ehrenvolle Rolle, bei der man durch den Gala-Abend führt. Entsprechend chiczeigte sich die inzwischen 52-Jährige.

Fesselndes am letzten Wochenende in Krems: "Durational Rope" von Quarto brachten Seile unter anderem zum Tanzen. Blixa Bargeld und eines seiner Instrumente.

Werbung



Werbung