• vom 19.06.2017, 16:36 Uhr

Kunst

Update: 19.06.2017, 22:04 Uhr

325-Jahr-Jubiläum-Akademie

Leeren des Lehrgebäudes




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Die Akademie der bildenden Künste wurde vor 325 Jahren gegründet. Sie feiert mit feministischer Perspektive.





Mit einer "Feminist Idol Lecture" beginnen die Feierlichkeiten. Linda Williams von der Berkeley-Universität hält am Vorabend des Festtages den Vortrag und die Akademie kündigt "Motion and E-motion" an. Die feministische Perspektive ist in einer der ältesten Kunstakademien Europas (nach Rom, Florenz und Paris) tatsächlich nötig. Erst kürzlich ist die fast ausschließlich männliche Geschichte der Bildungseinrichtung zu Ende gegangen: Gründung 1692, Aufnahme von Studentinnen 1920, Ernennung erster Professorinnen 1962, Erlangen eines ausgeglichenen Personalstands 2017. Das 325-Jahr-Jubiläum der Akademie ist Anlass, um den Blick in die Vergangenheit der Bildungseinrichtung zu schärfen und mit neuen Erkenntnissen zu hinterfragen.

Die Bestellung von Gerda Matejka-Felden 1967 zur Professorin gilt oft als Premiere, stimmt aber nur, wenn man das Gedächtnis auf die Zeit nach 1945 beschränkt. Denn es gab 1768 bereits Schülerinnen - neben Katharina Heim auch die beiden Töchter von Maria Theresia, Maria Anna und Maria Caroline von Habsburg-Lothringen, und es saßen im damaligen Kunstbeirat als am Unterricht beteiligte Mitglieder Anna Dorothea Therbusch, Anna Philibert-Coulet und Gabrielle Beyer-Bartrand; Letztere hat die beiden Habsburgerinnen unterrichtet, von ihrem Talent zeugen ausdrucksvolle Zeichnungen im Kupferstichkabinett der Akademie sowie gemalte Chinoiserien in Schönbrunn. Dies freilich bis heute unbekannt. Erst nach der Reorganisation von 1773 fand akademische Ausbildung in einer reinen Männergesellschaft statt.



Trotz Aufklärung und Vorbildern in Amerika wurden in Wien erst im Jahr 1920 Frauen wieder an Meisterklassen der Akademie unter männlicher Leitung zum Studium zugelassen - als die prominenten Schüler der ersten Moderne, Gustav Klimt, Egon Schiele, Richard Gerstl oder Otto Wagner, schon tot waren. Anders verhielt es sich an der Kunstgewerbeschule (heutige Universität für angewandte Kunst): Da gab es bereits um 1900 Frauen im Lehrkörper und weibliche Studierende. Maria Lassnig war dort nicht die erste Professorin nach 1945, denn die Malerin Grete Rader-Soulek leitete schon davor die Meisterklasse für Textilkunst.


Lassnigs Lügen
Wenn bedacht wird, dass Franz Xaver Messerschmidt seinerzeit keine Professur bekam; am Beginn des 20. Jahrhunderts Wagnerschüler Josef Plečnik vom Hof nicht als Professor für Architektur bestellt wurde, weil er Slowene war, dann tröstet eigentlich nur die immer erwähnte Tatsache, dass der von Schiele verhasste Christian Griepenkerl einen gewissen Adolf Hitler zwei Mal bei der Aufnahmeprüfung als talentlos ablehnte.

Seit kurzem ist die NS-Vergangenheit der Akademie durch Verena Pawlowsky genau durchleuchtet; dabei kam zutage, dass die Behauptung von Lassnig, sie hätte in ihrer Studienzeit als "entartete" Malerin gegolten, eine Lüge war. Vielmehr erfuhr sie besondere Unterstützung und bekam sogar Reisestipendien in der NS-Zeit. Neben ihr wird auf eine hoch gefährdete Schülerin namens Susanne Wenger leider meist vergessen. In den Bombennächten fertigte Wenger surrealistische Buntstiftzeichnungen an, die sogar im Art Club nach 1945 noch Befremden auslösten. Mit Schweizer Pass hatte Wenger zwar bessere Möglichkeiten zu fliehen als andere, stand aber zu ihren Grazer Künstlerfreunden Heinz Leinfellner und Maria Biljan-Bilger, mit denen sie in aktivem Widerstand in Wien junge Künstler wie den Deserteur Wander Bertoni und den Halbjuden Ernst Fuchs versteckte. Wenger ging in den 1960er Jahren nach Afrika, nahm aber viele Impulse aus Wien, Zürich und Paris mit, die sie in ihr Gesamtkunstwerk integrierte - den heiligen Hain von Osogbo in Nigeria, der als eines der wenigen Werke einer europäischen Künstlerin heute als Unesco-Weltkulturerbe leider auch in postkolonialer Forschung unberücksichtigt bleibt.

Viele Umzüge
Alles relativ mit den bekannten Schülerinnen. Auch das Gründungsdatum ist nicht ganz fix: Entweder 1692 oder 1705, bzw. die Wiedergründung 1726, nach dem Tod des Gründers Peter Strudel (Strudl) und der Pest in Wien.

Ein erster Vermerk von 1689 verweist auf Uranfänge als private Initiative Strudels in Wien, der im Jahr davor aus Italien ankam. Den offiziellen Auftrag zur Gründung durch Kaiser Leopold I. erhielt Strudel als dessen Kammermaler erst 1705 und bis 1712 (als in Wien die Pest wütete und die Akademie in einem Sperrgebiet lag) oder bis zu seinem Tod 1714 hat er zuerst im Schönbrunnerhaus (Tuchlauben) und dann im sogenannten Strudlhof (oberhalb der bekannten Stiege) mit seinem Bruder Paul Malerei und Bildhauerei unterrichtet sowie eine Lehrsammlung von vorbildlichen Gipsen angelegt.

Die Wiedereröffnung der Akademie gelang Hofmaler Jacob van Schuppen 1726, Ignaz Heinitz von Heintzenthal hatte davor sein Ansuchen bei Hof nicht durchgebracht. 1742 gab es einen Umzug in Räume der Hofbibliothek, danach wich man 1748 nach weiterer Unterbrechung 1746 in sechs Räume der Neuen Hofstallungen aus.

Laokoons Fenstersturz
Damals gab es nicht nur kunsttheoretische Diskurse wie in Paris und London, auch internationale Schüler und alle drei Jahre Wahlen zu Rektorat und Kollegium, ab 1772 die Organisation in vier Kunstschulen: Malerei, Bildhauerei, Baukunst sowie Kupferstecher und Graveure (Druckgrafik). 1786 zog man für 90 Jahre ins St. Anna Kloster (Annagasse/Johannesgasse), wo neben Ateliers, Werkstätten, Bibliothek, Glyptothek und Gipsgießerei erste Ausstellungsflächen vorhanden waren.

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Dokument erstellt am 2017-06-19 16:41:14
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