• vom 20.08.2017, 07:30 Uhr

Kunst

Update: 20.08.2017, 10:13 Uhr

Ausstellungskritik

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Von Manuel Meyer

  • Das Centre Pompidou Málaga beleuchtet mit Objekten und Zeichnungen die Genialität von Star-Designer Philippe Starck.

Inspirationstapeten und ihre Folgen: Stühle und Skizzen von Philippe Starck.

Inspirationstapeten und ihre Folgen: Stühle und Skizzen von Philippe Starck.© Centre Pompidou Malaga Inspirationstapeten und ihre Folgen: Stühle und Skizzen von Philippe Starck.© Centre Pompidou Malaga

Tische, Räder, Uhren, Zahnbürsten, Stühle, Badezimmer, Golfwagen, Restaurants, Kopfhörer bis hin zu Luxus-Hotels und Segelyachten. Philippe Starck hat in seinem Leben so gut wie alles entworfen, was man sich nur vorstellen kann. 10.000 Objekte sollen es sein, die der Feder des wohl bekanntesten Produktdesigners und Innenarchitekten entstammen. Sogar Parfümflakons, Klobürsten und Teddybären kreierte der 68-jährige Franzose.

Seine Prämissen: "Harmonie ist wichtiger als Schönheit, denn Schönheit ist relativ und vergänglich. Vor allem muss der Gegenstand aber nützlich und funktional sein", erklärt Starck im Centre Pompiou im südspanischen Málaga. Die erste Auslands-Filiale des weltberühmten Pariser Kunsttempels will den kreativen Prozess des Star-Designers beleuchten. Natürlich werden dabei viele seiner bekanntesten Erfindungen gezeigt: Hinter einer Plexiglasvitrine thront die an eine Spinne erinnernde Saftpresse Juicy Salif, als handle es sich um eine wertvolle Kunst-Skulptur und nicht um eine Zitronenpresse, die in tausenden von Küchen steht. Seine goldfarbenen Alu-Maschinengewehr-Lampen Bedside Gun fehlen auch nicht in der Ausstellung.

Information

Starck. Geheime Zeichnung.
Centre Pompidou Málaga
bis 17. Sept.
www.centrepompidou-malaga.eu

Aliens und Flipflops

Vom Alien-ähnlichen Taburete-W.W.-Stuhl und dem transparenten Louis-Ghost-Sitz über die Axor-Starck-V-Wasserhähne bis hin zum Starckbike M.A.S.S. Snow zeigt das Centre Pompidou Málaga Highlights seiner Kreationen.

Da Starck normalerweise Ausstellungs-Angebote abschlägt, kann man verstehen, warum sich die Spanier auch Starcks jüngsten, kommerziellen Erfolge wie die Starck-Flipflops, seine eigene Parfüm-Kollektion Peau und seinen Champagner von Louis Roederer haben unterjubeln lassen.

Bei dieser ambitionierten Design-Ausstellung stehen die Produkte zwar im Mittelpunkt des Ausstellungsraums. Die Protagonisten sind aber eigentlich die Wände. Hier hängen sie: Starcks Zeichnungen und Skizzen. 4000 sind es an der Zahl. "Geheime Zeichnungen" lautet auch der Titel der Ausstellung, die noch bis zum 17. September den Kreationsprozess Starcks anhand jener nie zuvor einem Publikum gezeigten Zeichnungen näherbringen will. Mal handelt es sich um kindlich verspielte Kritzeleien, mal um technisch präzise Darstellungen von Gegenständen, die zu Design-Kultobjekten wurden. Das gestalterische Talent des Franzosen liegt auf der Hand. Doch in der Masse der Skizzen, mit denen die Wände tapeziert sind, verliert selbst das geschulte Auge schnell den Überblick.

Aber der Meister selber gibt im Auditorium des Centre Pompidou einige Anhaltspunkte, wie sich der Besucher der Ausstellung durch das Skizzen-Wirrwarr lesen kann. Zumindest erklärt er, worauf es ihm bei seinem Design ankommt: Er wolle Design machen, das unser Leben verbessert, verschönert, vereinfacht. Mit seinem bereits bekannten Konzept vom "Democratic Design" revolutionierte Starck schon vor Jahrzehnten die Design-Welt wie kein Zweiter. Er produzierte als einer der ersten Star-Designer ästhetische Gegenstände zu erschwinglichen Preisen, entrückte Design dem Image des Elitären.

Klingt paradox, denkt man daran, wie vor wenigen Wochen die größte und teuerste Segelyacht der Welt im Hafen von Gibraltar, ganz in der Nähe von Málaga, ankerte. Starck entwickelte die spektakuläre, fast 143 Meter lange, 25 Meter breite und mehrstöckige Yacht "A" für einen russischen Multi-Milliardär. Kosten: 400 Millionen Euro! Auch für Apple-Gründer Steve Jobs kreierte er bereits eine Luxus-Yacht.

Für Philippe Starck stellt das jedoch keinen Verrat an seinem "Democratic Design"-Konzept dar. Er sei da wie Robin Hood. Bei solchen Luxus-Großaufträgen könne er Technologien und Materialien ausprobieren, um diese später auf günstigere, für die Masse kaufbare Produkte anzuwenden.

Präsidenten-Designer

Starck ist halt nicht nur ein Design-Genie, sondern auch ein Marketing-Genie, der schon mit 19 Jahren seine eigene Firma für aufblasbare Möbel gründete - die Starck Products, die später in "Ubik" umgetauft wurde. Acht Jahre später, 1968, landete Starck mit der Innengestaltung für zwei Pariser Nachtclubs, das La Main Bleue und das Les Bains Douches, seine ersten Erfolge. Den Ritterschlag im internationalen Design-Zirkus erhielt er 1983, als er die Privaträume von François Mitterrand im Élysée-Palast gestalten durfte. Wenig später kreierte er das Interieur des legendären Pariser Café Costes. Seitdem hat er weltweit hunderte Restaurants, Bars und Hotels gestaltet.

1996 begann der Sohn eines Pariser Luftfahrtingenieurs, der als Schüler sein innenarchitektonisches Talent bei der Konzeption ausgefeilter Folterräume für gehasste Lehrer entdeckte, auch im Modebereich zu arbeiten. Brillen, Kleidung, Kopfhörer. Das Sortiment seines gigantischen Unternehmens ist unerschöpflich. Auch das zeigt diese Ausstellung.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-08-18 16:39:13
Letzte nderung am 2017-08-20 10:13:12



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